Mut zur Grösse

- Tabloid und Relaunch heissen die Wunderwaffen im Kampf gegen sinkende Auflagezahlen. Doch reicht das wirklich? Peter Rothenbühler (Bild), Chefredaktor von Le Matin sowie altgedienter Ringier-Mann, kämpft sich wie jedes Jahr durch den Schweizer Blätterwald. Er hat sich fünf kürzlich neu gestaltete Zeitungen und Zeitschriften vors strenge Auge genommen und sagt, was ihm daran gefällt und was nicht. Und auch warum. "persoenlich.com" bringt drei von Rothenbühlers Kritiken, die restlichen finden sich im aktuellen "persönlich rot".

Tages-Anzeiger: Vorne kein Platz für das Beste

Der neue Tagi-Chef Peter Hartmeier hat eine lebensgefährliche Aufgabe mit Bravour gelöst. Er macht heute mit weniger Personal ein besseres Produkt. Ich wüsste wirklich nicht, wo Hartmeiers Tagi schlechter wäre als der seiner Vorgänger. Die gestalterische Renovation des Blattes geht aber noch viel zu wenig weit. Als Erstes hat Hartmeier die Schweiz-Seiten vor das Ausland gestellt. Man stelle sich vor, was dieser Tabubruch bei einer NZZ ausgelöst hätte: Massenselbstmord im Büro des Chefredaktors.

Aber was macht nun der Tagi, wenn die beste und überraschendste Story des Tages aus dem Ausland oder aus der Region kommt? Vorne muss doch immer Platz sein für die beste Geschichte, wie bei den englischen Top-Blättern! Auch die spannenden Storys der "Kehrseite" gehören eigentlich nach vorne, in die Schweiz- und Ausland-Seiten integriert. Warum nur gehen diese Reformen in der deutschen Schweiz so harzig vorwärts? Weil das Vorbild der Zürcher Zeitungen die grosse deutsche Tagespresse ist, die so innovativ ist wie die alte Prawda. Die neue Seite "Analyse" und die Seite "Bellevue" zeigen, wie der Tagi von morgen aussehen könnte.

Wenn er wollte. Und die tägliche Kolumne von Simone Meier widerlegt alle Vorurteile über Schweizer Journalisten. Nämlich, diese seien unfähig, kurz, witzig, intelligent, verständlich und vor allem täglich zu schreiben. So wie es jeder anständige US-Kolumnist tut. Gut, eine Meier macht noch lange keinen Tagi-Frühling. Aber warum nicht zwei, drei, vier Simone Meier? Warten wirs ab. Inzwischen muss Hartmeier ohnehin sein härtestes Problem lösen: Wie beliefert der Tagi die Regionen rund um Zürich mit sichtbaren Mehrwerten?

Fazit: Unter Peter Hartmeier wird der Tagi moderner. Aber zu langsam. Mini-Reformen wie Schweiz vor Ausland genügen nicht. Immerhin: Kolumnistin Simone Meier macht vor, in welcher Richtung sich das Tagi-Klima verändern könnte. Mein Gratis-Tipp: Um jeden Preis dranbleiben.

Blick (Tabloid): Blick darf nicht Blickli werden

So ein Pech. Da kauft man sich für teures Geld ein wirklich gelungenes neues Gestaltungskonzept, und ein Jahr später zwingt einen die Konkurrenz zum Formatwechsel. Da kann man lange "Blick bleibt Blick" auf die Plakate schreiben. Das will gar niemand! Blick muss sich verändern. Das werden auch Ringiers graue Panter nicht zu verhindern wissen, die bis zuletzt schwere Bedenken gegen das kleine Format hegten.

Mit einem gewissen Recht allerdings. Der Tabloid-Blick sieht an gewissen Tagen krümelig aus, fast so ländlich-bieder wie der Tabloid-Lokalbund der Mittelland-Zeitung. Mehr Blickli als Blick. Das kommt davon, wenn ein Experiment wie Doppio (Blick in zwei Formaten) so zögerlich angepackt wird. Zeitungsmacher mit Tabloiderfahrung wundern sich, dass die "stärkste Zeitung der Schweiz" nicht von ihrer stärksten Erkenntnis profitiert hat: Man kann nicht einfach denselben Stoff in kleinere Seiten abfüllen.

