"Neid ist das falsche Wort. Es geht um Chancengleichheit!"

Longchamp-Kritik - Die Diskussionen um Claude Longchamp gehen weiter. Im "SonntagsBlick" hat sich SRF-Chefredaktor Tristan Brenn hinter den umstrittenen Wahlbeobachter gestellt. Longchamp geriet in die Kritik, nachdem sich die Prognose über die Wahlabstinenz der Jugendlichen als nicht korrekt erwiesen hat. Was bedeutet diese Rückendeckung für die anderen Marktforscher, welche Longchamps Monopolstellung immer wieder kritisierten? persoenlich.com hat bei Roland Rosset (im Bild) nachgefragt, dem Präsidenten des Verbandes Schweizer Markt- und Sozialforschung (VSMS).

Herr Rosset, der Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Tristan Brenn, hat sich hinter Claude Longchamp gestellt. Was bedeutet dies für Ihre Branche?
Das bedeutet nichts anderes, als dass Herr Longchamp grundsätzlich einen guten Job macht – das möchte ich einmal mehr betonen. Die politische Forschung ist aber per se eine der komplexesten Disziplinen in unserer Branche und aufgrund der hohen Medienaffinität sehr exponiert. Herr Longchamp nimmt daher für die Branche eine hohe Bedeutung ein, was mit einer hohen Verantwortung einhergeht. Liegt er richtig, sind wir aus dem Schneider. Liegt er falsch, fällt auf die gesamte Branche ein falsches Licht.

Sie haben letzte Woche in mehreren Interviews betont, Longchamps Quasimonopol schade der gesamten Branche. Was unternehmen Sie jetzt, dass diese Stellung aufgebrochen wird?
Wir verlangen nur, dass alle Branchenplayer bzw. Institute die selben Marktchancen erhalten: Reguläre Ausschreibungsverhältnisse – transparente und faire Beurteilung der eingegangenen Offerten und Konzepte.

Was werfen Sie Claude Longchamp vor?
Ich möchte eines klar stellen. Der Verband wirft Herrn Longchamp keine Wettbewerbsverzerrung vor. Das werfen wir den Auftraggebern vor, welche die Studien nicht vorschriftsgemäss und am Wettbewerb vorbei vergeben haben. Und da werden wir hellhörig und greifen ein, wenn es heisst, nur Herr Longchamp und GFS kann politische Studien durchführen und man verzichtet auf das reglementarische Ausschreibungsprozedere. Wir greifen aber auch dann ein, wenn unsere Branchenvorschriften nicht sauber umgesetzt werden. Im Zusammenhang mit der aktuellen VOX-Studie und der Thematik der Wahlbeteiligung der Jungen werfen wir Herrn Longchamp konkret vor, dass er sich methodisch zu sehr auf die Äste herausgelassen hat. Dafür hat er sich gestern auch in der "SonntagsZeitung" entschuldigt.

Was würden die andern Institute anders und vor allem besser machen als Longchamp?
Im Einzelnen kann ich das nicht beurteilen, aber die Messlatte liegt hoch. Ideal wäre es für alle, wenn es mehrere „Währungen“ bei Wahlungen und Abstimmungen gäbe.  Dann könnte man die verschiedenen Ergebnisse vergleichen und dies würde eine methodologische Diskussion in Gang setzen, was letzten Endes mit einer verbesserten Prognosequalität verbunden wäre.

Inwiefern spielt der Neidfaktor bei der ganzen Diskussion eine Rolle?
Neid ist das falsche Wort. Es geht primär um Chancengleichheit. Und wenn diese nicht gegeben ist, setzen sich die Mitbewerber zur Wehr – das ist meines Erachtens nicht Neid.

Wie können die Fehler passieren, die Herrn Longchamp unterlaufen sind?
Wir haben klare Normen, was und wie Umfrageergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Die Vox-Verantwortlichen, und da ist Herr Longchamp halt deren Protagonist, haben es fahrlässig unterlassen, die Öffentlichkeit auf die viel zu dünne Zahlenbasis und die damit verbundenen Auswirkungen aufmerksam zu machen.

Hand auf's Herz: Kann man überhaupt exakte Voraussagen vor Wahlen und Abstimmungen machen? Beispielsweise zum Gripen?
Ich habe schon öfters erklärt, dass das Erstellen solcher Studien ein Minenfeld ist. Bei solchen Befragungen gibt es zahlreiche mögliche Fehlerquellen, wie die Unwägbarkeit des effektiven Stimmverhaltens, die  Zielgenauigkeit der Stichprobe (z.B. Mobilethematik), die Erreichbarkeit möglichst aller Zielgruppen, die Interpretation der Ergebnisse etc. etc. Wenn die Ergebnisbilder knapp werden, wird’s halt eng mit der Voraussagbarkeit – zu viele Unwägbarkeiten können das Endergebnis beeinflussen. In dieser Situation ist es halt nicht so spannend zu sagen, dass keine Prognose gemacht werden kann. Generell sollte mehr Aufklärungsarbeit über die möglichen Unsicherheiten und deren Ursachen geleistet werden.

Sie sind noch ein Jahr Präsident des Verbandes Schweizer Markt- und Sozialforschung (VSMS). Was sind Ihre wichtigsten Anliegen in den verbleibenden 12 Monaten?
Die strukturellen Voraussetzungen für einen gut funktionierenden und profilierten Verband haben wir in den letzten Jahren geschaffen. Wir treiben die Verbandsarbeit vor allem auf zwei Ebenen voran: einerseits wollen wir uns inhaltlich klar von der unseriösen Markt- und Meinungsforschung abgrenzen. Hierfür erarbeiten wir gerade verbindliche Transparenz- und Qualitätsrichtlinien. Anderseits wollen wir an der Öffentlichkeit deutlich mehr Flagge zeigen.  Die erfolgreiche laufende Imagekampagne soll mit nachhaltigen Massnahmen begleitet werden. Darüber hinaus wollen wir für unsere Mitglieder die Nase systematischer in den Wind halten, um noch besser über die laufenden strukturellen Veränderungen und Innovationen informieren zu können. Letzten Endes geht es doch darum, dass wir als Branchenverband als erster und bester Experte  für die Belange der Branche angesprochen werden.

Interview: Matthias Ackeret


Roland Rosset (57) ist seit 3 Jahren Präsident des vsms des Verband Schweizer Markt- und Sozialforschung. Er verfügt über eine 30-jährige Erfahrung in der Marktforschung bei mehreren Grossinstituten; seit 2013 ist er Geschäftsführer der management tools research AG, welche keine Mandate in der politischen Forschung betreibt.