Herr Staub, im Leserforum vom Montag, 4. März, nehmen Sie auf die "Weltwoche"-Kampagne gegen Res Strehle Bezug. Sie schreiben: "Ich selbst, als Journalist und nicht als Ombudsmann gesagt, finde, Res Strehle hätte sich im Tagesanzeiger offensiver verteidigen können als nur in einer kurzen Stellungnahme auf der Seite Leserforum." Dass er das hätte tun "können", die Möglichkeit dazu gehabt hätte, ist klar. Was wollen Sie mit dieser Aussage genau?
Ich sehe mich in meinem Amt als Ombudsmann zwar als eine Art Schiedsrichter oder Vermittler, nicht aber als moralische Instanz, die Urteile fällt, was ethisch vertretbar ist und was nicht. Dazu mangelt es mir sowohl an Ausbildung - ich bin weder Jurist noch Theologe - wie an nötigem Temperament. Ich komme von der Praxis, von der Front her. Zudem gibt es in diesem Land Instanzen wie den Schweizer Presserat oder die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, deren Aufgabe es ist, Grundsatzentscheide zu fällen. Beide Gremien können aufgrund ihres langjährigen Bestehens auf mehr Präzedenzfälle zurückgreifen, als ich das nach drei Jahren im Amt kann.
Warum haben Sie nicht gleich "müssen" oder "sollen" geschrieben und damit Ihre Meinung deutlich eingebracht?
Für meinen Begriff war die Wortwahl passend. Nun können wir uns streiten, was genau "können" impliziert. Für mich beinhaltet es im fraglichen Kontext mehr als nur die Möglichkeit, etwas zu tun. Es signalisiert leises Bedauern oder Tadel dafür, etwas nicht getan zu haben. Dass man das nicht unbedingt so lesen muss, räume ich ein. Im Übrigen komme ich mir jetzt vor wie Ex-Präsident Bill Clinton, der seinerzeit in der Affäre Monica Lewinsky aussagte: "It depends on what the meaning of ‚is‘ is." – Es hängt davon ab, was die Bedeutung von "ist" ist.
Ihr Schreiben ist insofern irritierend, als Sie in Ihrem Kommentar zwischen Ihrer Rolle als Ombudsmann von Tamedia und der als Privatperson/Journalist lavieren. Warum haben Sie nicht eine Perspektive auf die Sache konsequent durchgezogen: Sprich, sich als Privat- oder als Ombudsmann geäussert?
Die Kolumnen in "Tages-Anzeiger" und "Bund" sind ganz klar als Äusserungen des Ombudsmanns deklariert. Sie sind also keine persönliche Spielwiese, sondern sollen sachbezogen sein, d.h. meine Funktion reflektieren oder journalistische Arbeitsweisen transparent machen. Als Ombudsmann wollte ich mich aufgrund meiner ungenügenden Kenntnis der Sachlage nicht zu einem laufenden Verfahren äussern, um das mal wie ein Pressesprecher zu formulieren. Daher die privaten Einschüsse. Im Übrigen glaube ich nicht, dass meine private Meinung von öffentlichem Interesse ist. Mein Sendungsbewusstsein hält sich in Grenzen.
Im Grunde genommen fassen Sie den Fall, abgesehen von der einen Bemerkung (siehe die erste Frage) zusammen, was ist genau Ihr Motiv für den Kommentar im Leserforum?
Bisher haben mich in diesem Fall seitens von TA-Lesern drei Reaktionen erreicht – alle drei negativ gegenüber Res Strehle. Als ich die Kolumne schrieb, war erst eine Beschwerde eingetroffen. Allein vom vergleichsweise geringen Leserfeedback her könnte man argumentieren, eine Kolumne habe sich nicht aufgedrängt. Doch bin ich von Leuten aus meinem Umfeld wiederholt auf die "Weltwoche"-Artikel angesprochen worden und zwar in dem Sinne, es interessiere sie, zu erfahren, was der Tamedia-Ombudsmann dazu meint. So habe ich mich entschieden, etwas zum Thema Res Strehle zu schreiben statt ein unverfänglicheres Thema zu wählen wie zum Beispiel die jüngsten Angriffe chinesischer Hacker auf Amerikas nationale Zeitungen.
