"Nicht alles, was im Internet passiert, ist relevant für die werbetreibende Industrie"

- Die 45-jährige Anke Schäferkordt, Chefin der RTL-Gruppe, befindet sich auf Erfolgskurs. Soeben konnte sie ein hervorragendes Betriebsergebnis der Sendergruppe bekannt geben – dies im Gegensatz zu ihrer direkten Konkurrenz. Auch hinblicklich der sich abzeichnenden Rezession will sie nicht schwarzmalen: Das Medium Fernsehen, so ihre Überzeugung, hat sein Volumen noch nicht voll ausgeschöpft. Das Interview:

Frau Schäferkordt, die ganze Welt befürchtet eine massive Rezession. Spüren Sie bereits für das nächste Jahr einen Werberückgang?

Das lässt sich heute noch nicht absehen. Die Gespräche mit unseren Kunden haben gerade erst begonnen.

Wie stark wird der deutsche Medienmarkt von ?dieser Wirtschaftskrise betroffen sein?

Das ist wie ein Blick in die Glaskugel, wir können keine Prognose abgeben. Fernsehen ist jedoch in Deutschland angesichts der Tatsache, dass mehr als 40 Prozent aller Werbekontakte im TV stattfinden, der Netto-werbemarktanteil aber gerade mal rund 20 Prozent beträgt, meines Erachtens deutlich unterbewertet. Ich habe daher die Hoffnung, dass selbst bei einem insgesamt rückläufigen Werbemarkt Fernsehen nicht so stark betroffen sein wird.

Wie bereiten Sie sich mit RTL auf eine solche Rezession vor?

Ob in einem besseren oder schlechteren konjunkturellen Umfeld: Für uns steht immer im Mittelpunkt, mit unserem Programm unsere Zuschauer zu erreichen. Das ist die Basis unseres Geschäftsmodells. Dass wir darüber hinaus auch unsere Kosten immer im Blick haben, versteht sich von selbst.

RTL befindet sich – im Gegensatz zur Konkurrenz – immer noch auf der Siegerstrasse und erwirtschaftet grosse Gewinne. Mit welchen Massnahmen erreichten Sie diesen Erfolg?

Wie schon gesagt: Wir machen ein gutes Programm für unsere Zuschauer, dann klappt es auch in der Werbewirtschaft. Und wir handeln wirtschaftlich vernünftig.

Welches sind die grössten programmlichen ?Neuerungen im nächsten Jahr?

RTL wird in der laufenden Saison in allen Genres mit weiteren neuen Programmen aufwarten können. So gibt es mit der ‘Patin’ einen aufwändigen Event-Dreiteiler mit Veronica Ferres in der Hauptrolle. Mit ‘Lasko’ werden wir eine neue eigenproduzierte Serie im Bereich Action/Abenteuer im Programm haben. Anfang nächsten Jahres werden wir in einer eigenen Show den 25. Geburtstag von RTL feiern und neben unseren grossen Showreihen ‘Das Supertalent’ und ‘Deutschland sucht den Superstar’ weitere grosse Eventshows im Programm haben. Im Genre Real Life gibt es unter anderem unser neues Format ‘Der Hotelinspektor’, das zum Schmunzeln einlädt.

Welche Programmformate liegen momentan im Trend?

In der fiktionalen Unterhaltung ist uns mit ‘Doctor’s Diary’ in diesem Jahr endlich wieder ein grosser Erfolg einer deutschen Serie gelungen. Neben ‘Alarm für Cobra 11’ dominieren bei den Serien jedoch noch immer die amerikanischen Serien wie ‘Dr. House’ oder ‘CSI Miami’. Ungebrochen ist der Zuschauerzuspruch zu grossen, familienaffinen Shows oder unterhaltsamen Real-Life-Formaten wie ‘Bauer sucht Frau’ oder ‘Rach, der Restauranttester’.

