Papablogger bekämpft Social-Media-Kodex

Tagi - Maurice Thiriet twittert gegen Pläne seines Arbeitgebers.

Maurice Thiriet, Inlandredaktor vom "Tages-Anzeiger", hat sich zu einem einsamen Kampf aufgemacht, einem Kampf gegen Windmühlen. Denn dass die Lancierung eines geplanten Social-Media-Kodexes für die "Tages-Anzeiger"-Mitarbeiter noch zu verhindern wäre, glaubt Thiriet selbst nicht.

Beim "Tages-Anzeiger" wird über einen Social-Media-Kodex diskutiert, der für die Mitarbeiter verbindliche Regeln im Umgang mit Social Media definieren soll. Auf Anfrage von persoenlich.com bestätigte Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer denn auch, dass in der Chefredaktion eine Diskussion um "Spielregeln" für die Mitarbeiter im Umgang mit Social Media lanciert sei. Zimmer geht seinen eigenen Worten auf den Grund und betont, dass es bei Spielregeln keineswegs darum gehe, ein Spiel zu verbieten, sondern dass es im Gegenteil Ziel sei, ein Spiel zuzulassen. Tamedia ziele zudem nicht darauf ab, eine unternehmensweite Regelung für die Social-Media-Aktivitäten der Mitarbeiter festzulegen. Die einzelnen Redaktionen würden solche Richtlinien intern festlegen. Noch sei auch gar nichts beschlossen, ein Social-Media-Kodex des "Tages-Anzeigers" gar nicht existent.

Seit gut zwei Wochen twittert Thiriet allerdings so verwirrend, dass seine Follower annehmen müssen, der Social-Media-Kodex sei bereits umgesetzt. Am 7. Juni twittert er etwa: "Internas dürfen nicht getwittert werden. Der Kodex ist ein Interna. Also: Nein. Steht alles im Kodex." Zwei Tage später wiederum lässt er verlauten: "TA-Social-Media-Kodex: Linien-Vorgesetzte sollen Tweets und Status-Updates bewilligen müssen! Erreichbarkeit neu 24/7 obligatorisch!" Auf Anfrage von persoenlich.com gibt Thiriet unumwunden zu, dass er gezielte Desinformation betreibe. Sein Ziel ist es, sein Twitter-Publikum bewusst zu verunsichern, sodass am Ende, wenn der Kodex tatsächlich lanciert ist, Ratlosigkeit herrsche, welche Regeln nun gälten und welche nicht. Thiriet spricht von Nebelpetarden, die er abfeuere, um den Kodex zu verschleiern und von Unwahrscheinlichkeiten, die er formuliere, um die Inhalte des Kodexes zu verzerren. So schreibt Thiriet zuweilen so, als gäbe es den Kodex schon, dann wieder, als sei er erst im Entstehen.

Thiriet will die Realität und die Möglichkeit eines solchen Social-Media-Kodexes ineinander verschimmen lassen und letzten Endes für ein heilloses Durcheinander sorgen. Übertreibung und fiktives Zitat gehören dabei ebenso zu Thiriets Stilmittel im Kampf gegen den Kodex. So etwa in diesem Tweet: "Social-Media-Kodex des TA soll 'infantile Äusserungen (auch unter Pseudonym geäussert)' verbieten."

Was Thiriet besonders ärgert: Der Kodex wird eingeführt, ohne dass er mitreden kann. Eine Vernehmlassung sei nicht vorgesehen, sagt Thiriet. Ein Kollege auf der Redaktion habe ihm klar gesagt, der Tagi sei keine Basisdemokratie mehr. "Nun fürchte ich um meine Facebook-Serie 'Solothurner-Unfall-Kompendium'", sagt Thiriet. Niemand habe ihm eine Garantie abgeben wollen, dass er weiter sämtliche Verkehrsunfallbilder der Kapo Solothurn auf Facebook veröffentlichen dürfe. Er habe allerdings auch niemanden gefragt.

Zimmer ärgert sich über die Twitter-Petarden von Thiriet hingegen gar nicht: "Das stört mich überhaupt nicht. Man soll diese Meinungsäusserungen zulassen."

Text: Benedict Neff