Herr Blumer, erste ganz banale Frage: Wie geht es Ihnen heute?
Danke.
Danke?
«Danke» ist für die vielen Menschen, die mich mit Bezug zur Einstellung des Stadtblatts nach meinem Befinden fragen, die beliebteste Antwort. Ich versuchte es mit «super» und mit «ganz okay», diese Ausdrücke glaubte mir niemand. Dann sagte ich «den Umständen entsprechend », und die Kommunikationswilligen reagierten unzufrieden. Schliesslich probierte ich es mit: «Ich habe schon bessere Zeiten erlebt. » Damit löste ich fast immer Tristesse aus. Wenn ich aber lächelnd für die Frage danke, die mir jetzt schon über zwei Jahre täglich gestellt wird, dann sehe ich in frohe Gesichter.
Wie reagierte Ihr Umfeld auf den Niedergang des Stadtblatts?
Hunderte von Leserinnen und Nutzern drückten uns brieflich, telefonisch und vor allem mündlich ihr grosses Bedauern über das Verschwinden des Stadtblatts aus. In unserer reflektierenden Wochenzeitung, die jeden Sonntag gratis in alle 46 000 Winterthurer Briefkästen verteilt wurde, pflegten wir einen gelassenen Journalismus und publizierten alle demokratischen Meinungen. Dies wurde von vielen Leuten als wohltuende Alternative zum Mainstream- Boulevardjournalismus empfunden.
Gabs auch auf den Konkurs ein Echo?
Niemand erwähnte meinem Geschäftsfreund Roger Rutz und mir gegenüber je den Konkurs. Wir versuchten ja diese Demütigung ein Jahr lang kraftvoll zu verhindern. Dann aber ist auch noch unser monetäres Standbein Informatik eingebrochen, und wir mit ihm. Tröstlich war, dass uns der mit unserem Bankrott betraute Notar die Würde liess.
Was sagten die ehemaligen Verlegerkollegen?
Ach, die begegneten mir umwerfend empathisch. Die wussten, dass ich ein leidenschaftlicher Verleger war, dem das Befinden aller Kolleginnen und Kollegen und die gesamte Branche sehr am Herzen lag. Einige versuchten mich von meinem sofortigen Rückritt aus dem Verbandspräsidium abzuhalten. Aber weils den zeitungslosen Verleger nicht gibt, verschwand ich sofort von der Bildfläche.
Das tönt pathetisch
Okay! Aber es war ein Teil von uns Machern gestorben, wir waren in Trauer. Eine Zeitung ist ein vergeistigtes wie sinnliches Stück Holz, eine Schöpfung vieler Köpfe, die man mitunter ins Herz schliesst. Eine Zeitung kann nicht durch eine andere Zeitung ersetzt werden wie ein Zündholz durch ein anderes.
Gab es auch Reaktionen, die Sie enttäuscht haben?
Dämpfer gab es vor dem selbst gezogenen Schlussstrich, als wir zu lernen hatten, dass im vermeintlich gut bekannten Umfeld ein Wort wirklich nur ein Wort ist, ein Handschlag nur ein Handschlag. Sonst gar nichts. Über Monate suchten wir intensiv eine Partnerschaft. Es entstanden dabei gute Konstellationen. Am Tage X wurden begründete Hoffnungen geweckt, am Tag Y schon wieder begraben. So verloren wir wertvolle Zeit.
Gibt es eine Verlegersolidarität?
Gewiss, auf ideeller Basis. Es sind wunderbare Freundschaften entstanden, die auch im Misserfolg Bestand haben. Hans Heinrich Coninx, Walter Fuchs, Matthias Hagemann, Kari Lüönd, Bernhard Ott, Pietro Supino und Martin Werfeli sind Medienmenschen, mit denen ich mich noch immer austausche.
Haben Sie noch Schulden?
Wir haben bei vier Gläubigern unbezahlte Rechnungen in der Höhe von etwas weniger als einer halben Million Franken hinterlassen. Das hat den schrecklichen Konkurs gebracht. Persönlich habe ich mit Ausnahme des Wohnungsmobiliars alle monetären Werte verloren, alle. Aber dank meiner Frau, Claudia Blumer, und meinem Freund Roger Rutz habe ich noch keine Schulden.
