"Proteste gab es nur einmal, als der Chefredaktor der Weltwoche für uns einen Gastkommentar schrieb"

- Giovanni di Lorenzo ist der Shootingstar der deutschen Medienszene. Der 50-Jährige ist seit bald fünf Jahren Chefredaktor der renommierten Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", welche seit einem halben Jahr über einen eigenen Schweiz-Teil verfügt. Mit der Rückkehr des früheren Verlegers Dieter von Holtzbrinck haben sich nun auch die Besitzverhältnisse verändert. Welche Auswirkungen hat dies auf Die Zeit? Di Lorenzo über die Interneteuphorie, den Fight gegen die Weltwoche, Peer Steinbrück und Helmut Schmidt. Das Interview:

Herr di Lorenzo, was hat sich durch den Besitzerwechsel der Zeit für Sie geändert?

Eigentlich nichts. Die beiden Brüder Stefan und Dieter von Holtzbrinck haben etwas gemeinsam: Sie schätzen die Zeit, garantieren der Geschäftsführung und der Chefredaktion jegliche Unterstützung und mischen sich nicht in die Inhalte des Blattes ein. Wir können uns glücklich schätzen, zwei solche Verleger zu haben, die sich ihre Beteiligungen nun hälftig teilen.

Trotzdem: Was war dann der Grund für diesen plötzlichen Besitzerwechsel? Bei Stefan von Holtzbrinck hat man immer suggeriert, dass er sich vor allem für das Internet interessiere.

Ich habe diesen Eindruck nie geteilt. Stefan von Holtzbrinck hatte neben Print schon immer ein grosses Interesse am Internet entwickelt, was für einen jungen Verleger Pflicht ist. Er hat gleichzeitig immer wieder betont, dass die Zeit das Flaggschiff seiner Verlagsgruppe sei. Sein Halbbruder Dieter hat die Blätter, die er nun wieder besitzt, über Jahre begleitet und behutsam aufgebaut. Die Besonderheit der neuen Konstruktion besteht darin, dass Dieter die Anteile debt-free übernommen hat. Das garantiert ihm bezüglich der Rendite eine ganz andere Gelassenheit als beim Einstieg einer Investorengruppe.

Welche Auswirkungen hat diese neue Konstellation für Sie?

Keine.

Müssen Sie bei der Zeit Leute entlassen?

Nein.

Waren wirtschaftliche Probleme der Grund für diese Konstruktion?

Im Gegenteil. Wir haben bei der Zeit im vergangenen Jahr trotz beginnender Krise den grössten Umsatz und die grösste Rendite seit Gründung des Blattes erzielt. Zusätzlich haben wir im vierten Quartal 2008 die für uns magische Grenze von 500 000 Exemplaren überschritten. In aller Bescheidenheit: Ich weiss gar nicht, wie man dieses Resultat toppen könnte. Ich kann mich bezüglich des Verkaufs nur auf die Aussagen der beiden Verlegerbrüder berufen, wonach sich Stefan wegen seiner periodischen Zahlungen an Dieter nicht bei den Banken verschulden wollte. Durch den Wiedereinstieg seines Halbbruders konnte nun eine optimale und für alle befriedigende Lösung gefunden werden.

Nun widerspricht die Zeit allen gängigen Klischees einer erfolgreichen Zeitung: Die Artikel sind lang und das Format unhandlich. Warum ist die Zeit trotzdem so erfolgreich?

Gestatten Sie mir an dieser Stelle ein bisschen Schadenfreude: Als ich hier vor fünf Jahren als Chefredaktor begonnen habe, hörten viele bereits das Totenglöcklein läuten, und man spekulierte über ein baldiges Ende der Zeit. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass gerade die Verweigerung von Moden und Mätzchen die Stärke unserer Zeitung ausmacht. Eine Heerschar von Journalisten hat im Laufe der letzten Jahrzehnte daran gearbeitet, der Zeit jene grosse Glaubwürdigkeit zu verschaffen, auf die wir heute zählen können. Wir haben in den letzten Jahren aber viele Neuerungen vorgenommen, denken Sie nur an die Kinder-, Meinungs- oder Schweiz-Seiten. Daneben haben wir auch ein Literatur- und ein Zeit-Magazin ins Leben gerufen und unser Layout reformiert. Unser Prinzip lautet: Obwohl wir uns in der Form verändern, halten wir an unseren Prinzipien fest. Das Wichtigste aber: Wir haben mit dem althergebrachten Zeit-Credo gebrochen, wonach wir ausschliesslich eine Zeitung machen, die uns gefällt.

Was heisst das?

