"Meine Frau glaubt, dass ich ihre Storys bereits vor dem Erscheinen überall herumerzähle"

- Powercouple: Hildegard Schwaninger und Jürg Ramspeck prägen seit Jahrzehnten die Schweizer Medienszene. Während Schwaninger mit ihrer wöchentlichen "Tages-Anzeiger"-Kolumne “Notizen zu Namen” erneut für Aufsehen sorgt, beschreibt ihr Ehemann, der ehemalige "Weltwoche"-Chef Jürg Ramspeck, im Blick täglich seine persönlichen Eindrücke – und dies seit rekordverdächtigen zwölf Jahren. Gegenüber “persönlich” äussern sich die beiden über die Krise im Journalismus und das Geheimnis ihrer Ehe. Das Interview:

Frau Schwaninger, warum haben Sie Jürg Ramspeck ein zweites Mal geheiratet?

Schwaninger: Um ehrlich zu sein, mein Steuerberater hat es mir empfohlen. Gleichzeitig habe ich mir aber auch die Frage gestellt, warum soll man denjenigen Menschen, mit dem man am besten befreundet ist, eigentlich nicht heiraten – auch wenn es das zweite Mal ist?

Ist die zweite Ehe anders als die erste?

Schwaninger: (Lacht) Die Flitterwochen sind kürzer. Viele Leute, die ich kenne, sind oder waren zweimal verheiratet, das ist doch nichts Aussergewöhnliches. Wenn man zum ersten Mal heiratet, ist man jung und hat wenig Lebenserfahrung. Dann ist man neugierig auf das Leben, es kommen Turbulenzen, man trennt sich, und später erkennt man, dass der Mann, mit dem man verheiratet war, der liebste auf der Welt ist, und heiratet ihn wieder.

Ramspeck: In der Zeit, in der wir nicht verheiratet waren, haben wir gelebt wie vorher. Es war eine Wiederbereinigung.

Sie gelten als journalistisches Traumpaar. Dominieren dabei die Zusammenarbeit oder die Rivalitäten?

Schwaninger: Weder noch, wir halten Privates und Berufliches auseinander. Ich würde dem Jürg nie erzählen, was ich gerade schreibe. Er liest meine Artikel wie jeder andere in der Zeitung. Wir sehen uns auch unter der Woche nur sehr selten, da er auf seiner Redaktion arbeitet und ich den ganzen Tag unterwegs bin. So habe ich ihm auch nicht erzählt, dass ich die “Notizen zu Namen” im Tages-Anzeiger wiederaufleben lasse. Ich war beim Blutspenden, als er mir am Handy verblüfft mitteilte, dass er soeben im Tagi meine erste Kolumne über den Zürcher Seidenkönig Andi Stutz gelesen habe.

Stimmt das wirklich?

Schwaninger: Ehrenwort. Ich habe im Leben die Erfahrung gemacht, dass man grosse Entscheidungen immer alleine fällen muss. So war es auch bei meinem Comeback als Klatschkolumnistin.

Ramspeck: Hildegard ist wirklich sehr verschwiegen. Die Erklärung ist ganz einfach; meine Frau glaubt, dass ich ihre Storys bereits vor dem Erscheinen überall herumerzähle.

Herr Ramspeck, Sie schreiben seit zwölf Jahren täglich eine Kolumne im Blick. Wie erhält man einen solchen Rhythmus aufrecht?

Ramspeck: Ganz einfach: Indem man sie schreibt. Früher habe ich sie im Ringier-Personalrestaurant verfasst. Seit man dort nicht mehr rauchen darf, hat sich dort die Atmosphäre von der Dichtkunst etwas abgewendet. Nun schreibe ich – obwohl Nichtraucher – meine Texte zu Hause, wo ich meine Ruhe habe.

Haben Sie keine Angst vor dem berühmten weissen Papier?

