"Momentan herrscht in unserer Branche so etwas wie Krieg"

- Anfang 2009 werden bei Edipresse die Redaktionen aller Schweizer Titel einem publizistischen Direktor unterstellt. Diese neue Funktion übernimmt Eric Hoesli. Edipresse kündigte als erstes Schweizer Medienhaus Entlassungen aufgrund der Finanzkrise an. Laut Hoesli kommen die Jobs auch nach der Krise nicht zurück. Im Gegenteil: "Es wäre illusorisch zu glauben, die notwendigen Anpassungen seien bereits abgeschlossen." Das Interview:

Herr Hoesli, Sie sind bei Edipresse neuer publizistischer Leiter für alle Zeitungen und Zeitschriften. Verstehen Sie sich als welscher Frank A. Meyer?

(Lächelt.) Nein, ich verstehe mich überhaupt nicht als Guru! Ich bin aber überzeugt, dass ein Verleger sich heute mehr denn je um die inhaltliche Qualität seiner Zeitungen und Zeitschriften kümmern muss. Dabei geht es nicht darum, den Chefredaktoren im Alltagsgeschäft reinzureden. Die Aufgabe des Verlegers ist es vielmehr, die Chefredaktoren zu coachen, ihnen zu helfen, Innovationen anzupacken, neue Ideen aufzugleisen, auch neue Kooperationsmöglichkeiten zu prüfen. Die heutigen Umstände fordern von uns grösste Flexibilität, wir müssen den Markt ständig im Auge behalten und rechtzeitig reagieren können. Die Zeit, in der wir leben, fordert auch eine intensivere Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, mit Werten, mit Visionen. Wenn die Chefredaktoren in ihren täglichen Aufgaben fast untergehen, muss der Verleger ihnen beistehen, als Komplize und Gesprächspartner, diskutieren und streiten, wenn es nötig ist.

Sie sind ab Januar Chef eines publizistischen Direktions-Trios, mit Madeleine von Holzen und Peter Rothenbühler als Ihre Stellvertreter. Ist dies in den heutigen Zeiten nicht ein überflüssiger Luxus?

Im Gegenteil, der Markt, die Leser, die harte Konkurrenz und jetzt noch die schwierige Konjunktur, alles zwingt uns, die Qualität unserer Blätter und Internetauftritte zu überprüfen und zu verbessern. Diese Anpassungen müssen jetzt schnell in Angriff genommen werden. Ich bin überzeugt, dass in der heutigen Situation jeder Titel neu überdacht werden muss. Unser Ziel ist es, die Chefredaktoren, die mit der alltäglichen Produktion schon genügend ausgelastet sind, vor allem in dieser konzeptionellen Arbeit zu unterstützen. Dabei gilt, die Kräfte richtig einzuteilen. Dieses Direktions-Trio hat ganz unterschiedliche Stärken, die sich bestens ergänzen: Madeleine von Holzen kennt sich im Internetbereich aus, Peter Rothenbühler im Layout, im Magazin- und People-Journalismus und ich im Informationsbereich.”

Worüber machen Sie sich denn besonders Gedanken, was die Inhalte betrifft?

Viele Leser werfen den Zeitungen vor, dass sie alle gleich seien. Dass sie alle die gleiche Meinung vertreten und gleich aussehen würden. Das stimmt. Wie soll man diesen Tendenzen entgegentreten? Waren wir etwa alle zu streng mit Samuel Schmid, zu nett mit Calmy-Rey? Darüber diskutieren wir mit den Chefredaktoren. Wir müssen immer wieder gegen die irrige Vorstellung kämpfen, dass ein Redaktionsteam ein repräsentatives Muster der Bevölkerung darstellt. Wir sollten noch mehr andere Meinungen einholen, auch solche, die uns nicht sympathisch sind. Vor ein paar Jahren habe ich eine Meinungsumfrage in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, inwiefern sich die politischen Meinungen der Journalisten von denen des breiten Publikums unterscheiden. Daraus ging hervor, dass die grosse Mehrheit der Journalisten Sympathien für die Grünen und für Mitte-links hat, während die SVP, obschon sie die stärkste politische Kraft des Landes ist, unter Journalisten praktisch keine Sympathisanten hat.

Ihr Verlag steht momentan in engem Kontakt zu den Deutschschweizer Verlagshäusern.

Mehr denn je. Während langer Zeit hat sich Edipresse hauptsächlich in der Romandie bewegt. Die grossen Veränderungen der letzten Jahre sind jedoch nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Dazu zähle ich zwei Faktoren: Einerseits haben uns neue Medien wie das Internet und die Gratiszeitungen einen neuen Markt eröffnet. Ich denke vor allem an "20 minutes", welches uns in unserem Heimmarkt stark herausfordert. Zuvor wähnte sich Edipresse in einem sicheren, fast ein wenig gegen aussen geschützten Markt. Das ist heute anders. Das hat uns gezwungen, die bisherigen Strategien sowie die Beziehungen zur Deutschschweiz zu überdenken.

Stimmen Sie der These zu, wonach die grossen Schweizer Verlagshäuser langfristig nicht mehr alleine überleben können?

