"Momentan sehe ich die 'Tagesschau' nicht als Baustelle"

- Thomas Schäppi übernimmt Anfang 2009 die Redaktionsleitung der "Tagesschau" von Heiner Hug, der in Pension geht. Schäppi räumt ein, dass man als Leiter des SF-Info-Flaggschiffes mehr Manager als Journalist ist. Den "Chef" markieren will er aber nicht: "Ich bin kein Hierarch, der einfach von oben nach unten befiehlt." Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt der neue Redaktionsleiter, was die "Tagesschau" leisten muss. Das Interview:

Herr Schäppi, wie ist es zum Wechsel zur "Tagesschau" gekommen?

Ich bin nun seit fast 20 Jahren bei "Schweiz aktuell", die letzten neun davon als Redaktionsleiter. Nach so langer Zeit habe ich mir eine Veränderung gewünscht. Durch die Konstellation mit der Pensionierung von Heiner Hug, hat sich nun dieser Schritt für mich aufgetan.

Welches werden die grössten Unterschiede zu Ihrem derzeitigen Posten als Redaktionsleiter von "Schweiz aktuell" sein?

Die "Tagesschau" produziert an 365 Tagen im Jahr 60 Minuten Nachrichten. Das ist deutlich mehr als bei "Schweiz aktuell". Zudem ist das Team mit ca. 60 Mitarbeitern viel grösser.

Werden Sie aufgrund der grösseren Redaktion mehr den "Chef" markieren müssen als früher?

Ich bin kein Hierarch, der einfach von oben nach unten befiehlt. Ich bin ein teamorientierter Mensch und versuche das auch bei der "Tagesschau" so weiterzuleben. Die Journalisten sind mündige, gut ausgebildete Leute, die wissen, was sie tun. Für mich geht es darum, Leitplanken zu setzen, mit den Mitarbeitern zu diskutieren, Fakten und Meinungen auf den Tisch zu legen. Natürlich liegt es schlussendlich an mir, gewisse Entscheide zu fällen.

Ist man als Chef der "Tagesschau" mehr Manager als Journalist?

Das ist sicher so. Ich werde managender Journalist sein...

"Schweiz aktuell" gibt Ihnen die Möglichkeit, Themen selber zu setzen. Die "Tagesschau" untersteht dem Diktat der Aktualität. Werden Sie die Freiheiten vermissen?

Bei "Schweiz aktuell" und den Sommerserien "Leben wie zu Gotthelfs Zeiten", "Das Internat" sowie "Pfahlbauer von Pfyn " habe ich meine Kreativität ausleben können, was bei der "Tagesschau" nicht mehr möglich sein wird. Gerade weil ich grosse Freiheiten hatte, fällt es mir jetzt leicht, darauf zu verzichten. Ich kann mir allerdings schon vorstellen, dass ich irgendwann einmal auch wieder in diesem Sinne kreativer arbeiten möchte.

Sie standen für "Schweiz aktuell" auch vor der Kamera, nun treten Sie ganz in den Hintergrund. Tut der Abschied vom Scheinwerferlicht weh?

Ich habe 20 Jahre moderiert -- jetzt habe ich mit diesem Kapitel abgeschlossen. Es stand vor Jahren im Raum, mich auch als Moderator weiterzuentwickeln, als es um die Gesprächsleitung der "Arena" ging. Aber schon damals wollte ich mich lieber in Richtung Redaktionsführung bewegen und habe mich für die Leitung von "Schweiz aktuell" entschieden.

Für die Abteilung Unterhaltung waren Sie ausführender Produzent der Sendung "Traumjob". Hätte es Sie auch gereizt, ganz in die Unterhaltung zu wechseln?

Die Sommerserien und "Traumjob" gehen zwar in die Unterhaltung hinein, hatten aber immer einen journalistischen Zugang. Es stand nie allein das unterhaltende Element im Vordergrund. Reine Unterhaltung wäre nichts für mich.

Wie unterhaltend darf eigentlich die "Tagesschau" sein?

Die "Tagesschau" als Institution verlangt in erster Linie konservativen Journalismus. Das Format ist den Fakten und der Einordnung der Ereignisse verpflichtet. Es geht nicht um einen glatten Start in den Abend. Fernsehen ist aber im weitesten Sinne ein Unterhaltungsmedium, darum darf auch eine Nachrichtensendung solche Elemente beinhalten. Softnews oder ein Spruch eines Moderators liegen im moderaten Rahmen durchaus drin.

Ist die "Tagesschau" für die Zuschauer noch Erstlieferant von News oder haben die neuen Medien diese Rolle übernommen?

Wer sich für News interessiert, wartet heute nicht mehr bis am Abend, um zu erfahren, was auf der Welt passiert. Das Internet oder SMS-Services liefern die reinen Neuigkeiten vorher. Die "Tagesschau" muss auch nicht den Ergeiz haben, am schnellsten zu sein, aber sie sollte die erste journalistisch aufbereitete Sendung sein, die Bilder zeigt, Zusatzfragen stellt und so einen Mehrwert gegenüber den reinen News aufweist. Dabei steht auch eine gewisse Exklusivität der Information im Vordergrund.

Die "Tagesschau" hat ein neues Studio, ein neues On-Screen-Design und die Sendungsstruktur wurde modifiziert. Ist der Umbau damit vorläufig abgeschlossen?

In den letzten Jahren wurde viel in den neuen Auftritt investiert, sowohl was das Erscheinungsbild als auch die Aufbereitung der Nachrichten betrifft. Momentan sehe ich darum die "Tagesschau" nicht als Baustelle. Die grossen Veränderungen wurden vorgenommen, jetzt geht es darum, diese zu perfektionieren. Wir werden aber die Entwicklung der Medienlandschaft -- insbesondere das Konsumverhalten -- sehr aufmerksam beobachten, um bei Bedarf reagieren zu können.

(Interview: Stefan Wyss)