Sie besuchen regelmässig die Schweiz. Welches sind für Sie die wesentlichsten Unterschiede zwischen dem deutschen und dem schweizerischen Fernsehmarkt?

Natürlich kann sich in einem so grossen TV-Markt wie Deutschland ein vielfältigeres privates Fernsehangebot entwickeln als in der deutschsprachigen Schweiz. Darüber hinaus ist in der Schweiz die Fernsehnutzung noch immer deutlich geringer als in anderen europäischen Ländern. Und: Fernsehwerbung ist in der Schweiz noch klar unterbewertet, was den Anteil am Gesamtwerbemarkt angeht.

RTL hat vor zehn Jahren in der Schweiz ein eigenes Programmfenster betrieben. Ist dies langfristig wieder eine Option?

Nein, das ist nicht geplant.

Hat die RTL-Gruppe in der Schweiz Akquise-?absichten?

Ich kann nicht für die RTL Group sprechen, aber mir ist nichts bekannt.

Welche Bedeutung messen Sie in Zukunft dem Internet bei?

Die Bedeutung des Internets wird zweifelsohne zunehmen. Jedoch ist längst nicht alles, was im Internet passiert, auch relevant für die werbetreibende Industrie. Schliesslich verbringen viele Nutzer einen grossen Teil ihrer Zeit mit dem Lesen und Schreiben von Mails.

Wird das Internet langfristig zu einer ernsthaften Konkurrenz für das Fernsehen?

Für uns Fernsehschaffende ist es von vorrangiger Bedeutung, dass die Fernsehnutzung über den PC und das Internet auch als solche erfasst wird. Denn wenn wir im Internet über die Nutzung vom Bewegtbild sprechen, dann handelt es sich zu 95 Prozent um Fernsehinhalte.

RTL-Gründervater Helmut Thoma hat die Definition der werberelevanten Altersklasse der 14- bis 49-Jährigen stark kritisiert, da diese zu tief angesetzt sei. Teilen Sie diese Ansicht?

Die Zielgruppe 14 bis 49 Jahre ist nichts anderes als eine Konvention, eine Währung, um die Senderleistungen vergleichbar zu machen. Es ist längst nicht so, dass die werbetreibende Industrie allein diese Zielgruppe im Fokus hat. Jeder Werbetreibende hat für seine Produkte eine klare Vorstellung seiner Zielgruppe, und die wird er bei der Auswahl der Medien entsprechend einfliessen lassen. Unabhängig davon ist RTL auch in den über 49 Jahre hinausgehenden Zielgruppen gut aufgestellt.

Sie waren früher bei Bertelsmann und bei VOX in leitenden Positionen tätig. Wodurch unterscheidet sich Ihre Tätigkeit bei RTL Television?

Im Zuge meines Berufsweges ist der Umfang meines Verantwortungsbereichs sukzes-sive gestiegen. Mit VOX habe ich bereits einen Sender der zweiten Sendergeneration geführt. Bei RTL als Marktführer sind sowohl die programmliche Bandbreite als auch die zu treffenden Entscheidungen nochmal umfangreicher. Ausserdem bin ich als Geschäftsführerin der Mediengruppe RTL Deutschland gleichzeitig für die Geschicke unserer gesamten Gruppe verantwortlich.

Welches Ziel möchten Sie in den nächsten fünf Jahren noch erreichen?

Weiterhin erfolgreich Fernsehen für unsere Zuschauer zu machen und dabei den Spass nicht zu verlieren.

Welches ist eigentlich Ihre Lieblingssendung?

Es gibt nicht die eine Sendung. Derzeit schaue ich die neuen Staffeln von ‘Bauer sucht Frau’ und vom ‘Supertalent’ sowie immer noch ‘Dr. House’ besonders gern.

Der Schweizer Roger Schawinski war während fünf Jahren Sat.1-Geschäftsführer und somit Ihr direkter Gegenspieler. Vermissen Sie ihn manchmal?

Wir hatten nicht allzu viel direkten Kontakt.