"Mit einem Laptop geht man nicht in die Badewanne"

Feldmann - Interview mit der "annabelle"-Chefin.

Die Frauenzeitschrift "annabelle" wird 70 Jahre alt. Der runde Geburtstag wird dick gefeiert: mit einer Jubiläumsausgabe, die auf 460 Seiten das Beste aus 70 Jahren "annabelle" präsentiert. Chefredaktorin Lisa Feldmann sprach mit "persoenlich.com" über die Funktion der "annabelle" für die Schweizer Frauen -- und Männer -- sowie die "grüne Welle", die durch die Medienbranche schwappt. Und Feldmann erklärt, warum Frauenzeitschriften auch in zehn Jahren noch unentbehrlich sein werden. Das Interview:

Frau Feldmann, was hat sich in den letzten 70 Jahren mehr verändert: Die Frauen oder die "annabelle"?

(lacht) Die Entwicklung läuft eigentlich parallel. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Vor einigen Jahren haben es sich zwei Personen zum Thema ihrer Liz-Arbeit gemacht, den Fortschritt der Frauenbewegung in der Schweiz und die Entwicklung der "annabelle" miteinander zu vergleichen. Sie stellten dabei fest, dass die "annabelle" den Frauen oft einen ganz kleinen Schritt voraus war, dass es sich insgesamt aber um eine ziemlich parallele Entwicklung handelt.

Dann spielte die "annabelle" für die Schweizer Frauen eine ähnliche Vorreiterolle wie Alice Schwarzers Magazin "Emma" für die Frauen in Deutschland?

Das denke ich nicht, denn die "annabelle" ist unique. So wie auch die Schweizer Frauen und deren Entwicklung einzigartig sind: Ausgehend von einem sehr konservativen Rollenverständnis haben sie sich zu viel weltoffeneren und flexibleren Frauen entwickelt, als sie in manch anderen Ländern anzutreffen sind. Ausserdem ist die "annabelle" auch nicht in dem Masse gesellschaftspolitisch orientiert wie die "Emma". Wir haben aber einen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag von Frau Schwarzer bekommen, die ein grosser Fan der "annabelle" ist.

Für was stand die "annabelle" bei ihrer Gründung -- für was steht sie heute?

Früher verstand sich die "annabelle" mehr als eine Art Lebensratgeber für die Frau. Thematisch stand die junge Frau im Zentrum, die aus dem Elternhaus in die "neue" Welt tritt und damit selbständig wurde. Darüber hinaus gab es die Rubrik "Claudine", in der die Leserinnen konkrete Fragen stellen konnten, die dann ausführlich beantwortet wurden. Später kamen vor allem Kulturthemen dazu. Es gab viele Buch-Vorabdrucke, Buchbesprechungen, Filmthemen und zahlreiche Beiträge aus der Kunstszene. Und natürlich nahmen dann auch die schönen Dinge des Lebens wie Mode und Beauty zunehmend redaktionellen Raum ein.

Die Zeitschrift hat sich also jeweils der Zeit angepasst?

Genau, wobei dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend immer andere Themen im Vordergrund standen. In den 80. Jahren beispielsweise, als die ganze Welt hedonistischer und überschwänglicher war, hat die Zeitschrift dieses Lebensgefühl aufgegriffen und widerspiegelt. In ernsteren, introvertierteren Zeiten, erschien auch die "annabelle" intellektueller und seriöser.

War "annabelle" auch schon immer politisch, ich denke dabei zum Beispiel an die Petition gegen Armeewaffen , oder hat diese Art von Engagement erst unter Ihrer Führung begonnen?

Nein, das hat es immer schon gegeben. annabelle hat sich immer schon in den unterschiedlichsten Bereichen eingemischt und engagiert. In den 70er Jahren zum Beispiel gab es verschiedene Aufrufe, um die Frauen zum Gang an die Urne zu bewegen. Und bis heute setzen wir uns dafür ein, dass die Frauen ihre Rechte wahrnehmen und in der Welt mitreden.

