Nachwuchspreis für "Tagi"-Redaktor

Zürcher Journalistenpreis - Ehrverletzungsklage hängig.

Am Dienstagabend sind im Casinotheater Winterthur sechs Journalisten mit dem mit 10‘000 Franken dotierten Zürcher Journalistenpreis 2011 ausgezeichnet worden "persoenlich.com" berichtete.

Der Preis in der Kategorie "Nachwuchs" ging an Maurice Thiriet, Inlandredaktor des "Tages-Anzeigers". Er habe die Geschichte einer jungen Frau aus dem Toggenburg, welche es zur Nasa-Astronautin gebracht habe, als "stratosphärische" Story entlarvt. Die Astrophysikerin war seit Sommer 2009 in verschiedenen Medien - auch im Fernsehen - präsent gewesen. Dabei entstand der Eindruck, die Frau sei auf dem Weg, eine Nasa-Astronautin zu werden. In seinem im August 2010 erschienenen Artikel "Die eingebildete Astronautin" wies Thiriet dann auf verschiedene Widersprüche hin. "persoenlich.com" hat ihn kurz befragt.

Herr Thiriet, Barbara Burtscher wurde hochgejubelt und dann fallen gelassen. So was ist keine Seltenheit im Medienalltag. Warum hat Sie dieser Fall interessiert?

Ich kannte den Namen Barbara Burtscher vor der Recherche gar nicht. Ich wurde eineinhalb Jahre vorher Vater und dann hört man ja auf, Fernsehen zu schauen. Und den People-Teil der Ringier-Medien hatte ich auch nicht verfolgt. Daher wusste ich nicht, wer Barbara Burtscher überhaupt war. Im Nachhinein war das vielleicht ein Vorteil. Denn so konnte ich unvorbelastet an die Geschichte heran gehen. Es stellte sich dann heraus, dass diese Frau viel bekannter war, als ich mir bewusst war. Ich sah einfach bei der Recherche, dass gewisse Dinge nicht stimmen konnten. Ich wusste zum Beispiel von Experten, dass die ESA und die Nasa nur sehr selten Astronauten-Bewerbungsverfahren durchführen. Die letzten lagen offenbar erst ein oder zwei Jahre zurück. Und aus Zehntausenden Bewerbern werden jeweils sieben oder acht ausgewählt. Da wusste ich, dass Barbara Burtscher niemals Astronautin im Sinne eines Claude Nicollier oder eines Neill Armstrongs würde, die im Auftrag eines Staates, eines Staatenbundes oder der Wissenschaft auf fremde Planeten fliegen würde, wie das in den Medien gerne dargestellt worden war.

Wegen des prämierten Artikels haben Sie nun eine Klage wegen Ehrverletzung am Hals.

Das lässt sich manchmal nicht vermeiden. Die Klage liegt beim Bezirksgericht Zürich, dort wird sie nun beurteilt. Wann ein Entscheid zu erwarten ist, kann ich nicht sagen. Das kann lange gehen, vielleicht ein Jahr oder länger. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Wir blicken dem Ausgang des Prozesses jedoch gelassen entgegen.

Wie lange recherchierten Sie für den Artikel?

Vier Tage und zusammengerechnet etwa eine zusätzliche Nacht. Ich musste mit Amerika telefonieren, dies konnte ich aufgrund der Zeitverschiebung erst nach 17 Uhr. In meiner Recherche habe ich telefonisch, über’s Web und Datenbanken nach Informationen gesucht. Ausserdem besuchte ich Frau Burtscher im Toggenburg und habe sie dort mit den Vorwürfen konfrontiert. Andere Journalisten hätten vielleicht eine Stunde vor dem Druck angerufen oder eine Mail geschrieben und eine Stellungnahme verlangt, die sowieso nicht berücksichtigt worden wäre. Das ist unseriös. Ich ging bewusst und angemeldet zu ihr nach Hause. Ich wollte wissen, was für ein Mensch sie ist und wollte ihr die nötige Zeit geben, die Vorwürfe zu entkräften.

Andere Journalisten hätten allenfalls aus juristischen Gründen vor einer vertieften Recherche zurückgeschreckt. Hat Sie jemand abgehalten?

Nein.

Sie sind Inlandredaktor, schreiben beim "Tages-Anzeiger" zudem oft über Medienthemen: TV-Kritiken, über die Differenzen zwischen SRF und der "Weltwoche", über die "Baz", usw. Was fasziniert Sie am Medienjournalismus?

Nichts. Ich mache das nur, weil es Constantin Seibt nicht macht. Er wäre eigentlich unser Medienredaktor.

An der Ringier-Medienkonferenz forderten Sie einen Gratis-Zugang zu den Ringier-Apps. Gleichzeitig beklagen Sie die Sparmassnahmen der Verlage. Geht das zusammen?

Die Ringier-App ist mir einfach zu teuer. Ich finde schon auch, dass man für Informationen Geld verlangen soll. Aber für Ringier bin ich sehr wertvoll, denn ich mache dort Qualitätssicherung, so gut es geht.

Sie machen Qualitätssicherung bei Ringier?

Ich habe bei der Bilanz-Medienkonferenz von Michael Ringier verlangt, er müsse bei seinen Blättern die Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt transparenter machen. Diese Trennung ist nämlich nicht mehr klar, wenn einem Goodnews gehören und Betty Bossi. Plötzlich gab es ja die Titelgeschichte in der "Schweizer Illustrierten", wo transparent war, dass dies ein Text der Credit Suisse war. Jetzt bilde ich mir ein, dass ich hier einen Teil dazu beigetragen habe.

Welches ist Ihr nächstes Karriereziel?

Ich will werden wie Dominique Eigenmann. Er ist Nachrichtenchef beim "Tages-Anzeiger". Er ist super, hochkompetent - ein studierter Philosoph.

Maurice Thiriet (31) ist Inlandredaktor des "Tages-Anzeiger" seit 2008. Zuvor hat er Politologie, Publizistik, Geschichte, Militärgeschichte und Kriminologie studiert und seine journalistische Laufbahn als Redaktor bei "persoenlich.com" begonnen. (eh)