Herr Chappatte, was hat der Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Ihnen ausgelöst?
Patrick Chappatte: Wir Pressezeichner bewegen uns in einer sehr kleinen und freundschaftlichen Welt, in der sich mehr oder weniger alle kennen. Am nächsten standen mir Tignous und Cabu. Es ist unvorstellbar, dass sie jetzt nicht mehr unter uns sind.
Wie sollen Medienschaffenden nun Ihrer Meinung nach reagieren – jetzt erst recht Karikaturen veröffentlichen, die provozieren oder den Ball flach halten und heikle Sujets umgehen, weil sie tödlich sein könnten?
Diese Frage stellt man sich nun natürlich und ich finde jeder, Schreiber wie Zeichner, sollte seine Arbeit wie gewohnt machen. Es sollte keinesfalls darum gehen, Provokationen nur um der Provokation Willen zu veröffentlichen. Das führt zu nichts. Aber die Journalisten und Zeichner sollen weiterhin mutig sein. Das gilt im Übrigen auch für Chefredaktoren und Leser. Es ist das Kollektiv, die Gemeinschaft, die notwendig ist und ermutigend wirkt. Was wir jetzt spüren, ist, dass Grundwerte und Freiheiten betroffen sind, die man unbedingt verteidigen muss.
Sie haben libanesische Wurzeln. Welchen Stellenwert messen Sie der Meinungs- und Pressefreiheit in Krisenregionen zu?
Wenn sie Kritik äussern, bestehen immer und überall Risiken. Das hat auch dieses schreckliche Attentat in Paris gezeigt. Aber natürlich ist es für Medienschaffende in Diktaturen und in manchen arabischen Ländern noch schwieriger. Ich beschäftige mich seit Jahren damit und habe mit Hilfe von Schweizer Botschaften in spezifischen Ländern das Projekt "Plumes croisées" ins Leben gerufen, für das wir mit Zeichnern aus Konfliktgebieten zusammenarbeiten. In solchen Situationen kann die Karikatur als Waffe gegen den Hass eingesetzt werden. Im Libanon, einem Land in dem Politik und Religion eng verwoben sind und die verschiedenen Religionen auf kleinstem Raum zusammenleben, Karikaturen zu veröffentlichen, ist unheimlich heikel. Es gibt unzählige rote Linien, die man nicht überschreiten darf. Tunt man es dennoch, kann das zur Folge haben, dass man ständig seinen Aufenthaltsort wechseln muss, weil man bedroht wird. Das ist dann Alltag. Dennoch gibt es viele Journalisten und Zeichner, die dieses Risiko in Kauf nehmen.
Wurden Sie auch schon wegen Ihrer Arbeit bedroht?
Nicht wirklich. Aber als Zeichner muss ich mir manchmal bewusst sein, dass ich nicht überall hingehen kann. Ich habe zum Beispiel 2009 darauf verzichtet, für eine Reportage nach Kandahar in Afghanistan zu gehen. Ich denke, das war eine weise Entscheidung.
Die Medien stellen sich nun auch die Frage, was sie zeigen dürfen und was nicht. Wo ziehen Sie in Ihrer Arbeit die Grenze zwischen Humor und sinnloser Provokation?
Ich mache nicht dieselbe Arbeit wie ein Zeichner eines Satiremagazins. Satire bewegt sich oft an der Grenze der freien Meinungsäusserung und Provokation. Aber Satire hat ihre Rolle, ihre Berechtigung in der Gesellschaft und egal, ob man die Zeichnungen nun gut oder schlecht findet, es ist eine Rolle, die für unsere Gesellschaft sehr wichtig ist. Denn die Provokationen der Satiriker erweitern sozusagen die Grenzen, sie schaffen Raum für freie Überlegungen und unterschiedliche Ansichten. Diese Provokationen sind Teil einer Gesellschaft, in der wir frei leben und atmen können.
Wie bewerten Sie denn die Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo"?
Ich war in der Vergangenheit manchmal erstaunt über die Auswahl der Zeichnungen. Aber in diesem Moment stellt sich diese Frage schlicht nicht. Es gibt nichts, nicht einmal die Blasphemie, was dieses Massaker rechtfertigen könnte. Provokateure, ob man nun mit ihnen einig sei oder nicht, haben das Recht und die Pflicht, sich zu äussern.
Interview: Lucienne Vaudan/Bild: Keystone
Patrick Chappatte, Sohn eines Schweizers und einer Libanesin, wurde in Pakistan geboren und wuchs in Singapur und der Schweiz auf. Seine Karikaturen erscheinen unter anderem in der "International Herald Tribune", "Le Temps" und der "NZZ am Sonntag".