Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor Schaffhauser Nachrichten
Kein Verleger alter Schule
Man kam sich beim Mittagessen mit der Jury des damaligen Lokaljournalismus-Preises im Bellevue näher und dieses Treffen hat Charles von Graffenried jeweils dazu benutzt, seine Sicht der Medienbranche und ihrer Zukunft darzulegen. Und ein jeder am Tisch war fasziniert von der Jugendlichkeit des Hochbetagten, der klar analysierte und sich den Veränderungen stellte, ja, sie geradezu zu geniessen schien. Das zog sich, soweit ersichtlich, durch sein ganzes Leben: Er haderte nicht mit den Voraussetzungen, sondern machte sie sich zu Nutzen als Anwalt, Banker und Verleger , war dabei äusserst geschäftstüchtig und baute aus dem "Berner Tagblatt" in Partnerschaft mit dem Mehrheitsaktionär Erwin Reinhardt die Espace Media auf, die er 2007 an die Tamedia verkaufte. Auch so gesehen war er kein Verleger alter Schule.
Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident Tamedia
Charles von Graffenried war ein aussergewöhnlicher Mann und bis zuletzt ein spannender Zeitgenosse mit einem vielfältigen Wirkungskreis. Er hat die Schweizer Medienwelt entscheidend gestaltet - als Architekt und Verleger der "Berner Zeitung", als Gründer und Präsident der Berner Espace Media Groupe, als Verleger des "Bund", als Partner in der Fusion von Espace Media und Tamedia sowie seither als Verwaltungsrat der Mediengruppe Tamedia. Auch persönlich verdanke ich ihm sehr viel als Förderer und als Freund ich freue mich über die lange Wegstrecke, die ich mit ihm gehen durfte. Weit über das Geschäftliche hinaus war er mit seiner Weitsicht, seinem Sinn für das Wesentliche, seiner Schnelligkeit und seinem Schalk ein Vorbild und eine grosse menschliche Bereicherung. Besonders gerne erinnere ich mich an wiederholte Erlebnisse in unserem Verwaltungsrat, in dem er junge Führungskräfte zu Neuem motivierte. Wir verlieren mit Charles von Graffenried eine prägende Figur und werden deshalb auch in Zukunft mit ihm verbunden bleiben.
Polo Stäheli, CEO NZZ-Mediengruppe
Bern verliert mit Charles von Graffenried eine seiner wenigen grossen Unternehmerpersönlichkeiten. Für die Wirtschaftsregion hinterlässt er eine grosse Lücke. Er war ein weit vorausschauender Geschäftsmann, bewegte sich erfolgreich in den verschiedensten Branchen. Er hatte Humor, verstand es, auf andere Menschen einzugehen und hatte die Fähigkeit, schnell das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Als Vorgesetzter war er zwar fordernd, aber jederzeit mit fast väterlichem Rat parat zum Beistand.
Hans-Peter Rohner, Verwaltungsratspräsident Publigroupe
Charles von Graffenfried bleibt in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für mich; sein Gschpüri, seine Schaffenskraft, seine menschlich-offene Art, seine Hartnäckigkeit einzigartig. Ich war geschäftlich gesehen häufig auf der "anderen Tischseite"; und auch deshalb habe ich grössten Respekt für all das, was er im Medienbereich und generell geschaffen hat. Traditionsbewusst, humorvoll, innovationsfreudig, den Blick stets auf morgen gerichtet Charly, Du bist ein Meister des eleganten Understatements. Ich danke und verneige mich respektvoll!
Roger Schawinski, Geschäftsführer Radio 1
Charles von Graffenried war die mit Abstand schillerndste Figur der Schweizer Medienszene. Sein Esprit, seine Schlitzohrigkeit, aber auch sein permanente Aufgekratzheit machten ihn absolut einzigartig. Meine ersten Verhandlungen mit ihm führte ich als damaliger Besitzer von Radio Förderband. Sie wurden wie in einem Mafiafilm inszeniert. So gelangte man in sein offenbar geheimes Büro, indem man sich zuerst in einer Zahnarztpraxis melden musste, durch die man hindurch geführt wurde. Am Ende kam man an eine Tür, hinter der man durch den strahlenden von Graffenried empfangen wurde. Dort fabulierte er pausenlos, am liebsten mokierte er sich über die bedrohlichen "Ostschweizer", ein Euphemismus für die mächtigen "Zürcher", die er als den Ursprung allen Übels empfand. Dass er sein Unternehmen schliesslich der Tamedia verkaufte, war zwar nicht besonders konsequent, machte aber finanziell Sinn, und das war ihm schliesslich das Wichtigste. Ich erinnere mich auch an einen Besuch bei TeleZüri, zu dem er sich angemeldet hatte. Das Gespräch begann wie üblich, in dem er sehr lange über Familiäres "prichten" wollte. Dann machte er einen Blitzbesuch in den Studios und Räumlichkeiten, um einige optische Informationen für seine Fernsehpläne aufzusaugen und schon war der Wirbelwind weg, wohl beim nächsten ähnlichen Termin. Mit seiner Energie und Lebhhaftigkeit auch im bereits fortgeschrittenen Alter war "Charlie" beispielhaft, ein echtes Vorbild. Und damit bleibt er für mich unsterblich.
