"Meine besten Infos darf ich nicht vertwittern."

- "Ich bin vielleicht ein verkappter Medienjournalist", sagt Patrik Müller. Über Twitter kommentiert der "Sonntag"-Chefredaktor täglich Artikel anderer Journalisten. Geht er bald als Medienkritiker zu SF, obwohl seine Zeitung wohl dieses Jahr erstmals schwarze Zahlen schreiben wird? Im Interview mit persoenlich.com spricht er über "Vertiefungsprimeure", Social-Media-Fallen und er erklärt, warum ihn am Sonntag die Tagesschau aufgeregt hat.

Herr Müller, Oswald Grübel gab Ihnen zweimal in Folge Auskunft: Vor einer Woche das Interview zur SNB-Politik, dann an diesem Sonntag das Quote: "Ich fühle mich nicht schuldig." Dabei gilt es als nicht ganz einfach, an den UBS-CEO heranzukommen. Wie schafften Sie das?

Wir warteten lange darauf. "Der Sonntag" hatte seit seiner Gründung kein einfaches Verhältnis zur UBS, denn wegen des Subprime-Debakels recherchierten wir sehr hartnäckig. Das hatte zur Folge, dass Oswald Grübels Vorgänger – Marcel Ospel und Marcel Rohner – nicht mit uns sprachen.

Wie genau gingen Sie vor, um Grübel zu kriegen?

Ich hatte einmal das Glück, bei einem Nachtesssen neben ihm zu sitzen. Das war ein spannender Abend und ich fragte ihn für ein Interview. Einige Zeit später klappte es schliesslich durch eine normale Anfrage bei der Medienstelle.

Wie kamen diese Quotes für den zweiten Text dieses Wochenende zu Stande?

Das war ein telefonisches Gespräch.

Die Tagesschau vom Sonntagabend erklärte aber ihrerseits die "erste Stellungsnahme Grübels nach dem Bekanntwerden des 2-Milliarden-Betrugs" bekommen zu haben. Das hat Sie empört.

Nein, nicht empört, aber es war unredlich: Die erste Stellungnahme war im "Sonntag", nicht in der "Tagesschau".

Sind Sie zufrieden mit der Beachtung, die diese Grübel-Artikel ausgelöst haben?

Sicher. Sowohl das Interview mit der Kritik an der Nationalbank wie seine Stellungnahme zum Zocker-Skandal wurden international wahrgenommen.

Sind die zahlreichen Zitierungen auch darauf zurückzuführen, dass Sie und Ihre Kollegen beim "Sonntag" Ihre Texte und sich selber vermehrt über Twitter vermarkten?

Ich bin erst seit vier Monaten auf Twitter. Dabei habe ich gemerkt, dass gewisse Stories besser beachtet werden, wenn ich sie auf Twitter verlinke. So erreicht man vor allem Politiker und andere Medienschaffende, Leute aus der Kommunikation. Dies ergibt eine gewisse Multiplikatorwirkung, denn nicht alle haben den Text im "Sonntag" gelesen, erfahren dann aber über Twitter davon. Das Grübel-Interview ist allerdings ein schlechtes Beispiel dafür, denn dieser Artikel wäre sowieso beachtet worden. Twitter hilft vor allem bei interessanten Geschichten, bei denen wir keinen grossen Namen haben, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

"Der Sonntag" stellt viele Texte gratis ins Internet: Jeweils 12 Hauptgeschichten und 25 Meldungen. Das ist soviel Gratis-Content wie bei keiner anderen Sonntagszeitung. Warum verschenken Sie Ihre Artikel?

Breaking News müssen wir auf unsere eigene Webseite stellen - es wäre ja seltsam, wenn man sie nur auf Newsnetz, persoenlich.com oder 20min.ch fände. Wenn wir zum Beispiel die Hauptaussage des Grübel-Interviews nicht online gestellt hätten, hätten Internetuser auf Konkurrenz-Websites gehen müssen, um sie dort – den "Sonntag" zitierend – zu finden. Wir wollen lieber gewisse Originaltexte selber online stellen, als unsere Texte nur als Zusammenfassungen auf anderen Plattformen zu lesen.

