Sie haben vier Jahre lang den Dalai Lama begleitet und fotografiert. Sie gelten als persönlicher Fotograf des Dalai Lama. Inwiefern öffnet Ihnen diese "Marke" gewisse Türen?
Fotografie nützt Oberflächen für eine Abbildung. Mich haben aber immer auch die Hintergründe unter der Oberfläche interessiert. Es war für mich ganz natürlich, mich in Themen zu vertiefen, die mich faszinierten. Das Engagement für die Menschenrechte führte zu einer Spezialisierung auf das Thema Tibet. Das war nie eine strategische oder kommerzielle Überlegung, sondern entspricht einfach meinem Naturell. Die Spezialisierung führt auch zu einer schemenhaften Kategorisierung von mir als Fotograf. Das hat Vor- und Nachteile.
Welche Nachteile?
Man kriegt auch einen Stempel aufgesetzt. Ich habe ja auch viele andere Themen fotografiert; über rumänische Strassenkinder berichtet, die am weitesten entfernteste Insel der Welt besucht oder mit dem Weissen Hai getaucht, um auf die Überfischung und das abschlachten von Haien aufmerksam zu machen. Auch die Arbeit über den Dalai Lama entstand aus politischer Motivation - auf die Unterdrückung des tibetischen Volkes aufmerksam zu machen, der tibetischen Sache eine Stimme zu geben. Im Nachhinein profitiere ich sicher indirekt vom grossen Ansehen, welches der Dalai Lama in der Welt geniesst. Aber da war nicht eine Absicht dahinter. Es war ja auch ein grosses Privileg, einen solch grossartigen Menschen aus der Nähe erleben und studieren zu dürfen. Das mag ein Teil der Motivation sein. Aber im Vordergrund steht klar das Engagement für ein Thema. Nur diese Überzeugung gibt mir die Kraft, solche Projekte über längere Zeit zu verfolgen. Da steckt ja neben all dem Schönen auch viel Arbeit, Anstrengung und Disziplin dahinter.
Dadurch konnten Sie sich ein profundes Expertenwissen aneignen.
Ich bin Fotojournalist. Mir Wissen anzueignen ist mein Beruf. Einerseits habe ich sicher lange Jahre Fachliteratur gewälzt. Aber ich bin generell ein neugieriger Mensch. am Leben interessiert. Ich reise seit über zwanzig Jahren als Fotojournalist in den Himalaya. In Indien war ich wohl schon beinahe 60 Mal. Dabei hat mich immer das Schicksal des tibetischen Volkes berührt. Aber ich habe auch zu vielen anderen Themen gearbeitet. Diese Erfahrung, gerade auch das emotional Erlebte, empfinde ich als ein grosses Privileg. Hinzu kam das Bedürfnis mich zu vertiefen. Dran zu bleiben. So entsteht über viele Jahre ein Netzwerk. Dieses Netzwerk half uns auch auf der Recherche zu den Arte-Filmen. Es ist schön zu merken, dass man in diese entlegenen Weltengegenden reisen kann und dank Freunden und Kontakten sehr effizient arbeiten kann. Wir hatten für die drei Filme nur sechs Wochen Produktionszeit zur Verfügung.
Worum geht es bei den drei ArteTV-Dokumentarfilmen?
Die drei Dokumentarfilme "Himalaya - Reich des Windpferds" zeigen die ehemaligen Himalaya-Königreiche Ladakh, Spiti und Mustang. Diese buddhistischen Regionen in Indien und Nepal haben gemeinsam, dass sie von tibetischstämmigen Menschen bevölkert sind und von jeher dem tibetischen Kulturkreis angehörten. Anders als im durch China besetzten Tibet ist hier die Tradition lebendig geblieben.
Wie kam es dazu, dass Sie nun in der Sendung sozusagen Mona Vetsch in der SF-Sendung "Fernweh" sind?
Der deutsche Filmemacher Hajo Bergmann hat mich vor einigen Jahren in seinem Film über den Dalai Lama portraitiert. Irgendwie hatte er danach das Gefühl, ich hätte noch mehr zu erzählen und würde als Host taugen.
Wie haben Sie sich auf diesen Job vorbereitet?
