Offener Brief der Belegschaft an die Geschäftsleitung

Tamedia - Comedia unzufrieden mit Verhandlungen.

Tamedia-Angestellte sprechen in einem offenen Brief an die Geschäftsleitung von einem "Discount-Sozialplan", den sie nicht akzeptieren wollen. Sie fordern neue Verhandlungen und einen Kündigungsstopp.

Nachdem Tamedia am 26. Juni den Abbau von 140 Stellen ankündigte, trafen sich Comedia, SVJ und KV Schweiz am 4. Juli mit einer Delegation des Verlagshauses. Trotz Zusage, die Vorschläge ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernsthaft zu prüfen, habe die Tamedia-Leitung weder Gewerkschaften/Verbände noch externe BeraterInnen beigezogen, schreibt die Comedia.

Und weiter: "Die Tamedia -- welche sich stets ihrer sozialen Verantwortung gegenüber ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rühmt -- setzt den Sozialpartnern das Messer an den Hals. Nach nicht einmal zwei Wochen Verhandlungszeit sollen die Gewerkschaften und Verbände nun einen Sozialplan unterzeichnen, der in seinen Leistungen weit hinter den üblichen Standards zurückliegt und dem Verlag freie Hand für die Kündigungen lassen soll. Für den Fall, dass die Angestellten sich nicht mit dem vorliegenden Vorschlag einverstanden erklären, hat die Tamedia-Delegation in Aussicht gestellt, die Verhandlungen abzubrechen, und einseitig ihren ursprünglichen, noch schlechteren Minimal-Vorschlag zur Anwendung zu bringen."

Dieses Vorgehen liessen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht gefallen, heisst es seitens der Gewerkschaft weiter. Es könne nicht angehen, dass in nicht einmal zwei Wochen ein Konzept aus dem Boden gestampft werden solle, welches Kündigungen und Abbaumassnahmen bis zur Mitte des Jahres 2005 regeln und legitimieren solle. Die Belegschaft und ihre Gewerkschaften setzten sich nach wie vor für den Erhalt von Arbeitsplätzen, gegen Kündigungen und für einen grosszügigen Sozialplan ein. Die Belegschaft wende sich deshalb mit einem offenen Brief und einer betriebsinternen Unterschriftensammlung an die Geschäftsleitung und die Öffentlichkeit.

Der offene Brief der Tamedia-Angestellten im Originalwortlaut:

Sicherung der Arbeitsplätze bei Tamedia AG

Zürich, im Juli 2003

Offener Brief an die Geschäftsleitung und den Verwaltungsrat der Tamedia AG

Sehr geehrte Damen und Herren

Mit Enttäuschung und wachsendem Unmut stellen wir fest, dass die Tamedia-Verantwortlichen bisher in keiner Art und Weise eine substantielle Bereitschaft zeigen, ernsthaft Massnahmen zu prüfen, um die durch die Pläne der Geschäftsleitung von Abbau bedrohten Arbeitsplätze zu erhalten. Bei uns verstärkt sich der Eindruck, dass die Tamedia AG versucht, mit einem Discount-Sozialplan möglichst schnell und billig eine grosse Anzahl von Menschen in eine ungewisse Zukunft zu entlassen.

Dieses Vorgehen akzeptieren wir nicht. Wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tamedia AG haben dazu beigetragen, dass das Unternehmen floriert. Für kostspielige unternehmerische Fehlentscheide tragen nicht wir die Verantwortung. Wir lehnen es deshalb auch ab, diese heute auszubaden.

Wir fordern die Geschäftsleitung der Tamedia AG auf, unverzüglich mit den Gewerkschaften und der Betriebskommission die Diskussion über den langfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen und Medienerzeugnissen aufzunehmen, insbesondere über die folgenden Punkte:

- Aufrechterhaltung der Abteilung Akzidenzrollenoffset, vorläufig mit den bisherigen Maschinen und Garantien für die notwendigen Ersatzinvestitionen, eine langfristige Weiterführung der Tamedia-eigenen Druckvorstufe, des Drucks und der Weiterverarbeitung von Zeitschriften und anderen Produkten.

- Die Herausgabe von «du» und «Spick» muss -- bei gleich bleibendem Personalbestand -- durch Tamedia garantiert werden, entweder mit andern Partnern oder allein als kulturelles, nicht profitorientiertes Engagement.

- Die Publikation «annabelle wohnen» muss -- bei gleich bleibendem Personalbestand -- eigenständig weitergeführt oder in das «annabelle»-Hauptheft integriert werden (Arbeitszeitmodelle). Die betroffenen KollegInnen von «annabelle business» sind, falls nicht anders möglich, in andere Tamedia-Verlagsprodukte zu integrieren.

- Weiterführung der Lehrlingsausbildung für PolygrafInnen auch nach 2007. Die Ausbildung kann nicht nur unter finanziellen Aspekten betrachtet werden. Die Tamedia AG soll auch in Zukunft ihren Beitrag zu einer guten Ausbildung junger Menschen leisten.

- Neue Arbeitszeitmodelle können Arbeitsplätze sichern. Dies bewies das zwischen den Gewerkschaften und Tamedia in den Neunzigerjahren ausgehandelte Modell in der Druckvorstufe. Weil bei Tamedia in den kommenden Monaten und Jahren weitere Arbeitsplätze in Frage gestellt werden -- unter anderem auch im Druck und in der Weiterverarbeitung von Zeitungen -- ist zwischen der Geschäftsleitung, der Belegschaft und den Gewerkschaften unter Beizug von externen Fachleuten wie z.B. Herrn Ulich für das ganze Unternehmen ein Arbeitsplätze erhaltendes und für uns finanziell tragbares Arbeitszeitmodell auszuarbeiten.

Um in Ruhe und seriös alle diese Massnahmen prüfen und diskutieren zu können, fordern wir von Tamedia einen mehrmonatigen Kündigungsstopp und die garantierte Weiterführung ihrer Publikationen in dieser Zeit; es ist für uns unzumutbar, unter ständiger Entlassungsdrohung diskutieren zu müssen. Sollte es entgegen unseren Hoffnungen trotzdem kurzfristig zu Kündigungen kommen, müssen diese mit der Betriebskommission und den Gewerkschaften diskutiert werden. Für die Betroffenen soll mit Abgangsentschädigungen von mindestens 3 Monatslöhnen, einer Verlängerung der Kündigungsfristen um mindestens 4 Monate sowie durch das Entrichten spezieller Leistungen in Härtefällen die Situation gemildert werden. Einen von Tamedia einseitig beschlossenen «Sozialplan» ohne vorgängige Einigung mit den Verhandlungspartnern werten wir als Kampfmassnahme von Seiten der Tamedia AG und letztlich als Verletzung der Sozialpartnerschaft.

Wir fordern, dass unsere Anliegen endlich ernst genommen werden und dass konstruktive Gespräche über die oben genannten Vorschläge mit uns und den Gewerkschaften aufgenommen werden.