Sie sprachen es an: Auch wir bei persoenlich.com paraphrasieren oft Texte von Sonntagszeitungen, wie es teilweise auch andere Onlineportale tun. Was sagen Sie dazu?

Dies ist schon ein Konflikt. Einerseits sollten Leser, die ein Jahresabo zahlen, möglichst viel Exklusivität bekommen. Andererseits erhalten wir als Sonntagszeitung spannendere Interviewpartner, wenn der Interviewte weiss, dass seine Botschaften durch die vielen Zitierungen und Verlinkungen auf anderen Onlineportalen eine höhere Reichweite erhalten. Interviewte haben Freude, wenn sie merken: "Aha, wenn ich dieser Zeitung ein Interview gebe, hat das einen gewissen Impact." Deshalb muss man abwägen. Wir versuchen, die Texte meist nur auszugsweise online zu stellen, sodass die Leute dazu animiert werden, die ausführlichen Artikel in der Print-Ausgabe oder über unsere iPad-App zu lesen.

Tun die Leute das tatsächlich?

Ich glaube nicht, dass wir wegen unserem Online-Angebot weniger Zeitungen verkaufen.

Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser wird härter, auch am Sonntag. Wie wichtig sind Verdichtung, Primeurs und Zuspitzung?

Bei der Zuspitzung gab es Phasen, in denen gewisse Zeitungen zu viel Gas gegeben haben. Diese Praxis ist jedoch aus meiner Sicht wieder etwas korrigiert worden. Zu starke Zuspitzung kommt bei den Lesern schlecht an. Eine gute Geschichte muss man nicht zuspitzen.

Und die Primeurs, wie wichtig sind diese?

Die Primeur-Jagd ist nicht mehr so extrem wie vor zwei, drei Jahren. Instant-Primeurs haben an Wert verloren, denn sie werden sogleich über die Onlineportale verbreitet. Wir setzen mehr auf den so genannten "Vertiefungsprimeur". Ein Vertiefungsprimeur bringt Erkenntnisse, die über den reinen Newswert hinausgehen. Ein Beispiel aus einer anderen Zeitung: Constantin Seibt schrieb kürzlich im "Tages-Anzeiger" über den Abschied der Rechten von der Politik. Dieser Text brachte eine neue Sicht auf die politische Rechte und wurde so zum Renner auf den Social Media.

Vertiefungsprimeur, das ist ein interessanter Ansatz. Können Sie weitere Beispiele anführen?

Auch unser Beitrag über die Szenarien der Bundesratswahl war eine Art Vertiefungsprimeur. Andere Medien übernahmen diese Ordnung. Oder unsere Reportage über häusliche Gewalt. Sie war keine News im eigentlichen Sinn, aber legte offen, was in der Justiz falsch läuft.

Den "Sonntag" gibt es seit ziemlich genau vier Jahren, bisher waren Sie immer defizitär. Wann schreibt Ihre Zeitung schwarze Zahlen?

Wir wurden in die Finanzkrise hineingeboren und standen sie erfolgreich durch. Im ersten Halbjahr schrieben wir schwarze Zahlen. Sofern die Wirtschaft nun nicht völlig zusammenbricht, werden wir dieses Jahr positiv abschliessen.

Die AZ-Leser können den "Sonntag" zu einem minimalen Aufpreis von 26 Franken kaufen, Quersubvention also. Womit verdienen Sie Geld?

Für die AZ-Abonnenten ist der "Sonntag" im 7-Tage-Abo günstiger, das stimmt. Aber die 26 Franken waren nur am Anfang, inzwischen sind wir bei rund 50 Franken. Das reine "Sonntag"-Abo kostet 158 Franken, etwa gleich viel wie bei anderen Sonntagszeitungen. Wir profitieren von den tieferen Kosten, wir beschäftigen wohl nicht einmal halb so viele Leute wie andere Sonntagsblätter.

Wie wahrscheinlich ist ein Zusammenschluss zwischen "Sonntag" und der "SonntagsZeitung" von Tamedia?

Das ist kein Thema.

"Der Sonntag" betreibt ein Medienressort und auch über Twitter äussern Sie sich stark zu Medienthemen. Sie kommentieren die Arbeit der Onlineportale oder posten Ihre Meinung zu Leitartikeln. Warum?

