Philosoph Hans Saner kritisiert, Ueli Haldimann widerspricht

SF DRS - Grenze des Zumutbaren bei Berichterstattung über Gewalt oft überschritten.

Wie viel Brutalität können die Medien ihrem Publikum zumuten? Wo sind die Grenzen der Berichterstattung? Diese Fragen gewannen in letzter Zeit durch das Urteil im Mordprozess "Tom und Sonja" und im Prozess gegen den "Kannibalen von Rotenburg" neu an Aktualität. Die Faszination für Verbrechen sei schon immer da gewesen, sagt Saner gegenüber der Nachrichtenagentur sda. "Dieses Interesse an den Grenzen und Extremsituationen des Menschseins ist eine Mischung aus menschlicher Neugierde, aus Hoffnung auf einen Triumph über das Verbrechen und einen Sieg der Gerechtigkeit." In unserer Kultur sei im Gegensatz zu früheren Zeiten die Todesstrafe abgeschafft worden und mit ihr auch die Teilnahme an den grausamen Hinrichtungsritualen. So bleibe der Öffentlichkeit heute nur noch die Beschreibung der Tat, die Suche nach dem Verbrecher und die Gerichtsverhandlung.

Bei ausserordentlich grossen Verbrechen gebe es deshalb sogar eine Pflicht der Medien, besonders präzise zu berichten. Saner ist aber überzeugt, dass "man zwar alles sagen und schreiben, nicht aber alles zeigen darf". Bereits die Autoren von Tragödien in der Antike hätten sich an diese Regel gehalten. Denn der Mensch reagiere unterschiedlich auf verschiedene Wahrnehmungen -- auf einen beschriebenen oder einen tatsächlich erlebten Schrei. Während das Wort lediglich eine Repräsentation der Tat darstelle, sei das Bild -- vor allem aber der Film -- eine direkte Präsentation der Grausamkeit. Oft werde im Fernsehen die Grenze des Erträglichen überschritten. "Ich bin mir manchmal nicht ganz sicher, ob nicht Sadisten in den Bildredaktionen sitzen", sagt Saner.

Der Chefredaktor von SF DRS, Ueli Haldimann, kann mit diesem Vorwurf wenig anfangen. Man müsse immer von Fall zu Fall entscheiden. "Wenn Bilder zeigen, was für eine Brutalität auf der Welt herrscht, gibt es keinen Grund, diese nicht auszustrahlen", sagt Haldimann. So seien die Aufnahmen der weissen US-Polizisten, die einen schwarzen Mann erschlagen, ein eindrückliches Fernsehdokument der dort herrschenden Brutalität. Und die Filmaufzeichnungen der toten Söhne des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein hätten nebenbei auch die amerikanischen Propaganda-Methoden deutlich gemacht.