Ja, die These stimmt. In den nächsten Jahren werden sich nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln. Neben der wirtschaftlich brutalen Situation gibt es momentan auch eine strukturelle Revolution, welche die Pressewelt gehörig ins Wanken bringen wird.

Legen Sie in Zukunft einzelne Produkte zusammen?

Selbstverständlich machen wir uns solche Gedanken, vor allem auf Seiten der Produktion. Gleichzeitig schrecken wir auch nicht vor Fusionen zurück. Es ist klar, dass die regionale Presse in der Romandie, also die klassischen Blätter wie "24 heures", "Tribune de Genève" oder "La Liberté" wichtigen Veränderungen unterworfen sind. Wir werden neue Wege der Kooperation finden müssen, bei denen man die Identität der Blätter nicht antasten wird, aber zusammenlegt, was man zusammenlegen kann. Solche Kooperationen sind sogar mit Leuten möglich, die bisher nicht unbedingt zu unseren Verbündeten gehörten. Man muss heute jede Kooperationsmöglichkeit vorurteilslos ausloten, im Interesse aller. Wir haben gerade auch die grösste Tageszeitung des Welschlandes, "Le Matin Orange", neu positioniert.

In der Westschweiz herrscht ein gnadenloser Kampf zwischen den beiden Gratiszeitungen "Le Matin Bleu" aus Ihrem Haus und "20 minutes" von Tamedia. Wer gibt zuerst auf?

Der Erfolg der beiden Zeitungen ist so gross, dass alle gemeint haben, dass es in der Westschweiz ohne weiteres Platz für zwei Gratiszeitungen habe. Mit der nun beginnenden Wirtschaftskrise ist die Sache nicht mehr so sicher. Der Wettbewerb zwischen den zwei Titeln wird zwar mit Sicherheit nicht nachlassen. Unsere Erfahrung mit "Le Matin Bleu" ist sehr positiv, wir konnten unsere Reaktionsfähigkeit testen und beweisen. Wir haben gezeigt, dass wir sehr schnell innovativ agieren können. Nun müssen wir uns auch in einer neuen wirtschaftlichen Situation bewähren. Aus wirtschaftlichen Gründen prüfen wir momentan, während der Ferienzeit im Sommer mit "Le Matin Bleu" eine Pause einzulegen, so wie wir es seit zwei Jahren zwischen Weihnachten und Neujahr getan haben.

Edipresse hat als erstes Schweizer Verlagshaus Entlassungen ausgesprochen. Dies stiess vor einigen Monaten nicht überall auf Verständnis.

Uns wurde früh klar, dass auch in unserer Branche schwierige Jahre mit grundlegenden Strukturwechseln bevorstehen. Darauf haben wir uns vorbereitet. Primär ging es darum, die Kosten zu senken, um allfälligen Schwierigkeiten besser begegnen zu können. Die beginnende Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass unsere Entscheidung mehr als richtig war. Wir befinden uns Ende dieses Jahres trotz allem in einer mehr oder weniger guten Situation. Mir ist aber klar, dass die Umwälzungsphase noch längst. nicht vorüber ist. Andere Medienunternehmen haben ja inzwischen zu ähnlichen Sparmassnahmen gegriffen.

Kehren die Jobs nach der Krise zurück?

Nein, wir haben es heute mit einer völlig neuen Art von Krise zu tun. Bisher gab es auch in den Medien die normalen strukturellen Schwankungen. In den schlechteren Momenten reichte es, die Zügel ein bisschen anzuziehen, in der Hoffnung, dass sich die Lage normalisiert. Das ist heute grundlegend anders: Wir sind nicht einfach in einem Wellental, wir gehen auf ein neues Zeitalter zu.

Müssen Sie in nächster Zeit noch weitere Leute entlassen?

Es wäre illusorisch zu glauben, die notwendigen Anpassungen seien bereits abgeschlossen. Wir prüfen viele weitere Möglichkeiten der Kostenreduktion, wir denken über die Einführung von variablen Arbeitszeiten nach, auch über ganz neue Formen der Organisation.

Edipresse führt momentan auch harte Diskussionen mit der Publigroupe. Wie sieht der momentane Stand aus?

Wir stehen mit Publigroupe in Verhandlungen, was gegen Ende einer Vertragsperiode immer der Fall ist. Doch die Diskussionen verlaufen heute anders als in der Vergangenheit. Wir möchten in Zukunft einen direkten Kontakt mit unseren Kunden haben. Unser Ziel ist es, konkurrenzfähiger zu werden. Wir diskutieren momentan mit der Publicitas, wie diese neue Art von Zusammenarbeit aussehen könnte.

Gibt es zwischen Publigroupe und Edipresse keine Lausanner Solidarität?

Momentan herrscht in unserer Branche so etwas wie Krieg, da gibt es keinen Platz für Sentimentalitäten. Der Konkurrenzkampf tobt. Es geht nun darum, die Bedürfnisse der Leserschaft und der Kundschaft auf Anzeigenseite in den Vordergrund zu stellen.

(Interview: Matthias Ackeret / Bild: Marc Wetli)