Swiss Music Radio (SMR) bittet Armin Walpen, Generaldirektor der SRG SSR Idée Suisse, in einem offenen Brief den Entscheid zum Eurovision-Song-Contest 2005 zu überdenken. Hier der Original-Wortlaut:
"Sehr geehrter Herr Walpen
Der Entscheid der Unterhaltungschefs von SF DRS, TSR und TSI, die Schweiz 2005 nicht durch Schweizer Künstler am Eurovision-Song-Contest repräsentieren zu lassen, hat viele teils sehr emotionale Reaktionen ausgelöst. Schweizer Musikerinnen und Musiker und die Hörerschaft von Swiss Music Radio zeigen sich in deren Reaktionen mehrheitlich ungehalten über das Vorgehen der TV-Verantwortlichen. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen Vanilla Ninja oder David Brandes sondern gegen das Vorgehen und den Entscheid der TV-Verantwortlichen.
Auf verschiedenen Web-Sites können Sie die Reaktionen nachlesen (z.B. coopzeitung.ch/forum, swissmusicradio.ch/reaktionen.htm ) und die Zeitung 20 Minuten hat im Web die Frage gestellt: Dürfen Esten die Schweiz vertreten? Das Resultat: 57 Prozent Nein, 43 Prozent Ja. Die Schweizer Medien haben über den Entscheid der TV-Verantwortlichen intensiv berichtet und auf Grund der besagten Reaktionen müssen wir annehmen, dass dieser Entscheid kaum von der Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer getragen wird.
Beim Eurovision-Song-Contests geht es nicht alleine um den Sieg, sondern auch darum, ein Land 100 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern weit über Europa hinaus zu präsentieren. Die Schweiz mit Vanilla Ninja zu präsentieren ist etwa so wie mit dem schiefen Turm von Pisa für Zermatt zu werben.
David Brandes erklärte gegenüber Telebasel: "Ich habe mit DRS einen Vertrag, der mich verpflichtet zum Grandprix zu gehen". Es werden also nicht mehr die Sieger einer nationalen Wettbewerbsvorausscheidung, wie dies die letzten Jahre üblich war, die Schweiz repäsentieren. Selbst Céline Dion stellte sich 1988 in Morges einer nationalen Vorausscheidung mit dem Song "Ne Partez Pas Sans Moi" der Schweizer Komponisten und Liedertexter Atilla Sereftug und Nella Martinetti.
Heute reden wir aber nicht mehr von einem nationalen Künstlerwettbewerb, sondern von einer professionellen Arbeit, die Vanilla Ninja für das Schweizer Fernsehen verrichten. Estland ist seit 1. Mai 2004 neues Mitglied der EU. Die Schweiz erschwert mit "flankierenden Massnahmen" den Zugang der Estnen zum Schweizer Arbeitsmarkt. Gleichzeitig lässt das offizielle Schweizer Fernsehen mit Gebührengeldern prominente Estninnen für sich arbeiten und will sich dann mit deren Lorbeeren schmücken.
Zugegeben die Schweiz hat beim Eurovision-Song-Contest in den letzten Jahren nicht überzeugt. Das liegt aber nicht am Mangel an fähigen Künstlern, sondern eher daran, dass die TV-Verantwortlichen es versäumt haben, die inländischen Musikerinnen und Musiker zu motivieren. Wer käme auf die Idee österreichische Skifahrer als Schweizer Vertreter für den Ski-Weltcup unter Vertrag zu nehmen, weil die Schweizer nicht mehr punkten wie einst Marie-Thérès Nadig, Roland Colombin, Bernhard Russi oder Lise-Marie Morerod?
Überlegen Sie sich bitte, wie die Moderatoren der internationalen TV-Stationen den Schweizer Beitrag ankündigen werden und ob das dann der Schweiz und der SRG dient. Es könnte dann vielleicht so tönen: "Vor 2 Jahren sind sie in der nationalen Vorausscheidung in Estland gescheitert, nun wurden sie vom Schweizer Fernsehen angestellt für die Schweiz zu punkten, da die Schweiz offenbar keine eigenen fähigen Künstler hat."
Wir möchten Sie bitten, diese Thematik auf SRG Direktionsebene zu diskutieren und gegebenenfalls zu überdenken. Sollten Sie die Wahl von David Brandes und Vanilla Ninja stützen, dann erklären Sie bitte den Gebührenzahlern und den Politikern, wo da die von Ihnen so hoch gepriesene und durch das RTVG gestützte Idée Suisse und wo der Service Public ist?
Persönlich glauben wir, dass unabhängig wie diese Debatte endet, sich die Schweiz und das Schweizer Fernsehen mit Vanilla Ninja keine Sympathiepunkte in Europa holt, denn Sympathie kann man sich nicht kaufen.