Warum sind Sie mit Ihrem Zeitungsprojekt gescheitert?
Weil uns das Geldlager und finanzkräftige Freunde fehlten, uns lediglich unser unbändiger Leistungswille sowie eine zauberhafte Nutzerschaft als Werte blieben.
Was war Ihr grösster Fehler?
Mein grösster Fehler war und ist, dass ich Leuten zu schnell vertraue, das Positive lieber von ihnen höre als das Negative und ihnen schon mal zu schnell Verantwortung übertrage. Diese Schwäche verursachte bei der mittlerweile aufgelösten Stadtblatt AG mal den direkten Verlust von 100 000 Franken Inserateeinnahmen, weil eine von mir falsch eingeschätzte Person Interna unkorrekt verbreitete. Diese Einbusse verkrafteten wir allerdings mit neuem Einsatz.
Dann war der Konzeptwechsel Ihr entscheidender Fehler?
Nennt man etwas Fehler, wenn man keine Wahl hat? Fakt ist, dass wir an den vielen gratis verteilten Zeitungen scheiterten! In unserer Stadt kamen nebst 20 Minuten, Heute, Stadtanzeiger, Winterthurer Zeitung, der Mittwochausgabe des Landboten auch noch .ch und News kostenlos unter die Leute. Unsere abonnierte Auflage schrumpfte folglich im Nu von rund 4400 bezahlten Exemplaren auf 750. Wir mussten einen neuen Weg gehen! Kurz nach dem Start mit der Sonntagszeitung hatten wir schon wieder 1000 zahlende Lesende, die mit der Partnerschaftskarte in 30 Geschäften zwischen 2 und 30 Prozent günstiger einkaufen konnten. Auch der lokale Werbemarkt, unsere Informatikdienstleistungen und die Erträge aus unserer Galerie entwickelten sich sehr positiv.
Kamen Sie auch an die nationale Werbung ran?
Nein, leider nicht. Wir arbeiteten im nationalen Werbemarkt mit der erfolgreichen Agentur Kretz zusammen. Die engagierte sich gewaltig für uns. Aber deren Unternehmensleitung wurde selbst in Medienagenturen nicht zu denjenigen Führungskräften vorgelassen, die mich zuvor zu diesem Schritt ermunterten. Es bereitete mir über Monate schlaflose Nächte, dass mich während der für uns entscheidenden Phase die mir persönlich bestens bekannten Medienagenten nicht mal mehr grüssten.
Gab es keinen Weg zurück?
Gewiss, die Startsignale für die Lancierung von .ch und News, unmittelbar nach unserem Gratisentscheid, hätten dafür gesprochen. Damals befürchteten wir, dass die Medienagenturen nationale Projekte eher mit Werbung versorgen würden als ein neues lokales Modell. Weil wir indes voll von unserer Marktleistung überzeugt waren, erhofften wir uns immerhin einen Piccolo-Bonus. Wir verliessen uns allerdings nicht allein auf die ersehnte Sympathie und wussten, dass es eingedenk der krass rückläufigen Aboeinnahmen keine Chance zur kurzfristigen Konzeptumkehr gab. Deshalb gingen wir bei 24 Firmen der Medienbranche sehr engagiert auf die Suche nach einer tragfähigen Partnerschaft.
Sie lancierten mit einer Gratissonntagszeitung ein neuartiges Projekt und traten damit in einen heiss umkämpften Markt. Waren Sie sich dessen bewusst?
Aber ja. Doch wir mussten das Risiko eingehen und bereuen den gewagten Schritt nicht.
Ihre Zeitung entstand aus der Winterthurer AZ, also der linken Ecke. Wie gross war die Solidarität der Genossen mit Ihrem Projekt?
Je mehr klassische Arbeiter den Blick lasen, desto geringer war deren Interesse an Arbeiterzeitungen in ihrer idealistischen Form. Klar konnten wir bei unserer publizistischen Wende zu einem offeneren, linksliberalen Kurs in diesem Kreise keine Solidarität ernten, sondern Wut und Verachtung. Doch unsere Überzeugung, dass nur mündige Leute wirklich Zeitungen lesen, war ein gutes Geschäftsmodell, die Schar der Leserinnen und Abonnenten wurde bis zur Stunde der Gratiszeitungen kontinuierlich grösser.
