Redaktion widersetzt sich neuen Anstellungsverträgen

Tages-Anzeiger - Der Zürcher Medienkonzern Tamedia plant, die Anstellungsverträge aller Mitarbeiter über sämtliche Titel hinweg zu vereinheitlichen. Gegen dieses Ansinnen der Konzernleitung setzt sich offenbar die Tages-Anzeiger-Redaktion zur Wehr: Gemäss eines internen Schreibens der Chefredaktion an die Redaktionsmitglieder, welches "persoenlich.com" vorliegt, zeigte sich die Redaktion gar "bestürzt" über das Vorgehen der Unternehmensführung.

Die Mitarbeiter des Tages-Anzeiger wurden am vergangenen Freitag Nachmittag von der Konzernleitung vor vollendete Tatsachen gestellt: "Wer die neuen Verträge innerhalb von zehn Tagen nicht unterschreibt, erhält eine Änderungskündigung", eröffnete die Personalleitung den Angestellten an der Präsentation zur Vertragsharmonisierung. In der Folge soll die Mitarbeiter-Information über die Harmonisierung der Verträge ohne Ergebnis geendet haben. Weite Teile der Redaktion seien den Eindruck nicht los geworden, die Unternehmensführung passe die Anstellungsbedingungen dauernd nach unten an, heisst es im internen Schreiben. Zudem hätten anwesende Redaktoren kritisiert, dass einzelne Fragen nicht konkret beantwortet wurden.

Doch welches sind die Vertragsänderungen, die beim Tages-Anzeiger zu Grundsatzdiskussionen über die Anstellungsbedingungen führen?

Zum einen werden im Zuge der Harmonisierung die Kündigungsfristen langjähriger Mitarbeiter gekürzt. Hatten Mitarbeiter, die seit mindestens zehn Jahren bei der Tamedia arbeiteten, bisher Anrecht auf eine Kündigungsfrist von vier bis sechs Monaten, gilt im neuen, einheitlichen Anstellungvertrag nur noch eine Kündigungsfrist von drei Monaten. Das gestaffelte System, welches für langjährige Mitarbeiter eine Frist von bis sechs Monaten umfasste, soll abgeschafft werden.

Zum anderen sieht die Harmonisierung der Verträge eine Reduktion der Krankentaggelder vor. Hatten die Angestellten der Tamedia bisher im Krankheitsfalle während zwei Jahren Anrecht auf eine hundertprozentige Lohnentschädigung, erhalten sie künftig nur noch während 180 Tagen den vollumfänglichen Lohn, danach werden lediglich 80 Prozent der Gehälter ausbezahlt.

Die Mediengewerkschaft Comedia betrachtet die Vertragsänderungen als einen "schleichenden Abbau der Sozialleistungen", wie Comedia-Sprecher Serge Gnos auf Anfrage von "persoenlich.com" mitteilte. Sie seien als klares Indiz dafür zu werten, dass die Verlage die gegenwärtige Situation ohne GAV für sich ausnützen wollen.

Peter Hartmeier, Chefredaktor des Tages-Anzeigers, bestätigte am Montag Abend gegenüber "persoenlich.com", dass bei der Tamedia zurzeit die Anstellungsverträge harmonisiert werden. "Nach einer Präsentation durch die Personalstelle am Freitag finden zurzeit Gespräche zwischen Geschäftsführer Martin Kall, der Chefredaktion und der Redaktion statt" so Hartmeier. Die Punkte, in denen man sich uneinig ist, hält Hartmeier indes für "inhaltlich marginal".

Gemäss dem "persoenlich.com" vorliegenden, internen Schreiben will Hartmeier die neuen Verträge nicht unterschreiben, bevor alle offenen Fragen der Redaktion beantwortet sind und auch eine Grundsatzdiskussion über die Sozialpartnerschaft und die Anstellungsbedingungen stattgefunden habe. Er wolle den Eindruck, der an der Sitzung bei vielen Redaktoren und Redaktorinnen entstanden ist, "vehement korrigieren": Der Tages-Anzeiger brauche schliesslich "motivierte und entsprechend dem Lohnmarkt und der Stärke des Unternehmens bezahlte Journalistinnen und Journalisten".