Für wie geglückt hielten Sie den Artikel von Daniel Binswanger im Tagi-Magi zum Fall Strehle?
Ich finde, Res Strehle hätte sich selber ausführlicher erklären sollen. So gesehen hat die Schützenhilfe des "Magazins" unter Umständen jene in ihrem Vorurteil bestärkt, die finden, er habe etwas zu verbergen – eine Einschätzung, die ich nicht teile. An Daniel Binswangers Artikel selbst stört mich vom Inhalt her nichts. Ich frage mich höchstens, ob dessen Publikation zum fraglichen Zeitpunkt taktisch geschickt war. Wobei ich mich in dieser Angelegenheit nicht als höhere Instanz oder als Repräsentant der Tamedia AG verstehe. Das ist allein meine private Meinung.
Die Vorwürfe der "Weltwoche" an Res Strehle sind happig. Wieso fänden Sie in diesem Fall rechtliche Schlüsse doch überrissen?
Wie er allenfalls reagieren will, ist allein Res Strehles Sache. Würde er den Rechtsweg beschreiten, gäbe das meines Erachtens der ganzen Sache ein Gewicht, das sie nicht verdient. Ausserdem habe ich meine Zweifel, wie stark dieser Fall die breitere Öffentlichkeit beschäftigt. Dass er Journalisten ungemein interessiert, ist klar. Doch Journalisten tendieren mitunter dazu, sich in geschlossenen Systemen zu bewegen und sich sowie ihre Rolle zu wichtig zu nehmen.
Was ist genau Ihre Rolle als Ombudsmann bei Tamedia?
Der Ombudsmann ist der Vertreter oder Verteidiger der Leser gegenüber dem Verlag. Er kommt ins Spiel, wenn Individuen sich durch die Berichterstattung eines Tamedia-Erzeugnisses in ihrer Ehre, in ihren Gefühlen oder Überzeugungen verletzt sehen, ihres Erachtens aber seitens einer Redaktion oder vorgesetzter Stellen kein Gehör finden. Das gilt auch für Fälle, in den sich Leute über Probleme etwa bei Abos oder beim Vertrieb beschweren. Klagen können auch Institutionen oder Firmen. Der Ombudsmann ist kein Personalvertreter, d.h. er wirkt nach aussen, nicht nach innen. Gleichzeitig verkörpert er Qualitätskontrolle und wacht über die Einhaltung des "Journalisten-Kodexes", d.h. der Erklärung der Pflichten und der Rechte der Journalistinnen und Journalisten. Der Job, obwohl vom Ansatz her gleich, wird von Medium zu Medium und von Land zu Land wieder etwas anders interpretiert.
Inwiefern treten Sie in dieser Rolle auch öffentlich in Erscheinung?
Die monatliche Kolumne ist das eine, öffentliche Auftritte vor unterschiedlichen Gremien und Zuhörerschaften sind das andere. Das Spektrum reicht von Referaten vor Serviceclubs über Vorträge in Dokumentationszentren bis hin zu Kurzvorlesungen im Rahmen von Universitätsseminaren. Nicht selten wenden sich auch Schüler und Studenten an mich, die Arbeiten zu medienkritischen Themen verfassen.
Die Ombudsmann-Stelle kann man sich gut unbequem vorstellen. Ihre Voten etwa im Fall Thiriet oder jetzt bezüglich Strehles Kommunikation werden intern wohl nicht besonders frenetisch gefeiert. Werden Ihre Interventionen bei Tamedia geschätzt?
