Monsieur Service public

Roger de Weck - Seit drei Jahren ist Roger de Weck Generaldirektor der SRG und somit einer der mächtigsten Medienmacher des Landes. Unentwegt reist er durch die Schweiz und predigt die Vorzüge des Service public. Kritik gab es nur wenig. Dafür umso heftigere: von den Verlegern, die seinen Vorwärtskurs beanstanden, und von den Frauen. Das Interview fand im Schnellzug von Zürich nach Bellinzona statt.

Herr de Weck, Ihre Interviews der jüngsten Zeit erwecken den Eindruck, Sie müssten die SRG ständig verteidigen. Behagt Ihnen das?
Die SRG zur Geltung zu bringen, ja, das behagt mir.

Was ist der Unterschied zum Verteidiger?
Oft sind Verteidiger die Torschützen.

In welcher Rolle sehen Sie sich heute?
Es ist weniger eine Rolle als vielmehr eine Aufgabe, mit meinen Kolleginnen und Kollegen die SRG weiter voranzubringen. Eine schöne Aufgabe. 

Anders gefragt: Sehnen Sie sich nicht nach früheren Tagen zurück, als der Publizist de Weck politisch noch etwas bewegen konnte.
Keine Sekunde. Ich bewege weit mehr als damals. Und die jetzige Aufgabe – am Service public des digitalen Zeitalters zu arbeiten – ist politischer als die des einstigen "SonntagsZeitung"-Kolumnisten. 

Sie sind drei Jahre im Amt. Was hat Sie an Ihrer neuen Funktion am meisten überrascht?
Dass es bislang erstaunlich gut geht. Die SRG versammelt Profis, die sich ganz und gar mit ihrer Arbeit identifizieren, engagiert arbeiten und nicht in erster Linie monetär getrieben sind, auch wenn der Lohn selbstverständlich stimmen muss. Das ergibt eine erstklassige Auslese.

War es in der Privatwirtschaft anders?
Jedenfalls anerkennt die SRG solche Leistung der Kolleginnen und Kollegen: Mit schlechten Löhnen gäbe es keinen guten Journalismus. Wir bauen auf Sozialpartnerschaft. Wir haben – aber nicht zu einem unangemessenen Preis – Gesamtarbeitsverträge. So gut wie möglich bemühen wir uns um faire Anstellungsbedingungen, wobei der Leistungsdruck steigt, da es fürs unerlässliche Internetangebot kein zusätzliches Geld gibt. Swisscom, SBB, Post, SRG: In der Schweiz ist Service public modern, weil unternehmerisch. Auch die besten privaten Unternehmen des digitalen Zeitalters bauen auf beiderseitige Loyalität zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, allen voran Google: für mich in einzelner Hinsicht ein Management-Vorbild. Im Umbruch der Medien, der von uns allen ein konsequentes, gemeinsames Umdenken erfordert, ist Partnerschaft nötiger denn je.

Aber fühlen Sie sich als langjähriger Mann des "geschriebenen Worts" in den SRG-Strukturen nicht manchmal am falschen Platz?
Ursprünglich wollte ich zum Radio. Als Vierzehnjähriger verfolgte ich im Mai 1968 die Live-Reportagen von Europe 1; der französische Radiosender berichtete nächtelang von den Pariser Studentenunruhen. Die Reporter quartierten sich bei Anwohnern ein, telefonierten von dort aus. Dieser allererste Kommerzsender in Europa betrieb einen neuen Journalismus. Seine Vitalität prägte mich. Acht Jahre später, nach dem HSG-Studium, bewarb ich mich bei Europe 1, ich erhielt einen Vorstellungstermin. Im Nachtzug fuhr ich nach Paris, doch als ich mich am Empfang meldete, wusste bei Europe 1 keiner mehr vom Termin. Ich insistierte, blieb einfach in der Lobby sitzen (lacht). 