Es braucht ein anderes Layout, eine andere Rubrizierung, eine andere Titelei und die Bildbehandlung ist auch ganz anders. Weil sich das Blickfeld des Lesers und der Leseverlauf und damit eben die ganze Perspektive des Zeitungsmachens radikal verändern. Jetzt haben die Blick-Leute für viel Geld bewiesen, was man eigentlich schon von 20 Minuten -- gratis -- erfahren hat: Tabloid-Zeitungen liegen besser in der Hand. Aber wie ein knalliger Auftritt des Boulevardblatts im Tabloid-Format aussieht, das wissen wir alle noch nicht. Was tut Blick beispielsweise, um die jüngere weibliche Leserschaft über den Sportteil hinaus bis zur letzten Seite zu locken? Wenns nicht gelingt, werden auch die Inserenten ihr Interesse am Blick spätestens ab Seite 19 verlieren.

Es wird noch heiss diesen Sommer. Und dabei läuft Blick Gefahr, noch viel wesentlichere als Gestaltungsfragen weiter auf die lange Bank zu schieben: Wie muss sich Blick inhaltlich positionieren, um endlich den Auflagenzerfall zu stoppen? That is the question. Das Format allein bringts nicht ...

Fazit: Mit grossem Brimborium und viel Geld hat Blick vorgeführt, was wir von 20 Minuten schon wussten: Tabloid ist schick und praktisch. Der kleine Blick muss aber erst noch entwickelt werden. Sonst wird aus Blick bald Blickli. Mein Gratis-Tipp: Sofort mit der Neugestaltung beginnen, denn das dürfte lange gehen.

Facts: Nüchtern wie eine protestantische Kirche

In den Achtzigern betete man US Today an, schwor man auf Infografiken und Kästchen. In den Neunzigern waren Focus und News (Wien) mit "vielen bunten Smarties" Vorbild. Jetzt werden die Gebetsteppiche gerade Richtung Understatement-Layout von Economist (GB) und Weltwoche (ZH) ausgelegt. Entsprechend sieht das frisch reformierte Facts aus: sachlich. Unterkühlt. Nicht sinnlich. Das Layout strahlt die Nüchternheit einer protestantischen Kirche aus. Zwingli hätte seine helle Freude gehabt. Kürzest-Überschriften wie "Bildungslücken", "Abgetaucht" signalisieren, dass hier nicht (mehr) überverkauft weden soll. Text dominiert. Das Bild ist reiner Info-Mehrwert, darf auf keinen Fall emotionale Attrappe sein.

Diese augenfällige Abkehr vom bunten und provokativen Borderline-Journalismus kann dem Ruf von Facts nicht schaden. Doch: Erstens kann man alles übertreiben. Zweitens muss, wer Qualität signalisiert, sie auch liefern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Können es die neuen Facts-Titelbilder im Bild- und Wortwitz mit denen von Economist oder Weltwoche aufnehmen? Nein. Das Homöopathie-Titelbild mit dem braunen Kügeli-Fläschli in der Mitte ("Arznei und Aberglaube, Homöopathie auf dem Prüfstand", Facts Nummer 21) erinnert fatal an die ersten "Sach"-Covers von Ringiers Woche selig.

Zeitlos langweilig. Trotzdem begegnet man im Heftinnern ein paar aktuellen Storys, echt gut geschriebenen sogar. Zum Beispiel über neue Bedürfnisse von Schweizer Freiern, die mehr kuscheln und küssen wollen. Wollen das eigentlich nur Freier? Kuschelig, gemütlich oder gar lustig ist es nicht im Facts. In diesem Kühlhaus-Klima friert sogar das Lächeln von Peter Bodenmann zur Fratze. Die Kolumne von Linus Reichlin ist so distanziert aufgemacht, dass kein einziger Leser hinguckt, der nicht schon weiss, wie genial der Kerl ist. Eigentlich wäre dies alles gar nicht so wichtig, wenn Facts mehr aufregende Storys brächte.