Es war eine bewusste Entscheidung von Hajo Bergmann, mich relativ unvorbereitet in das Ganze zu schicken. Er erhoffte sich dadurch eine grössere Authentizität. Ich wusste nicht, wie man sich vor der Kamera verhält. Ich habe nicht einmal einen Fernseher zu Hause. Es war ein interessantes Experiment. Die Filme sind sehr spontan entstanden. Wir sind wirklich einfach schauen gegangen, was wir antreffen werden. Mir passt der Mix der Filme. Es sind keine reinen Portraitfilme über einen Fotografen, es sind eher Einführungen in andere Kulturen und Gesellschaften. Und da sehe ich auch meine Aufgabe als Fotojournalist, Brücken zu bauen zwischen Menschen und Kulturen, zu gegenseitigem Respekt beizutragen.
Offenbar konnten Sie aber von den Aufträgen als Fotojournalist nicht leben. Wie kam es zur beruflichen Neuausrichtung?
Bei mir war das ein natürlicher Übergang. Ich habe schon vor Jahren begonnen mich breiter auszurichten. Die journalistische Form "Grosse Reportage" hat es in der veränderten Medienwelt schon seit vielen Jahren schwer. Meine Projekte habe ich durch Kulturgeld und Stiftungen, vor allem dank der Volkart Stiftung Winterthur, realisieren können. Daneben unterrichte ich Fotografie an verschiedenen Institutionen, halte Vorträge, habe Ausstellungen, mache Bücher und führe nach wie vor Fotoaufträge und eigene Projekte aus. Als nächstes gehe ich für "Geo" auf Reportage. Ein klassischer Magazin-Auftrag also. Auch das gibt es noch.
Sie sind von einer Firma als Reiseleiter angestellt. Wie kam es dazu?
Das ist für mich etwas Neues. Mein Freund Dawa Sigrist vom Reisebüro Tibet Culture Trekking Tour hat mich schon lange bearbeitet und angefragt. Nachdem ich dann zum ersten Mal in Mustang war, hatte ich den Wunsch, diesen wunderschönen Ort auch anderen zu zeigen. So leitete ich für Dawa vor einem Jahr mein erstes Trekking. Es hat grosse Freude gemacht, den Gästen den Zugang zu dieser einzigartigen Gegend zu erleichtern. Für mich ist Mustang der schönste Ort, den ich zurzeit kenne. Natur, Kultur, Geographie, ein Traum. Das muss man im Leben einfach einmal gesehen haben.
Sind noch Plätze frei?
Ja. Und auch für Spontan-Entschlossene finden wir immer eine Lösung.
Wie verläuft die Zusammenarbeit mit "Tibet Culture Trekking Tour"?
Ich bin nicht angestellt. Ich leite ein bis zweimal im Jahr auf freier Basis Reisen für TCTT. Dieses Jahr sind es zwei. Am 20. Mai die Reise "Fürstentum Mustang Das Tor zu Tibet" und dann im August die Fotoreise "Ladakh Das Licht des Himalaya".
Vermitteln Sie neben Expertenwissen über Land und Leute auch Fotografie-Kenntnisse?
Das Mustang-Trekking ist eine Kulturreise. Wir wandern durch diese faszinierende Erosionslandschaft im ariden Kali Gandaki Tal, dem tiefsten Tal der Erde, gelegen zwischen den beiden 8000ern Annapurna und Dhaulagiri und betreten den tibetisch-buddhistischen Kulturkreis des Upper Mustang. Wir besuchen Klöster, Tempel, Meditationshöhlen, Schulen und das Frühjahresfestival mit den archaisch anmutenden Maskentänzen in der Königsstadt Lo Manthang. Natürlich darf mich auch über Fotografie befragen, wer daran ein Interesse hat. Anders ist es bei der Fotoreise nach Ladakh. Da ist das Verhältniss umgekehrt: die Fotografie steht im Vordergrund. Es ist ein eigentlicher Fotoworkshop, den wir über photojourneys.ch anbieten. Auch in der Fotografie geht es aber um Inhalte und so soll die Kultur nicht zu kurz kommen.