Mich interessieren Medienthemen und ich bilde mir ein, dass ich auf diesem Gebiet auch etwas zu sagen habe. Ich bin vielleicht ein verkappter Medienjournalist. Bei persoenlich.com hatte ich keine Chance mehr, daher verlagert sich das jetzt auf Twitter (lacht).

Vielleicht bietet sich Ihnen ja bald eine andere Chance als Medienjournalist, etwa beim "Club" im Schweizer Fernsehen? Die Sendung soll ja medienkritischer werden. Ausserdem hat die Weltwoche Sie als möglichen Moderator ins Spiel gebracht.

Da müssen Sie beim Schweizer Fernsehen nachfragen.

Doch diese "Club"-Moderation würde Sie schon reizen.

Ich bin ein Vollblutjournalist. Ich komme zwar vom Print, habe aber auch Spass an anderen Kanälen. Auf Radio 1 gibt es meine Radiokolumne, dann habe ich die Social Media entdeckt. Fernsehen wäre bestimmt auch reizvoll. Doch meine Stärken liegen im Print.

Das wäre jedoch ein attraktiver nächster Karriereschritt.

Solange es Papier gibt, würde ich schon gerne bei der Zeitung bleiben. Somit kommt ein vollamtliches Engagement nicht in Frage.

Nochmals zu Twitter: Seit einem Kurs von letzter Woche twittern drei Viertel Ihrer Redaktoren. Was bringt das?

Journalisten sollten die Veränderungen der Branche verstehen. Dies kann man aber nur, wenn man ausprobiert und sich aktiv beteiligt. Twitter verändert auch die Sprache, weil man zur Kürze gezwungen wird. Sogar ein NZZ-Journalist wird da boulevardesk und auch fassbar.

Ist diese Fassbarkeit auch eine Gefahr?

Es lauern schon Fallen. Eine "Spiegel"-Journalistin twitterte zum Hurrikan "Irene" aus New York: "Irene: Bisher enttäuschend". Für diesen Fauxpas hat sich der "Spiegel" dann entschuldigt. Informationen sind schnell draussen und man kann sie nicht mehr zurückrufen.

Journalisten profitieren doch vor allem von den teilweise ungelenken Twitter-Gehversuchen anderer.

Ich würde sagen, Twitter ist experimentell.

In welche Twitter-Fallen sind Sie selber getappt?

Bisher in keine gravierende. Als ich mal mit unserer Tochter auf einem Spielplatz war und zur Personenfreizügigkeit twitterte, früher sei hier noch albanisch gesprochen worden, heute aber hochdeutsch, gab es ein paar böse Reaktionen.

Man muss ja mit einem Tweet ganz unterschiedliche Anspruchsgruppen bedienen. Wen haben Sie vor dem geistigen Auge, wenn Sie einen Tweet senden?

Das habe ich mir noch gar nie so genau überlegt. Mir followen vor allem Politiker, Journalisten, Kommunikatoren oder Studenten – also ein Opinionleader-Publikum. Am ehesten habe ich wohl meine Journalistenkollegen vor Augen.

Haben Sie nie Angst, durch Ihre Tweets die besten Stories zu verschenken?

Das ist ein wichtiger Punkt, den man bedenken muss. Meine besten Infos darf ich nicht vertwittern, sonst schnappt mir jemand anders das Thema weg. Das ist schon eine Gefahr.

Welcher Tweet hat am meisten Reaktionen ausgelöst?

Wenn man über Roger Schawinski schreibt, gibt es viele Reaktionen. Generell erhält man viel Echo auf journalistische Themen.

Wie wäre es, wenn die anderen Chefredaktoren auch auf Twitter aktiv wären? Würde Sie dies freuen oder profitieren Sie momentan davon, dass Sie dieses neue Feld alleine beackern können?

Je mehr Leute auf Twitter sind, desto interessanter wird dieser Kanal. Daher würde ich mich freuen, wenn zum Beispiel auch die Kollegen Spieler oder Müller dabei wären. Das wäre lustig – die Sonntagspresse käme dann täglich.

Interview: Edith Hollenstein