Glauben Sie nach Ihren Erfahrungen, dass Kleinverleger in der Schweiz im heutigen medialen Umfeld überhaupt noch eine Chance haben?
Wenn man weit genug von Zürich entfernt ist, schon.
Sie galten im Präsidium des Verbandes Schweizer Presse als streitbarer Kopf, der unter anderem gegen Verlegerpräsident Lebrument opponierte. Waren diese Schlachten notwendig?
Aber sicher, der Primus inter Pares mutierte zum Herrscher! So bodigte er im Alleingang den Gesamtarbeitsvertrag, erklärte den Verzicht auf indirekte Presseförderung und beschimpfte den hervorragend funktionierenden Schweizer Presserat als beliebig und geschwätzig. Zum Glück war aber im Präsidium längst eine hervorragende Streitkultur entstanden. Dank ihr konnten wir immer wieder tragfähige Lösungen finden. Hanspeter Lebrument war nämlich nach seinen Hüftschüssen in den Medienhimmel stets für konstruktive Auseinandersetzungen zu haben. Mir scheint, er verachtete wohl eher die Schweiger als die Kämpfer und war im Übrigen auch ein guter Verlierer. Ich habe ihn sehr schätzen gelernt und vermisse oft den heftigen Dialog mit ihm.
Wo bestehen innerhalb des Verbandes die grössten Fronten?
Zwischen Zürich und der Restschweiz. Und womöglich zunehmend wieder zwischen Gross und Klein.
Befürworten Sie heute nach Ihren Erfahrungen eine staatliche Presseförderung?
Da habe ich wie eh und je, ach, zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits bin ich von freiheitlichen Lösungen überzeugt und glaube an Innovation und Leistung. Indes: Wie soll anderseits eine Marktlösung aussehen, wenn KMU-Verlage in Landregionen verteilmässige Vollkosten zahlen müssen, obschon bei der Verteilung kein Wettbewerb stattfindet? Zumindest bei den Transportkosten muss die Politik eine Lösung finden, damit die Medienvielfalt im ganzen Land finanzierbar bleibt.
Wovon leben Sie momentan?
Ich lebe vom Zeitunglesen, vom Brot- und Wurstessen und vom Nudelsuppelöffeln. Das finanziere ich mit Artikeln, die ich für verschiedene Publikationen schreibe. Meine übrigen festen Kosten kann ich wie schon angedeutet erstmals im Erwachsenenalter nicht von meinem erwirtschafteten Ertrag bezahlen. 58-jährig, liebend gerne Haus- wie Ehemann und Papi, mein Erwerbsleben lang selbstständig, Schaffer von Arbeit, Vernichter von Arbeit: ich bin mühsam des Wegs. Das baut Selbstbewusstsein ab, aber kein Selbstmitleid auf. Denn ich empfinde mich lediglich als einen Erfolgsarmen unter vielen wenig Erfolgreichen.
Wie wollen Sie die Wende schaffen?
Solange ich lebe, gebe ich die Hoffnung nicht auf. Wer Pech hatte, kann auch Glück haben. Seit gut zwei Jahren bin ich alltäglich mit unzähligen Briefen und E-Mails auf Auftragsfang. Immerhin werden davon fünf Prozent beantwortet und vereinzelt gibts sogar etwas zum Schaffen. Wenn eine Türe zugeht, geht eine andere auf, sagt der brave Volksmund. Er sagt nur nicht, wann. Darum bleibe ich aktiv dran an den Türen, damit ich sehe, wenn sie geöffnet werden und eine neue Aufgabe vor mir steht.
Haben Sie bereits neue Projekte, beispielsweise eine neue Zeitung?
Stadtblätter für zehn Städte. Ein Taschenbuch mit Porträts von Medienmenschen. Einen Roman über die Eintagsfliege. Regelmässige Kolumnen, Kommentare, Porträts. Verwaltungsrat werden, in einem grossen Medienhaus? Gemeindeammann sein, in einer sympathischen Gemeinde? Überraschung?
Interview: Matthias Ackeret
Dieses Interview lesen Sie in der November-Ausgabe von "persönlich".