24.09.2012

Erfolgreiche Frauen

Michèle Roten

Michèle Roten gehört zu den bekanntesten Kolumnisten im Land. Ihr Thema im Tagi-Magazin: Michèle Roten. Nur Nabelschau betreiben will die Germanistin aber nicht: In ihren persönlichen Erfahrungen sucht sie immer auch das Repräsentative. Das "rührungsresistente Antimädchen" zeigt im sechzehnten Teil der Serie "Erfolgreiche Frauen" Gefühle. Sie spricht von der Enttäuschung, nicht verstanden zu werden, ihrer Introvertiertheit und Huscheligkeit. Natürlich betont sie aber: "Ich fange nicht gleich an zu weinen." Das Interview:
Erfolgreiche Frauen: Michèle Roten

Frau Roten, Sie sind Germanistin. Wie würden Sie selbst Ihren Schreibstil beschreiben?

Grundsätzlich schreibe ich sehr direkt und nahe an der gesprochenen Sprache. Aber ich bemühe mich durchaus auch, wenn es dem Text entspricht, eine Art "literarisch" zu schreiben.

Ich würde Ihre Sprache über weite Strecken als konzeptuell mündlich bezeichnen.

Das ist nicht konzeptuell, ich wähle lediglich die direkteste Art zu schreiben. Ich überlege beim Schreiben einer Geschichte nicht hundert Mal, wie ich einen Satz formulieren könnte, sondern schreibe sie so auf, wie ich sie jemandem erzählen würde.

Sie schreiben vor allem über sich selbst, was Sie sehen, hören, lesen und um Sie passiert. Ist das Journalismus?

Die Kolumne ist zwar ein journalistisches Genre, aber irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, zu sagen, das sei Journalismus.

Ist Ihre Kolumne denn Literatur?

Nein (lacht), das würde ich auch nicht sagen. Gibt es vielleicht etwas dazwischen? (überlegt) Mir passen jedenfalls beide Kategorisierungen nicht, meine Kolumne ist weder literarisch noch journalistisch.

Eine Kategorisierung muss ja auch nicht sein. Subjektiver Journalismus ist hierzulande im Gegensatz etwa zu den USA ja eher verpönt. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Es stimmt, in den USA sind diese "personal histories" völlig etabliert und bilden ein eigenes Genre, bei uns hingegen ist subjektiver Journalismus erst im Kommen. Ich glaube, es liegt an der Mentalität der Schweizer: Wir pflegen ganz allgemein nicht so Persönliches preiszugeben und haben einen starken Hang zur Privatheit.

Erklärt sich dadurch ein Teil Ihres Erfolgs, wären Sie in den USA in der Masse der Subjektivität verschwunden?

Ja, das glaube ich absolut. Aber mir ist wichtig festzuhalten, dass ich nicht nur Nabelschau betreibe. Ich beschreibe Persönliches nur dann, wenn ich das Gefühl habe, dass es über sich hinaus reicht, auch etwas Repräsentatives oder eine Erfahrung beschreibt, die auch andere betrifft.

Das widerspiegelt sich auch in den Leserreaktionen, dass Sie fähig sind, den Nerv der Zeit, aktuelle Befindlichkeiten zu treffen. Woher rührt diese Fähigkeit?

Das weiss ich gar nicht genau. Aber es gibt zwei verschiedene Wege, wie sich bei mir Geschichten entwickeln. Ich lese etwas in der Zeitung und schaue, ob es mich oder mein Umfeld betrifft, oder aber ich stelle ganz einfach Tendenzen fest, in dem, was ich erlebe, höre und von anderen Menschen erfahre.

Könnten Sie auch Texte schreiben, in denen Michèle Roten keine Rolle spielt.

Ja, klar, diese Texte schreibe ich ja auch, lustigerweise werden sie im Gegensatz zu meiner Kolumne aber nicht wahrgenommen. Ich schreibe im Tagi-Magazin die ganze Zeit Reportagen und Interviews, in denen ich mich viel mehr zurücknehme. Aber niemand merkt, dass sie von mir sind.

Im Oktober 2011 waren Sie mit Ihrem Baby auf dem Cover des Tagi-Magazins abgebildet. Warum haben Sie sich entschieden Ihr Kind öffentlich zu zeigen?

Weil ich tatsächlich nicht ein Superstar wie Jennifer Lopez bin, bei dem so etwas das Leben des Kindes womöglich negativ beeinflussen könnte oder was auch immer. Ich verstehe nicht, was daran problematisch sein könnte. Das Gesicht meines Kindes sieht man ja auch nicht, aber wenn schon: Es ist mein Baby, so sieht es aus!

Haben Sie negative Reaktionen bekommen?

Nein (überlegt), ah doch! Einen Leserbrief habe ich bekommen. Der war super. Im Brief stand, was für eine verschissene Mutter ich sein müsse – dies sei mir schon anzusehen. Der Umstand, dass ich auf dem Bild vom Kind weg schaue, lasse tief blicken und zeige, wie ich zu meinem Kind stehen würde. Es ist völlig absurd.

