Sie haben vor kurzem gemeinsam mit einigen namhaften Vertretern der Schweizer Medienszene den Verein "Medienkritik Schweiz" gegründet. Wieso?
Der Schweizer Medienkritik fehlt es an System, Kohärenz und Nachhaltigkeit. Dies haben wir in einem zweijährigen Arbeitskreis festgestellt. Mit dabei waren Vertreter der Medien, sowie verschiedener medienkritischer Organisationen und der Wissenschaft. Man fand dann, dass man jetzt nicht einfach so auseinander gehen könne. So ist die Idee des Vereins entstanden. Die Leitung wollte niemand anders übernehmen. Der Verein ist zwar gegründet, es fehlt ihm aber noch die Mitglieder. Die Gründungsversammlung findet erst im Januar statt. Dann soll mindestens eine Veranstaltung pro Jahr stattfinden. Ausserdem soll ein Index eingeführt werden.
Was bezeichnet der Index?
Die Idee wäre, den Zustand der Medienkritik längerfristig zu erfassen. Die Qualität zu untersuchen. Ist sie besser geworden? Ist sie schlechter geworden?
Was unternimmt der Verein genau?
Ich finde es sehr wichtig, dass eine Plattform entsteht, wo sich die drei Parteien austauschen können. Auf der Plattform muss eine medienkritische Diskussion angestossen werden. Die Internetdomain Medienkritikschweiz.ch ist schon mal registriert. Dort soll eine Bündelung ihrer Kräfte stattfinden. Nicht eine Bündelung im Sinn der Vereinheitlichung, sondern Positionen von links bis rechts. Nur unter dieser Voraussetzung habe ich den Posten überhaupt angetreten.
Machen denn Medienpublikationen wie "Klartext", "Schweizer Journalist", "Kleinreport", "persoenlich.com" und "Edito" ihre Arbeit schlecht?
Nein, überhaupt nicht. Aber es geht darum, dass diese untereinander und mit der Wissenschaft und den kritischen Organisationen und den Tages- und Wochentitel eigentlich wenig diskutieren, streiten und etwas entwickeln.
Wie ist Ihrer Meinung nach über die jüngsten Umwälzungen im Mediengeschäft berichtet worden?
Nehmen wir mal die ganzen Relaunches diesen Herbst: Darüber wurde viel geschrieben. Aber immer im Stile einer Diskussion unter Zeitungsdesignern. Es wurde immer nur darauf geschaut, wie die neuen Layouts aussehen und was sich optisch gegenüber vorher verändert hat. Das wars.
Die Verknüpfung mit dem Inhalt ist zu wenig kritisiert worden.
Sie ist überhaupt nicht kritisiert worden. Ich behaupte auch, dass dies jene, die darüber geschrieben haben, praktisch nicht interessiert hat. Oft werden die wichtigsten Fragen einfach nicht gestellt. Dabei wäre ja die Grundfrage: Wieso hat man diese Relaunches gemacht? Hat das mit neuen Konzepten zu tun? Mit einem neuen Journalismus? Oder hat es mit Modellpflege zu tun? Mir lag das Wort "Modellpflege" ähnlich wie bei einem Autohersteller, der eine Neuauflage eines Autos präsentiert auf der Zunge, als ich diese ganzen Berichterstattungen gelesen habe. Dass man mit solchen Relaunches auch das Gesamtangebot herunterschrauben kann, ohne dass man es merkt, war sicher auch ein erwünschter Nebeneffekt.
Oder sind es einfach hilflose Versuche dem Leserschwund irgendwie beizukommen?
Genau, das wäre der andere Aspekt: Sind es vielleicht Angsttriebe einer gefährdeten Spezies? Man kann sicher als Allerletztes behaupten, dass die Leser nach danach gerufen hätten, der Tagi müsse hässlicher werden. Gut, seit dem Relaunch haben da einige Leute intensiv daran gearbeitet etliche der Änderungen wieder rückgängig zu machen, aber ein guter Wurf ist das immer noch nicht. Bei Weitem nicht.
Wie war das denn beim "St. Galler Tagblatt"?
(lacht) Da muss ich selbstkritisch sein: Innerhalb der letzten 15 Jahre haben wir drei Relaunches gemacht. Und auch dafür gab es andere Gründe als eine Leserschaft, die danach verlangt hat.
(Interview: Adrian Schräder)