Ramspeck: Nein. Dagegen gibt es ein Rezept: So zu leben, dass man eine tägliche Kolumne schreiben kann. Möglichst früh aufstehen. Wenig Ferien, Sechstagewoche – dafür früher Feierabend. Journalismus ist mein Beruf. Ich reihe seit meinem 20. Lebensjahr Buchstaben aneinander.

Im Gegensatz zu Hildegards Texten haben manche Ihrer Kolumnen autobiografische Bezüge.

Ramspeck: Ja, von meinem Leben mache ich gelegentlich Gebrauch. Für viele meiner Leser stamme ich aus einer deutlich früheren Epoche, bilde mir aber ein, dass es manchmal Sinn macht, an sie zu erinnern.

Gibt es für Sie eine Schamgrenze, die Sie in Ihren Kolumnen nicht überschreiten?

Ramspeck: Ja, obwohl ich diese nicht exakt benennen kann. Ich würde nie etwas gegen jemanden sagen, der sich gegen mich nicht wehren kann.

Das unterscheidet Sie von Ihrer Frau …

Schwaninger: Gewiss liegt die Schamgrenze in einer Gesellschaftskolumne an einem andern Ort als in einer Glosse. Wird mir beispielsweise zugetragen, dass ein verheirateter Mann, der drei Kinder hat, der zwar bekannt ist, dessen Name niemals in der Zeitung steht, ein aussereheliches Verhältnis hat, würde ich niemals darüber schreiben. Das geht niemanden etwas an. Die Freiheit, sein privates Leben nach eigener Vorstellung zu gestalten, ist ein Menschenrecht, und das respektiere ich. Anders ist es bei sogenannten Promis wie zum Beispiel Jürg Marquard, der ja schon den Blick anruft, wenn er in einem Hotel eincheckt, damit die ein Foto von ihm machen. Der schützt freiwillig seine Privatsphäre selber nicht, also fühle ich mich von ihm nicht zur vollsten Diskretion angehalten. Um die Schamgrenze auszuloten, stelle ich mir immer die Frage, ob ich eine bestimmte Geschichte über mich selbst in der Zeitung aushalten würde oder nicht. Das ist mein Richtwert.

Wie viel Prozent der Geschichten, die Sie erfahren, können Sie in Ihrer Kolumne verwerten?

Schwaninger: Von vier Geschichten kann ich zwei gleich wegwerfen, weil sie nicht oder nur zur Hälfte stimmen. Von den restlichen zwei erscheint vielleicht eine im Blatt.

Sie leiden angeblich darunter, dass immer öfter die Tamedia-Anwälte über Ihre Texte gehen …

Schwaninger: Klar schätzt man es nicht, wenn die Anwälte einen Text im Vorfeld überprüfen und dabei womöglich noch die Pointen rausstreichen. Andererseits verstehe ich, dass die Zeitung keine Prozesse haben will, bei denen es nicht um Wichtiges und Grundsätzliches geht. Seit ich diese Kolumne habe, hatte ich dreimal juristische Probleme; die wurden aber alle glimpflich gelöst.

Herr Ramspeck, Sie haben sich vorhin als Relikt aus einer anderen Epoche bezeichnet. Wie erleben Sie den ganzen Wechsel in der Medienwelt?

Ramspeck: Ich bin vor fünfzig Jahren in den Journalismus hineingeraten. Journalisten definierten sich damals nur über das, was sie schrieben, und nicht über das, was sie in ihrer Zeitung darstellten. Wir konnten jahrelang eine Zeitung lesen, ohne uns dafür zu interessieren, wem sie gehört und wer deren Chefredaktor ist. Das Einzige, was uns interessierte, war die individuelle Stimme des Kollegen. Dies ist heute vollständig anders: Der Journalismus ist zu einer Maschinerie geworden, die ununterbrochen Beiträge produziert. Noch ein Wort zu Hildegards Kolumne. Nachdem sie im Züri-Leu in den Siebzigerjahren ihre Kolumne gestartet hatte, lud mich Professor von Salis, der berühmte Historiker, jedes Jahr auf seinen Sommersitz Schloss Brunegg ein. Die Einladung galt aber nur unter der Bedingung, dass ich Hildegard und mit ihr den neusten Zürcher Klatsch mitbrachte.

