Herr Durisch, Sie sind nach dem angekündigten Abgang von Hugo Bütler der amtsälteste Chefredaktor der Schweiz. Gibt es da keine Ermüdungserscheinungen?
Nein, überhaupt nicht. Die SonntagsZeitung ist ein spannender Titel, den ich sehr gerne mache. So gibt es auch keine Ermüdungserscheinungen.
Ab Pfingsten erscheint die SonntagsZeitung in neuem Kleid. Gemeinhin gilt die Regel, wonach man ein Pferd, das sich auf Siegeskurs befindet, nicht auswechseln soll.
Nur wer sich permanent erneuert, spielt auf Dauer vorne mit. Wir machen aber keinen Restart der SonntagsZeitung, sondern haben uns aufgrund veränderter technischer Möglichkeiten zu einem Redesign entschieden. So können wir dank neuer Maschinen in unserem Druckzentrum Bubenberg die SonntagsZeitung nun durchgehend vierfarbig drucken -- ein guter Moment, um das Layout und den Farbeinsatz zu überdenken. Aus einigen kleinen Anpassungen ist eine gründliche Überarbeitung geworden. Elegant und eigenständig, wobei es uns wichtig war, dass unser Blatt seinen bisherigen Charakter behält. Die Neugestaltung ist eine Eigenentwicklung mit Beratung und Impulsen aus Hamburg. Für das Redesign zeichnet unser Art-Director Stefan Semrau verantwortlich; Semrau stiess vor einem Jahr von der deutschen Financial Times zu uns. Er hat als aussen stehenden Berater Dirk Linke beigezogen. Linke hatte den optisch hervorragenden, aber leider eingegangenen deutschen Titel Die Woche gestaltet und war danach Artdirector beim Stern. Er hat nun sein eigenes Büro 'ringzwei' in Hamburg und zeigte sich über die Anfrage seines ehemaligen Mitarbeiters Semrau sehr erfreut, weil er schon lange keine Zeitung mehr gemacht hat.
Gibt es redaktionelle Veränderungen?
An der Blattarchitektur ändern wir nichts. Es gibt neue Kolumnen, und die Meinungsseite im Fokus-Bund werten wir auf.
Sie haben mit Zeit-Herausgeber Josef Joffe einen deutschen Kolumnisten gewählt. Gibt es in der Schweiz eigentlich zu wenig gute Schreiber?
Joffe ist ein brillanter Kopf und eine ideale Ergänzung zu Roger de Weck. Zudem haben wir Markus Gisler und Peter Schneider als weitere Kolumnisten und fürs Horoskop Monika Kissling verpflichtet.
Besteht überhaupt noch eine Möglichkeit, um das Leserpotenzial zu vergrössern?
Kinder zeugen. Nein, Spass beiseite: Zusammen mit dem Sonntags-Blick haben wir 240000 und der NZZ am Sonntag 160000 Doppelleser. 44000 Schweizer konsumieren alle drei Sonntagstitel. Dies deutet darauf hin, dass der Markt mittlerweile weit gehend ausgereizt ist. Gleichzeitig erzeugen wir in der Deutschschweiz mit drei Titeln die gleiche Reichweite wie ein einziger Titel in der Romandie -- ein Hinweis, dass möglicherwei- se doch noch Wachstumspotenzial vorhanden ist.
Gibt es denn zu viele Sonntagszeitungen?
Nein, das glaube ich nicht.
Während sich beim Ringier-Verlag die einzelnen Titel stützen, stehen die Tamedia-Zeitungen und -Zeitschriften auch hausintern in einem harten Konkurrenzkampf. Vermissen Sie diesen Zusammenhalt nicht manchmal?
Bei uns herrscht tatsächlich keine durchgehende Unité de doctrine. Ich glaube, dies ist im Grundsatz richtig. Wenn man eine Kampagne als Hauskampagne steuert, kann man möglicherweise zwar kurzfristig einen Effekt auf die öffentliche Meinung erzielen, stösst aber beim Publikum meist auf wenig Begeisterung. Es ist für die Qualitätssicherung enorm wichtig, dass man sich auch hausintern gegenseitig kontrolliert. Deswegen ist für Ringier der Fall Borer zum Supergau geworden. Wenn jeder Titel ein eigenes Profil erarbeiten muss, ist diese Gefahr viel kleiner.
Welcher CEO redet Ihnen mehr in die tägliche Arbeit hinein: Michel Favre oder Martin Kall?
Beide mischten sich nicht in die tägliche Redaktionsarbeit ein. In der Phase der Neulancierung der NZZ am Sonntag gab es intensive strategische Diskussionen mit Michel Favre und der Unternehmensleitung. Dabei stand die Frage im Vordergrund, wie man auf die neue Konkurrenz reagieren muss.
Dies war für Sie keine einfache Zeit...
Ja, ich stand während eines halben Jahres unter enormem Druck. Vorerst ist der Dampf weg, weil wir bisher die Herausforderung NZZ am Sonntag gut gemeistert haben.
Die geliftete Titelseite der SonntagsZeitung.
Neugestaltete SonntagsZeitung Seite 5: "Kein Restart".
SonntagsZeitung S. 18: "Gründliche Überarbeitung".