Ist Ihre Arbeit nach der Reise abgeschlossen oder treffen Sie die Teilnehmer später wieder?
Mit der Mustang-Gruppe treffe ich mich regelmässig. Ein solch gemeinsames Erlebnis kann einem wirklich näher zueinander bringen. Da sind Freundschaften entstanden. Bei den Fotoreisen bieten wir ganz bewusst nach den Reisen Kurse zur Postproduktion an. Themen wie Bildauswahl, Bildbearbeitung, und das Erzählen in mehreren Bildern werden unterschätzt und oft nicht vermittelt. Das Fotografieren ist das Eine, aber was mach ich nachher mit all den Bildern und wie finde ich das beste Bild unter all diesen Varianten? Diesen Fragen wollen wir nachgehen und den Gästen Hand bieten. Sie sollen nicht nur beim Abdrücken alles richtig zu machen.
Wie aufwändig ist es, mehrere verschiedene Jobs zu haben?
Ich empfinde es als Bereicherung. Es ist schön, sich auf verschiedenen Ebenen zu engagieren. Sicher, es braucht viel Einsatz. Aber den braucht es als Freiberufler immer. Es brauchte ihn, als ich mich voll auf die Arbeit für internationale Medien konzentrierte. Und es braucht ihn auch heute, in einer Arbeitswelt, die vielleicht etwas unübersichtlicher geworden ist. Schlussendlich geht es mir um die Vermittlung von Inhalten. Dies vermehrt auf verschiedenen Ebenen zu tun, ist sehr lehrreich und spannend.
Wie gut kommen Sie finanziell über die Runden?
Es ist immer irgendwie gegangen. Ich hatte noch nie genügend Geld. Wenn ich etwas Geld habe, arbeite ich an meinen Projekten. Manchmal bin ich schon etwas nervös, man wird ja auch nicht jünger. Aber auf der anderen Seite habe ich dadurch das Glück, oft an Themen zu arbeiten, die mich interessieren. Es ist ein Privileg in ein Land geboren zu sein, in dem man sein Leben frei gestalten kann. Diese Chance sollten wir nutzen. Ich erhalte zum Glück auch immer wieder Aufträge, die es mir dann ermöglichen, auch meine eigenen Projekte voranzutreiben. Da wäre sicher noch Potential. Ich bin überzeugt, dass wir Reportage-Fotografen Fähigkeiten besitzen, die sich in verschiedenen Bereichen bewähren und unterschiedlichsten Kunden nützen können.
Sie werden von Nikon gesponsert; ein Privileg, das nur fünf andere Schweizer Fotografen geniessen.
Das grösste Privileg ist sicher der direkte Zugang zur Fachkompetenz von Nikon. Ausserdem ist es eine äusserst angenehme und interessante Zusammenarbeit. Als Nikon Ambassador bekomme ich immer die neusten Nikon Produkte um diese in meinem Fachbereich, der Reportage-Fotografie, ausgiebig zu testen und zu bewerten.
Welche Auflagen sind damit verbunden?
Einerseits stehe ich Nikon für Schulungen, Präsentationen und weitere Anlässe zur Verfügung. Andererseits fliesst mein Feedback aus den Produktetests in die Entwicklung neuer Produkte mit ein. So entsteht eine klassische Win-Win Situation; schliesslich habe ich ein Interesse an hervorragendem Werkzeug. Nikon auf der anderen Seite will die Produkte stetig verbessern.
Welche Projekte stehen sonst noch auf Ihrer Wunschliste?
Nächsten Winter gehe ich mit Explora erneut auf Vortragstournee durch die Deutschschweiz. Diesmal mit einem Mustang-Vortrag. Diesen Vortrag werde ich die kommenden Monate vorbereiten. Dann trage ich schon länger ein sehr schwierig zu realisierendes Projekt in mir. Ich kann noch nichts dazu sagen, die Zeit ist noch nicht reif dafür und es fehlt mir noch die nötige Energie für den Start. Aber der richtige Zeitpunkt wird kommen.
Weitere Informationen finden Sie auf: photojourneys.ch, manuelbauer.ch oder dalailama-archives.org.
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Interview: Edith Hollenstein