Mit Erfolg?    
Nach zwei Stunden liess sich der Europe-1-Nachrichtenchef erweichen; er empfing mich mürrisch, aber mit Respekt für meine Beharrlichkeit – denn genau das sollte ja einen Reporter auszeichnen. Doch hatte ich Unglück im Glück: Kaum entspannte sich das Gespräch, stürmte ein Volontär ins Büro. Sekunden zuvor war in Nizza der "Bankraub des Jahrhunderts" bekannt geworden; Gangster hatten einen Tunnel in den Tresorraum der Société Générale gebohrt, 371 Safes aufgebrochen. Im Nu hatte keiner mehr Zeit für mich – und bei Europe 1 bekam ich erst ein Jahrzehnt später die zweite Chance: Das Radio lud mich als Frankreich-Korrespondenten der "Zeit" oft zu Sendungen ein (lacht). 

War der "Fall Chiasso" einer der Höhepunkte Ihrer Laufbahn?
Rückblickend waren die Tiefpunkte die eigentlichen Höhepunkte. Die Arbeit am Umbau der "Zeit" nicht vollenden zu dürfen, hat geschmerzt. Aber dann war ich das folgende Jahrzehnt ein gefragter, frohgemuter Selbstständiger. Und danach kam das Angebot der SRG.

Warum sind Sie bei der "Zeit" gescheitert?
Soll ich, fünfzehn Jahre danach, alles rekonstruieren? Man kann scheitern, ohne versagt zu haben. Der Zeit verdanke ich unendlich viel. Als ich 1983 ihren Konferenzraum erstmals betrat, zögerte ich, wo ich mich setzen sollte. Den Tisch umrundeten Helmut Schmidt, Gräfin Dönhoff, gelegentlich Ralf Dahrendorf, überhaupt Deutschlands klügste Köpfe. Ein Kollege half mir weiter: "Hier gibt es keine Sitzordnung, aber wehe, wenn Sie sie verletzen." Das war der "Zeit"-Stil. Wir Jungen waren zur Teilnahme an den Debatten aufgefordert. Doch kaum hatte der langsame Schweizer Atem geholt, um etwas zu sagen, war die Diskussion schon zwanzig Kilometer weiter. Nach und nach lernte ich halt reden. Die Zeiten bei der "Zeit" waren von A bis Z stimulierend. Umso mehr freut mich der Erfolg meines Nachfolgers Giovanni di Lorenzo; er ist der bessere "Zeit"-Chef. Meine Hauptaufgabe Ende der Neunzigerjahre war der Kulturwandel einer Wochenzeitung, die teils wertbewusst und teils gedankenverloren sehr am 68er-Erbe hing. Mittlerweile bricht die "Zeit" Auflagenrekorde – weil sie massiv in einen zeitgemässen Journalismus investiert, weil sie statt eines Redaktionsmanagers einen Chefredaktor hat. 

Zurück zur SRG. Vermissen Sie Ihre frühere Weltläufigkeit nicht ein bisschen?
Nein, ebenso gerne tauche ich nunmehr in die Schweizer Vielfalt.

Aber statt grosser Politik müssen Sie sich mit Verlegern herumschlagen. Wegbegleiter wie Tamedia-Verleger Pietro Supino stehen auf der anderen Seite der Barrikade.
Ihr Bild von der Barrikade habe ich nicht vor Augen. Barrikaden zu errichten, brächte weder die Verleger noch den audiovisuellen Service public weiter. 

Das sehen die Verleger anders.
Alles spricht dafür, statt Barrikaden gemeinsame technische Infrastrukturen zu errichten.

In Ihrer Anfangszeit bei der SRG hat Sie Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument bei jedem Verlegerkongress massiv angegriffen.
Hauptsache, man achtet einander. Das tun Hanspeter und ich. Wir kennen uns gut. Und nicht erst seit gestern.

Das war für Sie doch ungewöhnlich.
Menschen machen das Leben spannend, nicht ihre Interessen oder Ideologien. Mit guten Kollegen aus der Branche – unbeschadet vermeintlicher oder realer Interessenkonflikte – eine lebendige Beziehung zu pflegen: Das ist konstruktiv, und es macht mehr Spass.

Schön ausgedrückt. Aber denkt die Gegenseite auch so?
Da ich erst tausend Tage im Amt bin, bleibt reichlich Zeit, das Klima weiter aufzuhellen. Und dazu mag zwischendurch ein reinigendes Gewitter verhelfen. 

