Es handle sich um ein "krasses Missverhältnis", beklagt sich der Theologe Frank Worbs im Tages-Anzeiger (TA). Worbs, der auch als Vertreter der reformierten Kirchen im 26-köpfigen Publikumsrat der Radio- und Fernsehgeswellschaft SRG einsitzt, ist der Ansicht, dass die Reformierten am Schweizer Fernsehen massiv weniger Sendezeit als die Katholiken erhalten. Wenn am Schweizer Fernsehen ein Kirchenmann seine Meinung kundtue, handle es sich meist um einen katholischen.
In Konkurrenz zu den deutschen Privatsendern habe im Nachrichtenbereich des Schweizer Fernsehens die Fokussierung auf einzelne Personen zugenommen, wie Worbs gegenüber dem TA weiter erklärt. Für diese Entwicklung hin zur Boulevardisierung und zum Infotainment sei nach Worbs Meinung vor allem das Nachrichtenmagazin "10 vor 10" verantwortlich. Diese Zur-Schaustellung einzelner Persönlichkeiten widerspreche dem reformierten Selbstverständnis: "Das Erzdemokratische gehört zum Wesen und auch zur Blassheit der reformierten Kirche", so Worbs im TA. Er ärgerte sich am meisten über die Berichterstattung über das Sterben von Johannes Paul II.: Jedes Husten von ihm sei in den Medien gemeldet worden.
Der hauptamtlich als Informationsbeauftragter der Reformierten Landeskirche Aargau tätige Worbs sieht die Reformierten aber auch bei gesellschaftlichen-ethischen Fragen benachteiligt. Christliche Statements würden in den Medien ausschliesslich von prominenten katholischen Stimmen wie zum Beispiel von Bischöfen eingeholt, "ohne fairerweise im gleichen Bericht zu sagen, dass die Refomierten eine ganz andere Meinung vertreten".
Mit seiner Kritik stösst Worbs bei Philippe Dätwyler, Vorgänger von Worbs im SRG-Publikumsrat auf Verständnis. Grundsätzlich behandle die Fachredaktion Religion von SF DRS Religion paritätisch, zum Beispiel im "Wort zum Sonntag", oder bei Gottesdienstübertragungen. Es gäbe aber schon Sendungen, bei denen Katholiken stärker vertreten seien, was wohl unter anderem an den stärkeren Symbolen der Katholiken läge: die Katholiken hätten einen Papst und grössere Veranstaltungen. Dätwyler hält es indes nicht für legitim, dem Schweizer Fernsehen vorzuwerfen, dass es diese starken Bilder als journalistisch attraktiver empfinde.
Für Hansruedi Schoch, stellvertretender Chefredaktor von SF DRS sei klar, dass im Informationsbereich die Aktualität ausschlaggebend sei und dass das Fernsehen im Rahmen des Gesamtprogramms Ausgewogenheit anstrebe: "Wir ziehen keine Kirche der anderen vor und geben uns alle Mühe, die Konfessionen gleichermassen zu berücksichtigen". Aber durch den Tod des ehemaligen und durch die Wahl des neuen Papstes sei die vermehrte Berichterstattung doch klar. Die katholische Kirche gebe mit ihrer pointierten Morallehre auch mehr zu reden als die reformierte, so Schoch gegenüber dem TA.