Sass bei der "annabelle" auch schon mal ein Mann auf dem Chefsessel oder war der Posten immer von Frauen besetzt?

Es gab immer wieder Phasen, in denen Männer das Zepter in der Hand hielten. Zum Beispiel Fridolin Luchsinger, René Bortolani und Walter Bosch.

Dann denken sie also nicht, dass Frauen besser wissen, was Frauen wollen?

Naja. Ich glaube, dass sich die Männer, die jeweils als Chefredaktoren tätig waren, immer darauf berufen haben, ein starkes Frauenteam um sich zu haben. Zudem gibt es ja bei der "annabelle" viele Themen, die jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand und unabhängig von seinem Geschlecht umsetzen kann. Natürlich empfiehlt sich eine hohe Affinität zum Themenspektrum der annabelle. Aber die kann durchaus auch ein Mann haben.

Wie hoch ist der Anteil an männlichen Lesern?

Traditionell hat die Leserschaft der "annabelle" immer auch einen nicht unerheblichen Männeranteil. Zur Zeit sind das um die 18 Prozent. Ich kenne einige Männer, die eifrige "annabelle"-Leser sind. Das sind meistens Männer, die sich für Lifestyle-Themen interessieren: Männer eben, die schön wohnen, viel reisen, die gern schöne Dinge sehen und sich für Mode begeistern.

Sie sind bekanntlich auch im Redaktionsteam für das neue "20 Minuten Friday", das ein junges Zielpublikum im Visier hat. Bedeutet dies, dass die "annabelle" junge Frauen nicht anspricht?

Sagen wir mal, sie spricht die "sehr" jungen Frauen nicht an. Und an die richtet sich "Friday". Der grösste Teil der Stammleserschaft von "annabelle" ist zwischen 20 und 40. Das ist auch die Phase des Lebens, in der man die "annabelle" am besten nutzen kann. Frauen in dieser Altersgruppe sind ganz einfach einen Schritt weiter in Bezug auf Selbstbewusstsein. Und sie wissen in der Regel genauer, was sie vom Leben erwarten als die Zielgruppe von "Friday".

Dann konkurrenzieren Sie sich also nicht selbst?

Nein, überhaupt nicht. "Friday" richtet sich wirklich an jüngere. Ich persönlich finde es auch sehr angenehm, dass die "annabelle" nicht die Pflicht hat, auch noch die ganzen Jungen erreichen zu müssen. Denn dann müssten wir einen Spagat machen, bei dem wir dann die älteren Frauen verlieren würden.

Die Medien surfen zur Zeit auf der grünen Welle. Gibt es bald eine "annabelle grün"?

Es gab vor einem Jahr mal eine grüne Ausgabe. Das war jedoch eine einmalige Sache. Wir integrieren das Thema nun regelmässig in die einzelnen Hefte und auch vermehrt im Internet. Davon halte ich persönlich mehr, als ein ganzes Heft zu kreieren, das sich ausschliesslich mit dieser Thematik befasst. Aber wer weiss, vielleicht haben meine Kollegen, welche derzeit die neuen grünen Titel entwickeln ja ein schlagendes Konzept, auf das ich nicht gekommen bin.

Wie sieht eine Frauenzeitschrift in 10 Jahren aus?

Die wichtigste Nachricht ist, dass es sie noch geben wird. Und zwar einfach deshalb, weil man mit einem Laptop nicht in die Badewanne geht oder damit einen Nachmittag unter der Wolldecke verbringt. Den Frauen ein bestimmtes Lebensgefühl zu vermitteln, Stoff zum Träumen zu liefern und Themen zu präsentieren, in denen sie sich wiederfinden, das kann halt nur eine Frauenzeitschrift.

(Interview: Corinne Bauer)

Cover der Jubiläumsausgabe mit den berühmtesten Schweizer Models und Schönheiten der letzten Jahrzehnte. (Foto: Henry Leutwyler)

Das allererste "annabelle"-Cover.