In einem Interview mit der "TagesWoche" sagen Sie, Sie hätten nie einen "klassischen Kinderwunsch" gehabt. Kinderhaben beschreiben Sie als interessantes Erlebnis, das es nicht zu verpassen gilt. Das tönt etwa so wie: "Man sollte im Leben einmal LSD ausprobiert haben."

Auf das läuft es tatsächlich hinaus.

Das Erlebnis ist aber nachhaltiger.

Ja, natürlich. Aber wie so oft in meinem Leben habe ich mir einfach überlegt, ob es interessanter ist, etwas zu tun, als es nicht zu tun. Und das ist es ja eigentlich immer. Lange waren Kinder gar kein Thema für mich, dann kam irgendwann ein Punkt in meinem Leben, an dem ich dachte, jetzt ein Kind zu haben, würde mich wahrscheinlich nicht unglücklich machen.

Sie bieten mit Ihren Kolumnen eine wunderbare Projektionsfläche für die Öffentlichkeit. Gibt es Bilder, die Sie stören oder verletzen?

Ja, logisch, etwa wenn ich das Gefühl habe, eine Darstellung stimmt einfach nicht oder ich werde nicht verstanden. Das ist zwar nicht gerade verletzend, aber doch enttäuschend.

Was enttäuscht Sie?

Etwa, eben, wenn Leser denken, es ginge mir nur um Nabelschau. Ich bin frustriert, wenn Leute denken, ich wolle sie nur über meine Fussnägel informieren und sie ein völlig narzisstisches Bild von mir haben. Verletzen können mich aber nur Leute, die ich gut kenne, die mir nahe sind. Aber Leserbriefe etwa lassen mich auch nicht unberührt, zuweilen schockiert es mich einfach, wenn mir ein Wildfremder irgend welche Beschimpfungen an den Kopf wirft.

Ich frage auch aus dem Grund, weil Sie sich den Ruf von Kühle und Schnoddrigkeit erschrieben haben. Im bekannten Dialog mit Regula Stämpfli haben Sie sich die Selbstzuschreibung "rührungsresistentes Antimädchen" gegeben. Man hat das Gefühl, Ihnen könne man an den Kopf knallen, was man will und Sie bleiben cool.

Ja, grundsätzlich bin ich schon weniger eine Person, die gleich anfängt zu weinen. Aber ich habe auch Gefühle (lacht). Es wäre doof zu behaupten, dass mich alles kalt lassen würde. Schlussendlich wollen wir ja alle verstanden werden, auch ich! Und wenn das nicht der Fall ist, ärgert mich das schon.

In einer Kolumne von Ihnen beschreiben Sie eine Partysituation, in der Sie sich nicht wohl fühlen. Sie schildern, dass Sie Ihrem Naturell entsprechend eigentlich introvertiert seien und erst in der Stadt zur Extrovertiertheit umerzogen wurden. Die Extrovertiertheit beschreiben Sie als eine Maske.

Auf eine Art schon, ja. Es ist eine Fähigkeit, die ich mir angeeignet habe.

Das tönt aber sehr anstrengend. Man fragt sich, wieso diese arme Michèle Roten nicht einfach zurück aufs Land geht, wo Sie introvertiert vor sich hin leben kann.

(lacht) Selbst wenn das Stadtleben anstrengender ist, so ist es einfach interessanter, als introvertiert auf einer Kuhweide zu sitzen.

Haben Sie erst in der Stadt gesellschaftliche Formen gelernt?

Gewisserweise schon. Auf den Artikel, den Sie ansprechen habe ich sehr viele Mails gekriegt, von Leuten, die sagten, Sie empfänden genau gleich, von Leuten, die nicht so sein können, wie sie wirklich sind. Von Leuten, die zwar auch gerne unter Menschen sind, aber nicht dauernd gestikulieren und schwatzen wollen, sondern auch gerne mal in einer Ecke sitzen und einfach zuschauen. Aber die Gesellschaft gestattet das nicht. Viele Leute meinen ja, ich sei arrogant, dabei bin ich eher unsicher. Ich bin eher distanziert, umarme nicht gleich jede und jeden – dieses Verhalten wird oft falsch ausgelegt. Die angesprochene Kolumne ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Subjektivität in meinen Kolumnen eben über sich hinausreichen kann und etwas berührt, das nicht nur mich betrifft.

Wie verträgt sich denn die Introvertiertheit mit Ihren publizierten Kolumnen?

Sehr gut, denn ich sitze ja alleine in meinem Büro am Computer (lacht) – das hilft schon sehr. Dazu kommt, dass ich beim Schreiben die absolute Kontrolle darüber habe, was ich preisgebe und was nicht. Man mag meine Kolumnen als persönlich und intim empfinden, für mich sind sie das nicht. Was für mich wirklich intim ist, veröffentliche ich nicht.

Was ist denn zu intim für Ihre Kolumne?

Ich gehe zum Beispiel sicher nicht im Detail auf die Beziehung von mir und meinem Mann ein. Das geht niemanden etwas an. Obwohl es vermutlich auch interessant wäre, weil sich Leute auch da wiedererkennen würden. Aber für mich ist da eine Grenze. Trotzdem ist es wohl so, dass für mich gewisse Bereiche nicht so schützenswert sind, die für andere bereits viel zu privat wären, um sie preiszugeben.