Urs Gossweiler, Verleger Jungfrau Zeitung
Als er 75 Jahre alt war, sagte Charles von Graffenried zu mir: "Eine unternehmerische Karriere dauert 20 Jahre. Ich habe soeben eine weitere begonnen." Es hat nicht ganz gereicht. Nebst strategischem Handeln und geistiger Frische bis ins hohe Alter verfügte der mächtigste Berner über ein perfektes Timing. Zum perfekten Zeitpunkt veräusserte er die Espace Media und regelte gerade noch rechtzeitig die innerfamiliäre Nachfolge seiner von Graffenried-Gruppe. Zwanzig Jahre war er für mich Konkurrent und Lieferant (Druckdienstleistungen). Ein Grosser hat die helvetische Bühne verlassen.
Alexander Tschäppät, Stadtpräsident Bern
Charles von Graffenried war ein grosser Berner. Er war nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer, Bankier, Anwalt und Verleger, sondern auch eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich habe ihn stets als bescheidenen Menschen erlebt, trotz seines Erfolges. Nie trat er grossspurig auf, sondern immer freundlich und mit einer klaren Meinung. Er war der grosse Verleger, der im Kleinwagen durch Bern kurvte. Ich sehe ihn, wie er ein Täfelchen dunkler Schokolade im Kaffee schmelzen lässt, von seinen Erinnerungen erzählt und wie seine Augen strahlen. Charles von Graffenried war der Stadt treu verbunden und hat sie wesentlich geprägt, insbesondere mit seinem Engagement für einen starken Medienplatz. Das Berner Modell mit "Bund" und "Berner Zeitung" unter einem Dach ist schweizweit einzigartig. Damit hat er bewiesen, dass man unternehmerisch denken kann, ohne sich nur vom Spardruck leiten zu lassen. Dank Charles von Graffenried besitzt Bern eine grössere Medien- und Meinungsvielfalt und damit auch eine wichtige Voraussetzung für eine lebendige Demokratie. Für dieses Vermächtnis gebührt Charles von Graffenried grosser Dank.
Hanspeter Lebrument, Verleger der Südostschweiz und Präsident der Schweizer Medien
Wenn man den gertenschlanken, stets gut präsentierenden Charles von Graffenried fragte, wie er sich über die Jahrzehnte so rank und schlank halte, gab er mit verschmitztem Lachen sein Geheimnis Preis: "Ich esse täglich eine Tafel Schokolade."
Wenn Charles von Graffenried auf Schloss Worb seine Einladungen machte, musste man die Runde gut studieren. Man kam dann bald einmal darauf, wen er gerne in seinem Medienreich hatte. Alles was er tat, tat er mit einem bernischen Charme, aber auch mit einem guten Sinn für Strategie und Weiterausbau seiner von ihm gegründeten Espace.
Mit Charles von Graffenried ist ein grosser der Branche gegangen. Sein vielleicht bedeutendstes Werk hinterlässt er in Bern. Er hat, nachdem das bernische Pressewesen in den Siebzigerjahren in einer verzweifelten Situation stand, dem Kanton Meinungs- und Titelvielfalt gerettet. Eigentlich wäre der frühere Verleger des mächtigen "Bund" aufgerufen gewesen, dies zu tun. Aber ausgerechnet Charles von Graffenried, der das am meisten schwächelnde Blatt, das Berner Tagblatt, hatte, gelang es, die Berner Medienlandschaft neu zu strukturieren. Heute könnten die beiden grossen bernischen Titel "Berner Zeitung" und "Bund" nicht unterschiedlicher sein. Man hat in der Tat zwei völlig unterschiedliche Konzepte und beide Titel, welche er sicher in den Hafen von Tamedia gebracht hat, sind gesund. Aber auch um die Hauptstadt, im Seeland und im Berner Oberland, hat er die Medienlandschaft nicht nur erhalten, sondern ausgebaut und stark verbessert.
Der 87-jährige Charles von Graffenried war noch am diesjährigen Medienpreis in Bern bei bester Laune. Er hat sich täglich intensiv mit Medien befasst. Er war bis zum letzten Tag seines Lebens eine beeindruckende Figur im Verwaltungsrat von Tamedia und hat damit gezeigt, dass Verleger sein nicht Lebensabschnitt sondern ein Lebensinhalt bedeutet.
Umfrage: Corinne Bauer und Benedict Neff.