Muss den Gürtel enger schnallen

20 Minuten - Marco Boselli wird Chef von Print und Online.

Sparrunde bei 20 Minuten: Tamedia will bis im zweiten Halbjahr 2013 die Kosten deutlich senken. Online- und Printredaktion werden deshalb zusammengelegt und neu vom bisherigen Print-Chefredaktor Marco Boselli (vgl. Bild) geleitet. Weil sich Hansi Voigt keine Co-Chefredaktion vorstellen konnte, verlässt er 20 Minuten per Ende November (vgl. Interview persoenlich.com)

Entlassen wurde der 49-Jährige aber nicht, wie Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage von persoenlich.com betonte. "Wir hätten uns auch eine Doppelspitze vorstellen können, Hansi Voigt schloss das aber von Beginn an aus. Für ihn war klar, dass ein anspruchsvolles Projekt wie die Zusammenführung einen Chefredaktor braucht, der die Verantwortung trägt. Das mussten wir akzeptieren", so Zimmer.

Deshalb hätten sich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung für einen Chefredaktor entscheiden und wählten Marco Boselli. "Es liegt auf der Hand, dass diese Entscheidung keine einfache war: Marco Boselli und Hansi Voigt haben beide einen sehr guten Leistungsausweis". Als sich die Verantwortlichen für Boselli aussprachen, entschloss sich Voigt dazu, seinen Arbeitgeber zu verlassen. Tamedia dankt ihm in einer Mitteilung vom Donnerstag für seine hervorragende Arbeit.

Zu hohe Kosten bei zwei Redaktionen

Die Online- und Printausgaben von "20 Minuten" haben seit einigen Jahren bereits gemeinsame Wirtschafts- und Unterhaltungsressorts. Nun werden auch die anderen Ressorts zusammengelegt. Der Umbau soll im Dezember vollzogen werden. Grund für die Umstrukturierung sind nicht nur die immer stärker werdende Vermischung von Print und Online, sondern nicht zuletzt die zu hohen Kosten der beiden Redaktionen.

Doch wie wird sich die Ausrichtung von 20 Minuten und 20min.ch verändern, wenn der Online-Experte nicht mehr die Verantwortung trägt? "Die Pendlerzeitung 20 Minuten ist heute diejenige Tageszeitung mit den meisten Lesern, 20 Minuten Online das führende Newsportal und gemeinsam sind die beiden Angebote der reichweitenstärkste Medienverbund der Schweiz. Es gibt also keinen Grund, die Positionierung grundsätzlich zu überdenken. Wenn die Online- und die Zeitungsredaktion näher zusammenrücken, wird das sicher auch in der Zeitung und auf 20 Minuten Online zu spüren sein". Wie genau, werde sich aber erst in den nächsten Monaten zeigen, so Zimmer gegenüber persoenlich.com.

Mobile Nutzung rentiert nicht

Wie viel Tamedia sparen will, gibt das Medienhaus nicht bekannt. Die Sparrunde soll aber bis im zweiten Halbjahr 2013 abgeschlossen sein. Man werde einzelne Stellen deshalb nicht mehr besetzen, sagte Zimmer. "Auch einzelne Kündigungen sind nicht ausgeschlossen."

Das Problem von "20 Minuten" und auch anderer Plattformen ist, dass die mobile Nutzung über Smartphones nicht rentiert. Die Nutzerzahlen seien geradezu explodiert, sagte Zimmer. "Bis jetzt wirft die mobile Nutzung aber nur wenig Werbeeinnahmen ab." Der Werbemarkt habe diese Möglichkeiten noch nicht entdeckt. Tamedia wird daher den Ausbau nicht weiter voranzutreiben und die Gesamtkosten bis ins zweite Quartal 2013 schrittweise senken. Die Einsparungen sollen hauptsächlich durch Effizienzgewinne und Fluktuation erzielt werden, wie Zimmer erklärt. Sind daher bezüglich App und Webauftritt Änderungen geplant? Kommt es doch zu einer Kostenpflicht? "Nein, ein Bezahlmodell ist für 20 Minuten Online kein Thema. 20 Minuten Online wird wie die Pendlerzeitung kostenlos bleiben und weiterhin hauptsächlich über klassische Werbung finanziert sein. Das Modell von 20 Minuten Online ist ja sehr erfolgreich, nur wachsen die Werbeeinnahmen langsamer als ursprünglich angenommen und - als Folge des deutlichen Ausbaus der Redaktion - weniger schnell als die Kosten."

Den Rotstift setzt Tamedia auch bei der Wirtschaftszeitung "Finanz und Wirtschaft" an. Dort werden sieben bis acht Stellen eingespart (vgl. persoenlich.com). Die Mediengewerkschaft Syndicom reagierte besorgt auf die Fusions-Nachricht von 20 Minuten. Die Konvergenz von Print und Online dürfe nicht als Sparprojekt missbraucht werden, schreibt sie in einer Mitteilung. In den letzten Jahren seien bereits verschiedene Redaktionen von Sparprogrammen heimgesucht und geschröpft worden. Weitere Entlassungen gelte es unbedingt zu vermeiden. (sda/eh)

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auf das Interview mit Hansi Voigt, dem abtretenden Chefredaktor von 20min.ch.