Welches sind Ihre wichtigsten Projekte für die Zukunft?
Raison d’être der SRG ist das Audiovisuelle. Es ist ihre Kernkompetenz und ihr Auftrag, in erster Linie Audios und Videos zu produzieren: ein Angebot bereitzustellen, das der internationalen audiovisuellen Konkurrenz – sie beherrscht zwei Drittel des Schweizer Fernsehmarkts! – standhält. Ein kommerzieller Anbieter könnte das nicht annähernd schaffen wie die SRG, denn grosse audiovisuelle Produktionen sind ruinös; sie kosten viel zu viel, als dass sie auf unserem viersprachigen, kleinen Markt rentieren würden. Das Volk finanziert uns, wir haben ihm zu dienen: Früher verfolgte es unsere Sendungen einzig in den Kanälen, jetzt gern auch via Internet. Jedes Medienhaus muss dort sein, wo das Publikum ist. Der digital shift ist unsere massgebliche Herausforderung, verzeihen Sie diese banale Auskunft.

Aber verstehen Sie die Ängste der Verleger über die Expansionsstrategie?
Als die Verlagshäuser ihre Webseiten lancierten, war das keine "Expansion", sondern die elementare Hausaufgabe jedes Medienanbieters. Nicht anders verhält es sich mit der SRG. Ich habe Verständnis für die Zukunftssorge einzelner Verlagshäuser, die sich allerdings gut behaupten. In Ländern wie den USA, in denen der Service public völlig marginal ist, geht es den meisten Zeitungen keinen Deut besser, eher schlechter. Gäbe es die SRG nicht oder würde sie auf ein Rumpfangebot schrumpfen, zögen Schweizer Verlagshäuser keinen nennenswerten Vorteil daraus. Die SRG ist hier weder das Problem noch die Lösung. 

Ganz am Schluss noch zwei Namen, mit denen Sie immer wieder in Verbindung gebracht werden: Roger Köppel, Roger Schawinski.
(Lacht.) Als Chefredaktor des "Tages-Anzeigers" suchte ich nach konservativen Jungtalenten, um in der sozialliberalen Redaktion die Debatte zu beleben, andere Perspektiven einzubringen. Dabei fiel mir ein freier NZZ-Mitar-beiter auf, der über Popkonzerte, Eishockeyspiele und Philosophie schrieb. Roger Köppel. Unsere Zusammenarbeit war kurz, da ich 1997 nach Hamburg wechselte. Was er im Kulturteil des "Tages-Anzeigers" schrieb, war origi- nell. Daneben engagierte ich einen damals querdenkenden Linken und freien "WOZ"-Mitarbeiter. Markus Somm. Sie entwickelten sich auf ihre Weise, so wie ich mich auf meine Art. 

Und Roger Schawinski? Heute ist er Ihr Angestellter.
Nein, er ist SRF-Auftragnehmer. Bei meiner Rückkehr nach Zürich als "Tages-Anzeiger"-Chef hatten wir grossen Streit um eine kleine Sache. Zwischen uns herrschte Eiszeit. Zum Glück fanden wir uns wieder, aus dem Kollegen wurde ein Freund. Ich verdanke Roger Schawinski – gerade in menschlicher Hinsicht – viel.

Und er?
Weder Schawinski noch sein Talk "Schawinski" verdanken mir etwas: Von der Sendung erfuhr ich, als sie beschlossene Sache war. Das ist auch richtig so. Als Generaldirektor greife ich nicht in die Programme, in die Programmierung, in die Sendekonzepte, in die Sendungen und in die Wahl der Moderatoren ein. Im Wechselspiel mit dem Verwaltungsrat ist meine Ebene die Arbeit an der Unternehmens- und Angebotsstrategie der gesamten SRG. Und dank einer starken Geschäftsleitung setzen wir diese Schritt für Schritt um. 2014 lancieren wir einen SRG-Player: einen gemeinsamen Player für unsere fünf Unternehmenseinheiten SRF, RTS, RSI, RTR und swissinfo. 
 

Interview: Matthias Ackeret, Fotos: Marc Wetli

Den vollständigen Text finden Sie in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.