Unter dem Titel "Pietro Supinos Flucht vor den Journalisten" beschreibt die WOZ vom 13. Dezember 2012, wie der Tamedia-Verleger vor buhrufenden Journalisten der Zeitung "Le Temps" in die Obhut eines Kiosks flüchtete. Nahezu einen Monat später veröffentlicht die selbige Zeitung eine Gegendarstellung der Tamedia.
Supinos umstrittene Flucht hat sich gemäss der "Wochenzeitung" anlässlich einer Sitzung des Verwaltungsrats der Zeitung "Le Temps" ereignet, das Gremium, welches die Restrukturierung der Zeitung und den Abbau von achtzehn Redaktionsstellen beschlossen hatte. Zusammen mit Michael Ringier sei Supino von rund hundert frustrierten Journalisten mit Buhrufen vor den Redaktionsräumlichkeiten empfangen worden. Sie demonstrierten ihre Unzufriedenheit angesichts der Kündigung des Gesamtarbeitsvertrags durch die Verleger (persoenlich.com berichtete). Während über Ringiers Reaktion auf das Empfangskomitee im Artikel nichts zu lesen ist, heisst es zum Tamedia-Verleger: "Pietro Supino sah sich angesichts der Wut der demonstrierenden JournalistInnen bald gezwungen, in einen nahen Kiosk zu flüchten."
In der aktuellen WOZ-Ausgabe vom 10. Januar schreibt Tamedia nun ihre Sicht der Dinge: "Tatsächlich" sei Supino vor niemandem geflohen und er hätte auch keinen Kiosk aufgesucht. Vielmehr hätte er sich den Demonstranten "angenähert, um an ihnen vorbei in das Redaktionsgebäude von 'Le Temps' zu gelangen."
War es eine Flucht? War es eine Annäherung? Eine Annäherung, um vorbeizugelangen? Welche Rolle spielte der Kiosk? Und: Wo war Michael Ringier, als sich die fragwürdige Szene abspielte?
Die WOZ beschliesst die Gegendarstellung der Tamedia mit einer eigenwilligen Anmerkung der Redaktion, die den Leser über das Wesen der Gegendarstellung unterrichtet: "Die Gegendarstellung erlaubt es den Betroffenen, nachteilige Behauptungen mit eigenen Gegenbehauptungen zu ergänzen. Die Redaktion ist gesetzlich dazu verpflichtet, sie abzudrucken. Offen bleibt, wer recht hat." Recht haben wollen sie jedenfalls alle beide.
Text: Benedict Neff