19.08.2014

Affäre Geri Müller

Politische Zukunft des Politikers ist weiter ungewiss

Er will schauen, ob das Vertrauen weiterhin bestehe.

Der erste öffentliche Auftritt des Aargauer Grünen-Politikers Geri Müller nach Bekanntwerden der Nackt-Selfie-Affäre hat wenig Klarheit darüber gebracht, ob er seine Ämter als Badener Stadtammann und als Nationalrat weiterführt. Müller blieb in seinen Äusserungen über seine politische Zukunft äusserst vage.

Er wollte nun schauen, ob das Vertrauen weiterhin bestehe, sagte Müller am Dienstag vor den Medien in Zürich. Er übe das Amt gerne aus, und er glaube auch, dass er es nicht schlecht gemacht habe. Dies waren die einzigen Bemerkungen von Müller zu diesem Thema.

Explizite Aussagen, dass er fest gewillt sei, beide politischen Mandate weiterzuführen, fehlten. Fragen der Medien beantwortete Müller im Anschluss an seine knapp eine Stunde dauernden Ausführungen nicht.

Müllers politische Weggefährten sind vor allem froh, dass er sich nach dem heutigen Stand der Dinge und nach seinen eigenen Aussagen nichts Strafrechtliches zu Schulden habe kommen lassen. Vor allem die Parteikollegen möchten rasch zur Tagesordnung übergehen.

Rückhalt aus der Kantonalpartei
Die Grünen Aargau stärkten Müller nach an einer ordentlichen Mitgliederversammlung am Dienstagabend in Rheinfelden den Rücken. Man habe zwar die Vertrauensfrage noch nicht diskutiert, sagte Jonas Fricker, Präsident der Grünen Aargau, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Aber ein Rücktritt Müllers als Nationalrat stehe anhand der Fakten, die zu jetzigen Zeitpunkt auf dem Tisch lägen, nicht zur Debatte.
 
Die Parteimitglieder hätten sehr offen über den Fall diskutiert. Die rechtliche Seite sei vorerst abgehakt, der Vorwurf des Amtsmissbrauchs vom Tisch, sagte Fricker. Und das strafrechtliche Verfahren laufe nicht gegen Müller, sondern gegen die Frau.
 
Es blieben in dieser Sache deshalb nur noch die Nackt-Fotos. Diese seien nach Ansicht der Grünen Aargau zwar moralisch verwerflich aber kein Grund, Müller zum Rücktritt als Nationalrat aufzufordern.
 
Die Badener Ortsparteien CVP, FDP und SVP hatten Müller am Dienstagnachmittag in einem gemeinsamen Communiqué zum Rücktritt als Stadtammann von Baden aufgefordert. Das Team Baden werde sich voraussichtlich in den nächsten Tagen damit befassen, sagte Fricker weiter.

Rytz hofft auf Akzeptanz der Bevölkerung
Auch Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz ist "froh, dass Geri Müller vor den Medien seine Sicht erläutert und klargestellt hat, dass es sich um einen privaten Beziehungskonflikt handelt". Ebenso sei sie froh, dass der Vorwurf der Beeinflussung der Polizei vom Tisch sei.

Weiter habe er sich für sein Verhalten und für seine Fehler entschuldigt. Rytz hofft, dass die Bevölkerung die Entschuldigung akzeptiert und dass alle wieder zum politischen Alltag zurückkehren können.

Auch Grünen-Nationalrat und Fraktionspräsident Balthasar Glättli hält Müller weiterhin für tragbar. Es werde sicher noch eine ernsthafte Diskussion in der Fraktion geben, sagte Glättli gegenüber Radio SRF. Gespräche müssten zeigen, ob das Vertrauen weiterhin da sei.

Bei der Badener Stadtregierung ist eine gewisse Erleichterung spürbar. Der Stadtrat sei froh, dass kein Amtsmissbrauch vorliege, sagte Vizeammann Markus Schneider zur sda. Man werde das weitere Vorgehen in den nächsten Tagen mit Müller gemeinsam besprechen.

Müller entschuldigt sich
Geri Müller legte am Dienstag an einer Medienkonferenz in Zürich seine Sicht der Dinge dar. Er entschuldigte sich in aller Form bei seinem Umfeld. Er legte detailliert dar, wie es zu dieser anfänglich virtuellen Beziehung mit einer 33-jährigen Frau kam. Deren Alter hatte die sda zunächst fälschlicherweise mit 21 Jahren angegeben.

Anfangen habe alles als Buchprojekt über erotische Fantasien, welches die Frau schreiben wollte. Es habe sich nie um eine körperliche Liebesbeziehung gehandelt, sagte Müller. Dann habe die Sache immer skurrilere Züge angenommen. Teilweise habe ihm die Frau bis zu 30 SMS pro Tag geschickt.

Deshalb habe er die Sache abbrechen wollen. Dies habe die Frau als Abbruch einer Liebesbeziehung verstanden mit der Veröffentlichung des Chats gedroht. Er habe einen Rechtsanwalt eingeschaltet und später im Kanton Bern eine Strafanzeige wegen Nötigung eingereicht.

"Nur noch geschämt"
Er habe sich nur noch geschämt, als er von der Geschichte in der "Schweiz am Sonntag" erfahren habe, sagte Müller - "geschämt vor mir, vor meiner Partnerin, meiner Stadt, die ich über alles liebe, vor der ganzen Welt und auch vor Ihnen". Müller bezeichnete sich als einfacher Landjunge, der es sehr weit gebracht habe. Er habe in seinem Leben überdurchschnittlich viele gute Sachen geleistet, aber auch eine falsche.

Er wolle nicht sagen, die Frau sei Schuld und er das Opfer: "Ich habe Sachen gemacht, die ich von mir nicht kenne, die ich als meine Schwäche bezeichne und tief bereue." Es tue ihm ausserordentlich leid, dass er durch sein persönliches Verhalten Menschen enttäuscht und verletzt habe.

Hier sei eine dunkle Seite an ihm zum Vorschein gekommen. Und obwohl sie nur einen kleinen Teil von ihm ausmache, stehe seine dunkle Seite jetzt im Licht der Weltöffentlichkeit.

Müllers Darstellung widersprach am Dienstag eine Frau, die sich gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet als Müllers Chat-Partnerin ausgab. Die Stellungnahme liegt auch der sda vor. Sie habe Müller nie genötigt oder unter Druck gesetzt, schreibt sie. Es habe sich um eine körperliche Beziehung gehandelt. Sie zeigte sich aber auch überrascht, dass er weitgehend alles zugegeben habe, und dankte ihm "für einen Teil der Wahrheit".

Angebot offenbar auch an andere Medien
Offenbar war die Geschichte mit Müllers Nacktbildern auch anderen Medien angeboten worden. So äusserten sich jedenfalls "Weltwoche"-Chefredaktor Roger Köppel und "Blick"-Chefredaktor René Lüchinger gegenüber persoenlich.com.

Köppel spricht von einer "unappetitlichen Story" - die Hintergründe für den Verzicht auf eine Publikation sollen in der nächsten Ausgabe der "Weltwoche" zu lesen sein.

Der "Blick" hat die Geschichte laut Lüchinger unter anderem deshalb nicht publiziert, weil die Zeugenlage nicht einwandfrei zu klären war und die Affäre vom Persönlichkeitsschutz her ein Grenzfall ist. (sda)



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