Ein amerikanischer Kollege hat einst gesagt, zu versuchen, Leute auf den Pfad der Tugend zu führen, sei kein Job, in dem man sich viele Freunde mache. Natürlich ist es für einen Journalisten kein Vergnügen, vom Ombudsmann allenfalls öffentlich angeprangert zu werden. Solche Fälle aber lassen sich an wenigen Fingern abzählen. Im Allgemeinen fallen die Reaktionen einzelner Redaktionen oder Journalisten, mit denen ich zu tun habe, zwar nicht unbedingt begeistert, aber meist einsichtig aus.
Sie bekommen jährlich zwischen 150 und 160 Beschwerden. Worauf beziehen sich diese am häufigsten?
Zum einen gibt es bestimmte Themen, die erfahrungsgemäss Leserreaktionen auslösen: Ausländer, Religion/Sekten, Gesundheit/Medizin, Schule/Bildung, Nahost/Palästina. Grösster gefühlter Leserärger, also nicht statistisch gesehen, sind jedoch Kommentare im Online, die entweder freigeschaltet oder aussortiert werden. Hier taucht relativ häufig der Vorwurf auf, die Tamedia beschäftige einen Zensor, der aufgrund politischer Kriterien den Daumen reckt oder senkt, oder es gebe verlagsintern eine schwarze Liste unliebsamer Kommentatoren. Aus was für Gründen auch immer weckt Online häufigere und heftigere Emotionen als die gedruckte Zeitung. Die Studie einer amerikanischen Fachzeitschrift ist vor kurzem zum Schluss gekommen, dass - vereinfacht gesagt - negative und unflätige Online-Kommentare andere Leser dazu veranlassen, dem Inhalt eines an sich fairen und ausgewogenen Artikels eher zu misstrauen, als nüchterne und ausgewogene Stellungnahmen. Die Forscher nennen das "the nasty effect".
In Ihrem letzten Kommentar zu Strehle behandeln Sie einen Leserbrief, in dem unter anderem der Vorwurf erhoben wird, der Tagi sei nach links gerutscht. Wie antworten Sie auf diese Einschätzung? Und: Ist der Tagi tatsächlich nach links gerutscht?
Ein früherer Chefredaktor pflegte zu sagen, der "Tages-Anzeiger" sei "um eine Haaresbreite links der Mitte". Das war in den 80er Jahren. Inzwischen würde ich selbst die Zeitung im Zentrum ansiedeln. Zumindest halten sich in meinem Fall Beschwerden die Waage, die dem TA vorwerfen, entweder zu links oder zu rechts, zu SP-hörig oder zu SVP-gläubig zu sein. Kann auch sein, dass die Mitte nach rechts gerückt ist und sich die Wahrnehmung politischer Standpunkte entsprechend verschoben hat. Auf jeden Fall erhalte ich auch Reaktionen, die dem Blatt vorwerfen, im Vergleich zu früher an Profil verloren zu haben und verwechselbar geworden zu sein. Wenn Sie pensionierte TA-Journalisten fragen, werden Sie wohl nicht viele finden, die meinen, wie das laut "Der Sonntag" ein prominenter CVP-Politiker tut, die Zeitung sei "sehr links" und stehe nicht zu dem, was sie sei.
Sie sind auch in einer internationalen Organisation für Ombudsmänner. Was sind die Themen, die Ombudsmänner momentan international beschäftigen?
Es ist in erster Linie die Frage, wie in Zeiten schrumpfender Redaktionsbudgets und steigenden Produktionsdrucks die Qualität der Berichterstattung und damit die Glaubwürdigkeit eines Mediums bewahrt werden kann. Medien müssen im Zeitalter des Internets ihren Konsumenten gegenüber transparent und zugänglich bleiben, wollen sie das Vertrauen ihrer Nutzer behalten und prosperieren. Die Organization of News Ombudsmen (ONO) bemüht sich auch, das Prinzip der Pressefreiheit und der öffentlichen Verantwortung etwa in Ländern Osteuropas oder Afrikas zu propagieren, die aus historischen Gründen damit nicht so vertraut sind, dem Prinzip aber mehr Nachachtung verschaffen möchten. ONO zählt derzeit 76 Mitglieder aus 26 Ländern.
Interview: Benedict Neff