Der prototypische "Blick"-Leser ist über 60 Jahre alt, kommt vom Lande, steht politisch rechts der Mitte und interessiert sich für Sport.
"Was haben wir anzubieten, was noch nicht gratis ist?", fragt sich Ralph Grosse-Bley und denkt dabei wohl oft an sein männliches Publikum in Nidwalden, Glarus und Baselland. Die Worte des "Blick-Chefredaktors mögen ein bisschen verzweifelt klingen. Seine Zeitung gerät durch Gratiszeitungen unter Druck. Der Boulevardstil wird in der Schweiz längst nicht mehr nur mit "Blick" in Verbindung gebracht. Er wird von Politik und anderen Medien adaptiert. Und wird von Moralaposteln seit jeher immerhin ist hierin eine Konstante zu erkennen verurteilt. Über den "Overkill des Boulevards" und was der Boulevard-Journalismus in der Politik zu suchen hat, sprachen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien am Donnerstag anlässlich einer von Ringier und der Academia Engelberg organisierten Podiumsdiskussion.
Ringier lädt zur Grand Débat
Die Veranstalter luden zur "Grand Débat" ins Hotel Bellevue Palace in Bern. Unter der Leitung von Hannes Britschgi (Publizist und Leiter der Journalistenschule von Ringier) diskutierten Lis Borner (Chefredaktorin SR DRS) , Ralph Grosse-Bley (Chefredaktor "Blick"), Kurt Imhof (Soziologie-Professor Uni Zürich) sowie die Nationalräte Cédric Wermuth (SP) und Gerhard Pfister (CVP) zum Thema: Wie viel Boulevard braucht die Politik?
Pfister nimmt an Biene von der Ukraine keinen Anstoss
Die Geister scheiden sich natürlich von Anfang an: Findet Pfister die Berichterstattung von "Blick" über GLP-Politiker Martin Bäumle und seine "Biene von der Ukraine" ("Blick") in Ordnung, da sich der Nationalrat die Geschichte mit dem Auftritt mit seiner Partnerin anlässlich des Wahlerfolgs seiner Partei selbst eingebrockt habe, meint Lis Borner, der Fokus auf die zentralen Dinge werde durch diese Art der Berichterstattung verstellt. Hierin sind sich Borner und Kurt Imhof einig: Die politische Sphäre ist für beide ein Bereich, der möglichst boulevardfrei sein soll. "Medien müssen unterhalten, aber Politik ist Politik", so Borner.
Imhof ohne Berührungsängste zum Boulevard
Imhof beweist auch an dieser Veranstaltung, dass er nicht nur ausgezeichnet über den Boulevard referieren, sondern sich auch selber seiner Instrumente in einer schlafwandlerischen Sicherheit bedienen kann. So weiss er etwa: "Der Urgrossvater von Grosse-Bley ist Lenin" und verweist darauf, dass auch Lenins oberste Maxime für eine Zeitung die Enthüllung gewesen sei. Das jedoch wäre an sich kein Problem, würde der "Blick" nach wie vor, wie einst und bis in die 80er Jahre, alleine das "Ghetto des Boulevards" konstituieren. Aber, das Ghetto ist salonfähig geworden und "Blick" nur mehr ein Phänomen des generellen "Overkills des Boulevards". Bei Imhof herrscht Klassenkampf: Das Volk macht sich mit Skandalisierungen der Elite Luft.
Wermuth sieht Boulevard als budgetfreundliches Instrument
Cédric Wermuth will den Boulevard nicht werten und sieht ihn selbst als mitunter erfolgreichen Teil der Politstrategie der Juso. Der bekennende Nicht-Kiffer greift auch mal öffentlich zum Joint, um seine Botschaft zu verkünden. Boulevard sei budgetfreundlich. Selbstkritisch lässt er verlauten, dass er rege twitternd mit seinen Mitteilungen zwischen 5000 und 10000 Personen erreiche. Wohlgemerkt mit jeweils 140 Zeichen, die symptomatisch für eine Problemverkürzung stehen, die kaum einem politischen Sachgeschäft gerecht werden können. Mit den Möglichkeiten von Social Media werden auch Politiker zu relevanten Produzenten von Boulevard. Ihr Adressatenkreis kann dabei die Auflage manch einer Zeitung übertreffen. Die Publikation erfolgt selbstmächtig und direkt aus dem Nationalratssaal und nicht über Umwege in ein Redaktionshaus.