Ihre Kolumnen sind stark geprägt von der städtischen Umgebung. Sie kommen aus Tann (Zürcher Oberland). Warum spielt Ihre ländliche Herkunft eher eine marginale Rolle in Ihrem Schreiben?

Ich bin in die Stadt geflüchtet, weil ich es auf dem Land so schrecklich gefunden habe, zu kleingeistig und eng in jeder Hinsicht. Von dem her wäre es schon ein Thema. Jetzt verbindet mich aber nichts mehr mit dem Land, ausser dass ich da aufgewachsen bin.

Wie waren Sie als Kind?

Meine Mutter sagt immer, ich sei ein lustiges Kind gewesen, hätte immer Witze erzählt. In der Pubertät wurde ich, eben, eher introvertiert. Ich hatte immer enge Freunde, war aber auch gern alleine, habe gelesen und Musik gemacht.

Könnten Sie sich vorstellen mal eine leitende Funktion in einem Unternehmen einzunehmen?

Ja, ich glaube das würde mir durchaus entsprechen, aber es käme sehr darauf an, um welche Position es sich konkret handeln würde. Es müsste ein Projekt sein, bei dem ich ganz stark das Gefühl hätte, dass ich dafür auch die geeignete Person bin.

Haben Sie denn schon Führungserfahrung?

Ja, ich war Chefredaktorin und Verlagsleiterin von Toaster. Wenn auch nur sehr kurz, weil wir den Laden bald schliessen mussten. Der Grund war aber nicht ich (lacht). Ich war damals sehr jung. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jetzt eine 22-jährige Chefin bekommen würde, ich wüsste nicht, ob ich begeistert wäre.

Liest man Ihre Kolumne "Sandwich 13. Franken" bekommt man eher den Eindruck, Sie seien etwas huschelig, man müsse Ihnen helfen, dass Ihnen der Coiffeur die Haare gemäss Ihren Anweisungen schneidet, weil Sie selber nicht in der Lage sind, sich mit Ihrem Anliegen durchzusetzen. Neben Ihrer toughen Selbstbestimmtheit ist Ihnen auch eine alltägliche Hilflosigkeit eigen.

Ja, diese Seite gibt es. Beim Coiffeur etwa sage ich klar, was ich will, er macht aber trotzdem etwas anderes. Ich bin auch nicht der Typ, der in so einem Moment ausruft und auf die Barrikaden geht. Ich zahle halt und ziehe mit meiner Frisur von dannen. Ich reagiere auch selten angemessen auf grundlos aggressive Menschen, oftmals bin ich dann nur verdattert. Wer meint, ich hätte bei solchen Situationen immer einen scharfen Spruch auf Lager, täuscht sich.

Ihre Positionen und Ansichten haben sich zum Teil verändert, Ihr Schreibformat ist aber seit Jahren dasselbe. Ist da eine Veränderung in Sicht?

Ich frage mich oft, wann man aufhören müsste. Ich habe noch keine Antwort gefunden. Aber man muss den richtigen Zeitpunkt finden.

Sie sprechen von "man muss". Muss irgend jemand kommen und Ihnen auf die Schultern klopfen, dass es jetzt reicht?

Wenn, dann gerne mein Chef vom Magazin. Es bringt jetzt nichts, wenn Leserbriefe mit Rücktrittsforderungen kommen (lacht). Aber es kann natürlich auch sein, dass ich irgendwann selber genug habe. Aber ich schreibe sehr gerne, schreibe lieber, als dass ich spreche. Deshalb gebe ich auch nicht gerne Interviews. Ich habe immer wieder Fantasien von anderen Jobs, die mich glücklich machen könnten. Zum Beispiel Coiffeuse. Mein Salon müsste Chez Michèle Nadine heissen.

Nadine?

Das ist mein zweiter Name, mit so einem Namen muss man ja Coiffeuse werden! Jetzt kommen sicher Mails: "Dann werde doch Coiffeuse, wir wären froh!"

Interview: Benedict Neff

Weitere Interviews in dieser Serie:

Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation SRF; Nicole Althaus, Chefredaktorin von "wir eltern"; Regula Fecker, Partnerin bei der Werbeagentur Rod Kommunikation; Rita Flubacher, Ressortleiterin Wirtschaft beim Tagesanzeiger; Colette Gradwohl, Chefredaktorin beim "Landboten"; Jill Abramson, Chefredaktorin bei der "New York Times"; Nadine Borter, Inhaberin der Werbeagentur Contexta; Lis Borner, Chefredaktorin Schweizer Radio DRS; Karin Müller, Programmleiterin bei Radio 24, Esther Girsberger, Publizistin und Dozentin und Ariane Dayer, Chefredaktorin bei "Le Matin Dimanche"; Lisa Feldmann Chefredaktorin "Annabelle"; Cornelia Harder, CEO von Draftfcb/Lowe; Mona Vetsch, Radio- und TV-Moderatorin; Nancy Wayland Bigler, Medien-Chefin Bakom.



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