Peter Rothenbühlers spitze Analyse aufgefrischter Zeitungstitel

- Wer ist die Schönste im Land? Als kritischer Beobachter des internationalen Zeitungsdesigns erlaubt sich Peter Rothenbühler (Bild), Chefredaktor von Le Matin und Le Matin Dimanche, ein paar spitze Bemerkungen zu kürzlich aufgefrischten Schweizer Titeln. Auf "persoenlich.com" erscheinen seine Analysen von Tages-Anzeiger, Blick und NZZ am Sonntag, im aktuellen "persönlich rot" finden sich zudem Kommentare zu Facts, L'Hebdo und Weltwoche.

Tages-Anzeiger: Wo bleibt das Bekenntnis zur Farbe?

"S’chunt langsam", würde Massimo Rocchi, der Komiker, sagen. Aber warum nur sooooo langsam? Sie gleichen sich einfach immer noch zu sehr, der Tagi und die NZZ. Das Honorar für Zeitungsdesigner Roger Black ist so gut investiert wie die Bundesmilliarden für die Swiss. Es bleibt nichts übrig. Schönheit allein zieht keine Leser an, auch der Blick ist heute schön. Dimanche.ch selig war sogar sehr schön.

Ein paar blau eingefärbte Kästchen machen noch keine moderne Zeitung. Auch ein paar Farbföteli genügen nicht. Die entscheidende Kulturwende ist beim Tagi noch nicht vollzogen: der Wechsel vom Blatt für die eigenen Journalisten zu einem Blatt für die Leser. Der Tagi braucht ein radikales Bekenntnis zur Farbe, ein neues Bild- und Illustrationskonzept und vor allem eine andere Abfolge der Hefte: vorne die Ereignisse, die die Mehrheit der Leser interessieren, also das Regionale und grosse Ereignisse (auch sportliche und gesellschaftliche), hinten das, was der Mehrheit der Journalisten am Herz liegt: Ausland, Inland und Wirtschaft. Gut, ein Umbau wird für den Herbst angekündigt. Warten wir mal ab.

Wenn der Tagi im Design weiterhin auf Nadelstreifengrau macht, erinnert er die Zürcher Leser nur daran, dass die NZZ die bessere Zeitung für Snobs ist. Übrigens auch die bessere Zeitung für Schnellleser. Die äusserst informativen Artikel-Leads der NZZ in der richtigen Länge sind für den Tagi die grössere Gefahr als die Gratiszeitungen. Die NZZ-Chapeaus sind 20 Minuten für Gebildete. So hats mir schon Ulrich Bremi erklärt, der viel beschäftigte Ex-VR-Präsident der NZZ, der doch nie Zeit hatte, die NZZ zu lesen: "Sie brauchen bei uns nur alle Leads zu lesen und Sie sind bestens informiert."

Fazit: Macht doch endlich all das, was die NZZ nicht darf!

NZZ am Sonntag: Sie ist nur die Kopie

Als Chef einer Sonntagszeitung (Le Matin Dimanche, 215'000 Auflage, 620'000 Leser) muss ich sämtliche Sonntagstitel von vorne bis hinten durchlesen. Ich lese also eine Sonntagszeitung nach der andern, dann erzähle ich meinem Tageschef, was ich so erfahren habe. Ich weiss jeweils ganz genau, was ich im SonntagsBlick, in Bild am Sonntag oder im Journal du Dimanche (Frankreich) gefunden habe (übrigens eine der besten Sonntagszeitungen, mit einem erbärmlich veralteten Layout).

Aber ich kann mit dem besten Willen nicht mehr sagen, ob ich etwas in der NZZ am Sonntag oder in der Sonntagszeitung gelesen habe. Gleiches Layout, gleicher Schreibstil, gleiche Themen, gleicher Bildrhythmus, gleiche Heftabfolge. Okay, ich hör schon die Proteste, Insider würden mich auf viele Unterschiede aufmerksam machen. Aber das ändert nichts am Eindruck! Und auf den kommts an.

Wenn ich die NZZ am Sonntag lese und meine, ich sei in der Sonntagszeitung, dann bedeutet das, dass die neue Zeitung ein grosses Problem hat. Das Problem, nur die Kopie des Originals zu sein. Und damit keine Alternative, keine Neuheit, letztlich nicht nötig. Die NZZ am Sonntag sollte sich auf die echten Valeurs der NZZ besinnen. Die Zeitung muss vornehmer und intelligenter wirken (ich schreibe ausdrücklich "wirken"). Zwar mit vielen Bildern, mit Autoren-Bylines, mit People, mit Lifestyle, mit allem Drum und Dran. Aber es muss nach NZZ riechen. So wies im Intérieur jedes Rolls-Royce nach handgenähtem Kuhleder riechen muss. Das wäre die grosse Kunst.

Fazit: NZZ am Sonntag, gib den Lesern am Sonntag mehr NZZ!

Blick: Wird uns Olivgrün nicht verleiden?

Das Face-Lifting von Blick hätte voll in die Hosen gehen können. Denn die Problemstellung war heikel: weg vom Schmuddellook. Die Männerkundschaft befriedigen und trotzdem mehr urbane junge Frauen ansprechen. Blick hat den Spagat geschafft. Wenigstens im Design. Dem begabten Zeitungsdesigner Kurt Schwerzmann verdanken wir die neuen, etwas verspielten Titelschriften, den neuen Spaltenrhythmus und ein radikales Illustrations- und Bildkonzept mit starken Auftritten. Höchst originell ist auch die neue Grundfarbe Olivgrün. Eine gute Ergänzung zu Blickrot und Titelschwarz. Ein echter Wurf. Wer je eine Zeitung umgestaltet hat, weiss, wie hoch dieses Kunststück einzuschätzen ist.

Natürlich bleiben Fragen: Wird uns Olivgrün schon bald verleiden? (Ich denke ja.) Sind die breiten Spalten am Rand mit gotischer Typo wirklich leserfreundlich? (Ich denke nein.) Warum verzichtet Blick selbst auf den Plakätchen auf das wirkungsvolle Signalgelb? Und: Warum hat Blick nicht vom Grossreinemachen profitiert, um auch ein paar neue journalistische Ideen zu lancieren? Eine komplettere Zeitung zu werden? Ein Mindestmass an seriösen Infokalorien zu bieten? Die Function müsste jetzt dem Design followen.

Auf eine kurze Formel gebracht: Blick hat sein Schönheitsproblem gelöst, nicht sein Charakterproblem: Der Machismo, die Häme, die Gnadenlosigkeit im Abschuss, all das flackert immer wieder auf. Nur zwei Beispiele: Wenn man schon die Uebersax-Idee mit den erotischen Sommerpaaren wieder aufleben lässt, dann bitte nicht mit Bildern von plumpen Macho-Füdlifotografen. Auch das softeste Design macht die Striptease-Serie über die gesellschaftlich toten Kopps nicht zu einer menschlich anrührenden Geschichte.

Was der Zeitung fehlt, sind auch Aufsehen erregende Kolumnen von starken Persönlichkeiten wie Mario Widmer, Marta Emmenegger, Turi Honegger, Peter Uebersax, Frank A. Meyer. Das gibt Charakter. Aber stopp, das sind nicht mehr Fragen des Designs.