Herr Beck, die "Zauberflöte" wurde auf zwei Kanälen gezeigt und sollte vor allem auch Einblick hinter die Kulissen bieten. Wie sieht das Konzept von "La Traviata" aus?
Mit der "Traviata" gehen wir noch einen sehr grossen Schritt weiter im Versuch, ein möglichst breites Publikum in der Primetime für Oper am Fernsehen zu begeistern. "La Traviata" spielt im Hauptbahnhof, ganz ohne Bühne, mitten unter den Pendlern und Passanten. Der Bahnhof wird dadurch zu einem klingenden, poetischen Ort -- Alltag und hohe Kunst verschmelzen.
Sie haben sich wieder für eine Oper entschieden -- wäre auch ein Musical oder ein Theaterstück in Frage gekommen?
Ja, durchaus. Allerdings ist mir -- von Bernsteins "West Side Story" vielleicht einmal abgesehen -- kein einziges Musical mit auch nur annäherungsweise vergleichbarer musikalischer und dramaturgischer Qualität wie Verdis "Traviata" bekannt. Nicht zuletzt sind es ja auch das Pathos, die grossen Gefühle der Oper, die in der "banalen" Realität des Bahnhofs ihren Widerstand und Nachhall finden. Oder anders ausgedrückt: es war die grösstmögliche "Fallhöhe" zwischen grosser Oper und Bahnhofsalltag, die uns zu dieser Produktion herausgefordert hat.
Warum wurde ausgerechnet der Zürcher Hauptbahnhof als Opernbühne gewählt?
Der HB Zürich ist nicht nur das Zentrum der Stadt, sondern auch die Verkehrsschlagader, das Herz der gesamten Schweiz. Mitten in dieses urbane Herz der Schweiz schlägt die Oper wie ein Meteorit ein und hinterlässt ihre Spuren.
Kommen sich Bahnbetrieb und Oper nicht in den Weg?
Die ganze Produktionsplanung war hoch komplex. Es war beispielsweise äusserst schwierig, mit dem Opernhaus ein Zeitfenster zu vereinbaren, in dem mitten in der Spielzeit Chor, Orchester und Ensemble für mehrere Tage verfügbar waren. Hinzu kamen die Bedürfnisse des Hauptbahnhofs, der von unterschiedlichsten Eventveranstaltern dicht gebucht ist und dessen erste Sorge natürlich der Bahnbetrieb ist. Zum Schluss waren wir froh, ein passendes Datum gefunden zu haben.
Der Event findet an einem Werktag statt. Am Wochenende wäre der Bahnhofsbetrieb ohne Pendler ruhiger.
Die Pendlerströme, all die Passanten, der Bahnbetrieb sind Teil des Konzepts. Sich quasi einen freien Bahnhof zu wünschen, wäre einem Verrat an der ursprünglichen Idee gleichgekommen.
Wer finanziert dieses Kulturprojekt?
"Traviata im Hauptbahnhof" wird aus dem ordentlichen Budget der Abteilung Kultur finanziert. Sponsor ist die SBB.
SF wird zum Opernveranstalter. Ist es nur so möglich, Kultur fernsehgerecht zu inszenieren?
Ich würde niemals sagen, man könne sich nur auf diese Weise im Medium Fernsehen mit Kultur beschäftigen. Die Herausforderung war für uns, eine fernsehgerechte Form zu finden, Oper zu transportieren, eine Form, die nur im Medium Fernsehen und nirgendwo sonst möglich ist. Aber die "Traviata" ist natürlich auch für uns ein ganz aussergewöhnliches, einzigartiges Ereignis und sicherlich nicht die gängige Form der Zukunft für Kulturübertragungen.
Die Oper wird durch diese Inszenierung zum Event. Kann die Oper nur über den Eventcharakter ein breiteres Publikum finden?
Ich bin jedenfalls froh, dass sich so viele Menschen für Oper begeistern können. Und vergessen wir nicht, Oper als Kunstgattung trug schon immer etwas Ereignishaftes in sich, sei es im Barocktheater oder in den Bühnenweihfestspielen Richard Wagners. Ich habe den Eindruck, dass Oper zur Zeit so populär ist wie schon ganz lange nicht mehr, und das hat sicherlich auch etwas mit diesem glänzenden Gemeinschaftserlebnis zu tun.
"La Traviata" wird live übertragen. Gibt es ein "Sicherheitsnetz", falls es eine Panne gibt?
Das wäre schön und würde unsere Nerven ungemein beruhigen, aber ein echtes Netz gibt es nicht. Bei einem Satellitenausfall könnten wir allenfalls die Aufzeichnung der Generalprobe senden. Ob die jedoch fehlerfrei abläuft, steht in den Sternen.
(Interview: Stefan Wyss)