Borner: Mit Schlagwörtern lässt es sich lange leben
Im Positiven die klare Botschaft des Boulevards, im negativen dessen Oberflächlichkeit sie sind, wie Borner betont, nicht nur Interpretationen des Boulevards, sondern auch der Politik. Sowenig manche Journalisten zu sagen hätten, so verhalte es sich auch mit den Politikern: Mit Schlagwörtern und Feindbildern lasse es sich in der Politik lange überleben.
Grosse-Bley will anbieten, was noch nicht gratis ist
Britschgi fragt Grosse-Bley, für wen er eigentlich schreibe und fasst dessen Antwort später selbst mit dem "kleinen Mann vom Lande" zusammen. Der prototypische "Blick"-Leser ist männlich, über sechzig Jahre alt, wohnt ländlich und schöpft seine politische Gesinnung rechts der Mitte. Zu Grosse-Bleys Fragen gehört etwa: "Was haben wir anzubieten, was noch nicht gratis ist?". Die Frage könnte die eines hausierenden Trödlers sein, der einst den "kleinen Mann vom Lande" an dessen Tür, der Schwelle zu seiner Privatsphäre, mit seinen Produkten aufgesucht hat.
Grosse-Bley würde die Geschichte über den Tunnel-Unfall im Wallis noch einmal genau gleich inszenieren. Das Spektakel oder die Relevanz? Der Chefredaktor mag hier auf Anfrage vom Moderator keine Präferenzen setzen. Dass für Imhof nur noch "Human Interest" irgendwo weit aussen auf der Spektakel-Achse steht, erübrigt sich fast, an dieser Stelle anzufügen. Was der Boulevard denn dürfe? Grosse-Bley spricht kühl vom "Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten" und streift damit das Boarderline-Image des Boulevards nicht ab. Muss er auch nicht. Wollte man wirklich auf die "Empörungsliga" (Grosse-Bley) eingehen, die die "Trauerbewirtschaftung" (Imhof) des Boulevards kritisiert, so müsste man ihn laut Grosse-Bley konsequenterweise ganz verbieten. Es wäre ein radikaler Strukturwandel der Öffentlichkeit.
Der Chefredaktor von "Blick" findet die Löhne der Journalisten nicht schlecht und will keinen Qualitätsabbau im Journalismus feststellen. Ganz anders Imhof: Im Journalismus seien Junge ohne Ausbildung (K.I.: "Kindersoldaten") und die Erfahrenen gingen in die PR-Abteilungen, wo es mehr zu verdienen gebe.
Boulevard als Ausdruck schmaler Budgets
Lediglich angetippt wird die Industrialisierung der Medienbranche und eine Boulevardisierung der Medien, die primär Ausdruck fehlender finanzieller Mittel ist. Wermuth regt an, dass hier den Medien von politischer Seite Hand zu bieten sei. Vage deutet er an, dass der Staat mit Subventionen einer allgemeinen Boulevardisierung der Medien entgegenzuwirken hätte. Subventionierte Zeitungen als Waffe gegen Boulevard-Mainstream? Ginge die Rechnung tatsächlich auf, so würde der "Blick" das "Ghetto des Boulevards" wohl wieder alleine bewirtschaften.
Eine Frage der Quantität
Welches war der Sinn der von Ringier und der Academia Engelberg organisierten Veranstaltung? Wohl war die Veranstaltung Ausdruck der Bemühungen der Akademie, eine "Plattform des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft" zu bieten. Der in letzter Zeit (und eigentlich immer) vielkritisierte Boulevard von Ringier schien sich aber doch auch leise rechtfertigen zu wollen. Grosse-Bley war gut vorbereitet, er hatte die von Britschgi angesprochenen Schlagzeilen mit der jeweiligen Zeitung schnell zur Hand um dem Publikum zu veranschaulichen, worum es ging. Und die Daseinsberechtigung des Boulevards schien von allem Anfang an als erwiesen: Wie viel Boulevard braucht die Politik? Es stellte sich damit nicht die Frage, ob es den Boulevard in der Politik überhaupt brauche. Für den Veranstalter ist es lediglich eine Frage der Quantität.
Text: Benedict Neff, Bilder: blick.ch