Die Auffassung, man könne sich beim Produzieren einer Zeitung ausschliesslich auf seine eigenen Interessen verlassen, hatte in der Gründungsphase der Zeit sicher ihre Richtigkeit; dies nicht zuletzt wegen der Erfahrungen im Dritten Reich. Diese Einstellung beweist aber auch, dass unsere Gründungsväter keineswegs gewillt waren, ein zynisches Blatt nach dem Motto “Hauptsache, den Fliegen gefällt es” zu machen. Heute ist eine solche Auffassung jedoch ruinös. Wir haben viele Lesertests gemacht, sogar das Schweizer Reader-Scan.

Hat sich das bewährt?

Ja, nicht überall, aber es hat sich bewährt. Seit Kurzem geben wir jeweils am Montag 200 ausgewählten Zeit-Lesern die Möglichkeit, die Zeit-Titelbilder zu begutachten und zu bewerten. Wir waren noch nie so nahe bei unseren Lesern wie jetzt. Ich glaube, das hilft uns, eine noch bessere Zeitung zu machen.

Was will der Zeit-Leser in der Zeit lesen?

Die wichtigste Erkenntnis: Es gibt keinen typischen Zeit-Leser. Dies widerspricht der reinen Lehre, der wir lange anhingen. Unsere Leser haben aber gemeinsam, dass sie keine Modetrends, weder ein kleineres Layout noch kürzere Artikel wollen, sondern vor allem auf die Tiefe der Artikel Wert legen. Die Stärke der Zeit ist auch, dass wir kontroverse Meinungen zu Wort kommen lassen.

Trotzdem: Warum hat die Zeit ein so unhandliches Format?

Darf ich die Frage umdrehen?

Ja.

Haben Sie das Gefühl, dass die Zeit ein anderes Format hat als andere Zeitungen?

Ja.

Obwohl die landläufige Meinung anders lautet: Die Zeit hat die gleiche Grösse wie die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ. Alle wichtigen Titel Deutschlands – inklusive der Bildzeitung – besitzen das Nordische Format. Obwohl eine Verkleinerung technisch möglich wäre, fürchte ich mich vor diesem Schritt, weil er möglicherweise falsche Signale aussendet und als Sparmassnahme interpretiert werden könnte. Eine solch einschneidende Massnahme wie ein Formatwechsel sollte deswegen immer in guten Zeiten erfolgen. Ich gebe Ihnen aber recht: Die Zeit im Bett zu lesen, ist die Hölle (lacht).

Hat sich diese Lancierung gelohnt? Die Schweiz- Seite hat eine Auflage von 7000 Exemplaren, langfristig wollen Sie diese auf 10 000 erhöhen.

Wenn wir gewusst hätten, auf welche Resonanz die Schweiz-Seiten in Ihrem Land stossen, wären wir möglicherweise viel früher an den Start gegangen. Es ist uns in den letzten Monaten einige Male gelungen, die Auflage zu verdoppeln. Das ist für uns ein grosser Erfolg.

Welche Themen interessieren die Schweizer Zeit-Leser?

Wenn ein Schweizer Thema besondere Relevanz hat, nehmen wir es sogar auf den Titel. Dies war beispielsweise beim Selbstmord des Julius-Bär-Bankers Alexander Widmer der Fall. Gerade das Thema Banken oder der Konflikt mit dem deutschen Finanzminister Steinbrück sind für den Schweiz-Teil besonders interessant.

Kam es wegen der umstrittenen Äusserungen von Peer Steinbrück auch zu Käufer- oder gar Inserateboykotten in der Schweiz?

Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist Steinbrück ein journalistisches Reizthema. Man braucht nichts zu beschönigen, die Wortwahl von Peer Steinbrück war sicherlich unglücklich. Vielleicht täte aber – und ich möchte dies nicht als Kritik an Ihrem Land verstanden wissen – der Schweiz manchmal eine direktere Auseinandersetzung auch gut. Peer Teuwsen hat zu diesem Thema einen hervorragenden Leitartikel geschrieben, den wir auch auf der ersten Seite der Zeit abgedruckt haben.

Reagieren die Schweizer Zeit-Leser auf die Schweiz-Seiten?

Nennenswerte Proteste gab es nur einmal, als der Chefredaktor der Weltwoche für uns einen Gastkommentar geschrieben hatte. Obwohl dies für uns ein Zeichen der Souveränität und Offenheit darstellt, verübeln uns dies einige Schweizer Leser. Ansonsten sind die Reaktionen gut. Es ist für uns sehr erfreulich, dass seit Einführung der Schweiz-Seiten nicht nur der Einzelverkauf, sondern auch die Anzahl der Abonnements angestiegen ist.

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Das vollständige Interview ist in der Mai-Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.