War diese Kolumne Ihre Erfindung?

Ramspeck: Offen gestanden, nein. Der Anstoss kam von Verleger Beat Curti, der davon überzeugt war, eine solche Gesellschaftskolumne wäre für Zürich das Richtige. Ich hingegen glaubte nicht an einen Erfolg, da ich dachte, Zürich sei für diese Art von Journalismus viel zu klein. Wie Sie sehen, habe ich mich geirrt.

Schwaninger: Diesbezüglich hat sich nichts geändert. Auch heute noch finden viele Zürcher meine Kolumne überflüssig und wenig standesgemäss. Lediglich der Einwand, dass es auf der ganzen Welt Gesellschaftskolumnen gibt, überzeugt. Jede Weltstadt benötigt ihre People-Seite, so auch Zürich. Dank dieser Argumentation werde ich viel weniger angegriffen. Als ich vor einigen Monaten im Tagi mit meinem Comeback startete, bekam die Redaktion einige empörte Leserbriefe nach dem Motto: Wie kann sich der Tagi so etwas Blödes wie die Schwaninger leisten? Redaktionsintern gab es gegen die Kolumne offenbar wenig Widerstand. Der damalige Chefredaktor Peter Hartmeier war jedenfalls sehr erfreut: Es habe hausintern fast keine negativen Stimmen gegeben, meinte er, wobei mir das Wort “fast” suspekt ist. Klatschjournalismus ist ein permanenter Seiltanz: Die Kolumne soll zwar frech geschrieben sein, aber doch nicht zu frech, damit man irgendwann doch wieder eingeladen wird.

Haben Sie sich dank der Klatschkolumne kennengelernt?

Schwaninger: Nein. Ursprünglich wollte ich ein Volontariat bei den Salzburger Nachrichten absolvieren, da ich aber in Wien studiert hatte, bekam ich keine Stelle. So kam ich nach Zürich und wurde Volontärin bei der damaligen Gratiszeitung Züri-Leu, wo ich auch Jürg kennenlernte. Als mich aber Beat Curti fragte, ob ich eine Gesellschaftskolumne schreiben wolle, habe ich sofort zugesagt. Ich hatte immer ein Faible für Klatschjournalismus, vor allem Michael Graeters Storys in der Münchner Abendzeitung habe ich jeweils mit grösstem Vergnügen gelesen.

Herr Ramspeck, war der Journalistenberuf früher lustiger?

Ramspeck: Nicht unbedingt lustiger, aber weit weniger marktorientiert. Vor 1968 fühlten wir Journalisten uns als wichtige Akteure in einem gesellschaftlichen Wandel, in dessen Zentrum grosse Debatten – wie der Vietnamkrieg, der Kalte Krieg, die Abschaffung der Schweizer Armee oder deren mögliche Atombewaffnung – standen. Wir Journalisten wären nie auf die Idee gekommen, dass wir eigentlich einfach ein “Produkt” herstellen. Heute weiss schon der Volontär, wie hoch seine Auflage, wie gross seine Reichweite und wie schwerwiegend die Fehler seines Verlegers sind. Dies meine ich keineswegs negativ. Heute ist man zum Beispiel als Zeitung Repressalien einzelner Inserenten weitaus weniger ausgeliefert als früher. Was die Wirtschaft betrifft, haben wir von der kritiklosen Nachbetung der Firmen-Jahresberichte zur heutigen Manager-Schelte einen weiten Weg zurückgelegt. Die Öffentlichkeit hält mehr aus als vor 30, 40 Jahren.

(Interview: Matthias Ackeret / Bild: Marc Wetli)

--> Das vollständige Interview findet sich in der Juni-Ausgabe von "persönlich rot"