05.10.2018

Neue Zürcher Zeitung

Rainer Stadler verliert die Medienseite

Der langjährige, preisgekrönte Medienjournalist ist per Ende Oktober nicht mehr für die Medienseite verantwortlich. Die NZZ will mit diesem Schritt die Seite auch für neue Formate öffnen und thematisch «etwas breiter» interpretieren.
Neue Zürcher Zeitung: Rainer Stadler verliert die Medienseite
Tritt immer wieder als Medienexperte auf Podien auf: Rainer Stadler 2015 am Schweizer Medienkongress in Interlaken. (Bild: Keystone/Dominic Steinmann)

Der langjährige, preisgekrönte Medienjournalist Rainer Stadler ist per Ende Oktober nicht mehr für die Medienseite der «Neuen Zürcher Zeitung» verantwortlich. Wie der «Tages-Anzeiger» am Freitag schreibt, ist Stadler künftig «nur noch Autor». Stadler bestätigt die Veränderung am Freitag gegenüber persoenlich.com. Er will aber keine weiteren Auskünfte geben.

Künftig wird also nicht mehr er die Themensetzung der wöchentlichen Medienseite bestimmen, sondern René Scheu. Denn die Rubrik Medien wird vom Ressort Feuilleton bespielt, das von Scheu geleitet wird. Stadler bleibt «Autor» und wird weiterhin über Medienthemen schreiben für die Ressorts Wirtschaft oder Inland, so wie er es bisher bereits getan hat. Zudem wird der das Zeitgeschehen aus Medienperspektive weiterhin wöchentlich in der Kolumne «In medias ras» kommentieren.

Medienseite erscheint weiter wöchentlich

Stadler gibt die Verantwortung für die Medien-Seite nicht freiwillig ab. Wie der Tagi schreibt, ist diese «politische Rochade bei der NZZ» Teil einer seit Jahren dauernden Veränderung bei der NZZ Richtung rechts. Mit der Übernahme der Chefredaktion durch Eric Gujer 2015 würden Mitarbeiter von einem kälteren Klima berichten, zudem seien sie in politischen Positionsbezügen weniger frei. Stadler hatte sich etwa bei «No Billag» klar dagegen ausgesprochen, während Chefredaktor Gujer Sympathien mit der Initiative hatte. Die NZZ konnte sich ungewöhnlich lange nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt diesbezüglich einigen (persoenlich.com berichtete).

Die NZZ bestätigt auf Anfrage von persoenlich.com am Freitag, dass die Medienseite weiterhin jede Woche erscheinen wird. Sie sei organisatorisch bereits seit einigen Jahren dem Feuilleton-Ressort zugeordnet gewesen. Mit der Neuerung, die per Ende Oktober in Kraft tritt, soll das Spektrum breiter werden, und es soll auf weitere Ressourcen zurückgegriffen werden können, sagt Sprecherin Seta Thakur gegenüber persoenlich.com.

Weniger Produktionsaufgaben

Vorgesehen ist, diese Seite auch für neue Formate zu öffnen und «etwas breiter» zu interpretieren. Thakur dazu: «Neben Schweizer Themen sollen auch internationale, zukunftsorientierte Entwicklungen in der Medien- und Digitalbranche beleuchtet werden: Themen also, die auch ein jüngeres Publikum interessieren.» Die Neuerung habe zudem zur Folge, dass Rainer Stadler, «ein langjähriger, hoch geschätzter Experte und Autor unseres Hauses», von Produktionsaufgaben entlastet wird und sich stärker auf das Schreiben konzentrieren könne.

Stadler arbeitet seit 29 Jahren an der Falkenstrasse. Der 60-Jährige hat mehrere Preise gewonnen, darunter 2008 den Zürcher Journalistenpreis für sein Gesamtwerk und 2011 den Radio- und Fernsehpreis der Ostschweiz.



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Kommentare

  • Peter Amstutz, 05.10.2018 16:00 Uhr
    Rainer Stadlers Medienkommentare auf "seiner" Seite gehören für mich seit vielen Jahren zur NZZ-Pflichtlektüre. Dieses hervorragende Gefäs nicht mehr von ihm betreut zu wissen, macht mich traurig. Ich fürchte schon den nahen Zeitpunkt, mich von der gesamten Gujer-NZZ trennen zu müssen. Für noch mehr Profillosigkeit aus Zürich fehlt mir nämlich die Zeit...
  • Ueli Custer, 05.10.2018 19:58 Uhr
    Wenn man an die offensichtliche totale Ahnungslosigkeit des NZZ-Chefredaktors in Sachen Medien in der Schweiz zurück denkt (sein Leitartikel in einer Samstagausgabe im Vorfeld der No-Billag-Abstimmung legte dafür eindrücklich Zeugnis ab), kann man diese Entmachtung nur als Skandal bezeichnen. Rainer Stadler ist der letzte profunde Medienjournalist in der Schweiz. Es ist für mich unbegreiflich, wie das ehemalige Weltblatt NZZ jetzt diesen Lichtblick in ihrem Angebot derart schnöde abserviert. Ich kann Peter Amstutz nur zustimmen. Ob das die nächste Abo-Erneuerung meinerseits überlebt, ist für mich im Moment jedenfalls noch völlig offen.
  • Remo Zumstein, 05.10.2018 22:56 Uhr
    Ich habe die Medienseite der NZZ sehr geschätzt. Und sie war mitunter ein Grund, weshalb ich immer noch ein NZZ-Abonnement habe. Die Kolumnen und Kommentare von Rainer Stadler hatte ich sehr gerne gelesen. Rainer Stadler war stets kritisch, kein Mainstream, nicht staatsgläubig. Nicht Wischiwaschi. Da die Medienseite nun eingestellt wird, überlege ich mir, ob ich die NZZ weiterhin abonnieren werde. Ich denke, nicht.
  • Sebastian Renold, 06.10.2018 04:44 Uhr
    @Remo Zumstein: Ich überlege es mir nicht mehr: Nachdem Gujer schön langsam die besten Pferde in seinem Stall "entsorgt", habe ich die Konsequenz längst gezogen. Ich bestellte die NZZ seinerzeit ab, als der "Drogist" (mit Unterstützung durch Keller-Sutter übrigens) Somm als Chefredaktor einsetzen wollte. Als dann Gujer das Rennen machte, schöpfte ich Hoffnung und stieg wieder ein. Ich wurde bitter enttäuscht: "Besser" als Gujer hätte Somm die "alte Tante" auch nicht "auf den rechten Kurs bringen" können.
  • Kurt Heller, 06.10.2018 16:37 Uhr
    Damit werden wir wohl ab jetzt mehr (positive) Beiträge über Fox News lesen müssen!

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