"Nur wer Tabus bricht, kommt vorwärts"

- Peter Rothenbühler hat für "persönlich rot" die wichtigsten Tabus von Schweizer Publikationen analysiert. Woran kranken unsere Zeitungen und Zeitschriften? Für den Chefredaktor von Le Matin ist klar: an den Tabus, die niemand wirklich brechen mag. "persoenlich.com" präsentiert die Analyse, mit der Rothenbühler seinen Mitbewerbern nicht nur Bauchweh, sondern auch ein vorweihnächtliches Geschenk macht.

Neue Zürcher Zeitung: Die Kürzel

Die bei der NZZ eingeleitete Layoutreform wird die aufregendste Restaurationsarbeit seit der Auffrischung der sixtinischen Kappelle von Michelangelo. Die Schnäbeli liegen in Rom wieder bloss, bei der NZZ werden Autoren immer noch schamvoll hinter Kürzeln versteckt. Marketingmässig ein Unsinn: einerseits pflegt man bewusst einen Autorenstil, andrerseits lässt man die Autoren nicht mit vollem Namen signieren.

Aber: schon darüber reden ist bei der NZZ tabu. Weitere NZZ-Tabus sind die Ressort-Hoheit, die dem Ausland reservierte Seite eins, die sperrige Vierspaltigkeit (Financial Times hat sieben). Prognose: Die NZZ wird still und leise alle Tabus brechen. Spannendster Player der nächsten Jahre.

Tages Anzeiger: Die 68iger Vergangenheit

Beim exzellenten Tages Anzeiger dominiert leider das 68er-Ueber-Ich immer noch das Denken. Der geistige Eintopf erinnert ans Eidgenössischen Militärdepertament der siebziger Jahre, als die alten Kameraden der Aktivdienstgeneration am Ruder waren. Alle intelligent, aber trendmässig neben den Schuhen.

Der Tagi erlebt, was viele Blätter erleben: die Leser entwickeln sich geistig schneller als die Redaktoren. Auch hier ist die Ressort-Hoheit noch tabu. Und was niemand auszusprechen wagt: das Blatt sieht schon wieder alt aus. Unsere Regionalzeitungen brauchen schon wieder eine Überholung des Layouts: wenn da einer vorangehen kann, dann der Tagi.

Blick: Uebervater Uebersax

Das grosse Blick-Tabu heisst immer noch Peter Uebersax. Alles, was diese intellektuelle Boulevard-Gurgel richtig gemacht hat, musste nach seinem Weggang negiert und totgeschwiegen werden. Man setzte auf linke Politik, ein oberklassiges "Feuilleton", das People-Ressort wurde reduziert, die Jungen "20 Minuten" überlassen.

Das zögerlich eingeführte Kleinformat macht das Blatt schwerer statt leichter. Heute wagt ­ trotz schlechter Zahlen niemand, das erfolglose Anti-Uebersax-Konzept in Frage zu stellen. Prognose: Sobald die Zahlen ganz verreisen, wird alles anders.

Berner Zeitung: Die Fusion

Mittlerweile sagt es in Bern jeder Passant : Über kurz oder lang wird es in der Bundeshaupstadt wie in andern Städten nur noch eine grosse "Qualitäts"-Zeitung geben. Das Beste vom "Bund", die Kultur, kann ja immer noch der Berner Zeitung beigelegt werden. Aber alle am "Berner Modell" (zwei Zeitungen, ein Verlag) Beteiligten schwören hoch und heilig, dass sie nicht im entferntesten an eine solche Zsammenlegung denken.

Ein weiteres Berner Zeitung-Tabu ist die ebenfalls erneut fällige Layout-Weiterentwicklung sowie das Format. Prognose: Die Fusion kommt. Aber wann? Das Format bleibt, man kann nicht alles aufs Mal machen.

Weltwoche: Das Köppel-Konzept

Kann und vor allem darf man die Weltwoche auch ganz anders machen ? Die Frage stellen, heisst schon das Tabu brechen. Köppels Konzept war überraschend erfolgreich, deshalb will niemand daran rütteln. Doch die Einsicht macht sich breit: Alle die nach Köppel kommen, werden nur Köppel light bieten. Und das dürfte nicht genügen.

Es muss also radikal an der Formel weitergedreht werden. In welcher Richtung ? Vorläufig kennt noch niemand die richtige Antwort. Prognose : Jürg Wildberger hat eine der schwierigsten Aufgaben der nächsten Jahre.

Facts: Der halbe Chefredaktor

Nach dem halben Bundesrat gibts jetzt halbe Chefredaktoren : Bisher galt es als unmöglich und unvernünftig, einem Chefredaktor die Führung zweier total verschieden positionierter Titel gleichzeitig anzuvertrauen. Nicht mal SonntagsBlick und Blick kann im Daily Business der Gleiche machen, Fridolin Luchsinger hats versucht.

Kranke Kinder wie Facts brauchen die ungeteilte rund-um-die-Uhr-Aufmerksamkeit des neuen Kapitäns, der schlimmstenfalls mit dem Schiff untergehen muss. Chefredaktor Andreas Durisch (jetzt halb Sonntagszeitung und halb Facts) macht sich zum Klumpenrisiko. Immerhin zeigt man Mut zum Tabubruch.

Le Temps : Das Journal de Genève

Überregionale Tageszeitungen mit Qualitätsanspruch haben es schwer, wenn sie sich nur als Zweitzeitung, also als Luxusgut positionieren. Nur wer das Zeug zur Erstzeitung hat, also trotz überregionalen Allüren eigentlich ein verkapptes Lokalblatt ist (wie die NZZ), kann reüssieren. Le Temps, Fusionsobjekt aus einer Lausanner (Nouveau Quotidien) und einer Genfer Zeitung (Journal de Genève), müsste sich im Lokalen eigentlich ganz auf Genf (oder Lausanne) konzentrieren. Aber das ist eben Tabu.

Tabus bei Titeln, die mir nahestehen wie Schweizer Illustrierte, Le Matin undsoweiter sind auch für mich Tabu. Darum nichts davon. Mit diesem Artikel breche ich ohnehin ein Tabu: Journalisten dürfen eigentlich Zeitungskonzepte der andern nicht kritisierten.