13.02.2002

Ringier prüft Lancierung einer neuen Wochenzeitung

Die Ringier AG prüft die Lancierung einer neuen Wochenzeitung. Dies verkündete der Blick am Mittwoch auf seiner Frontseite. Als Projektleiter wurde Rudolf Bächtold eingesetzt, dessen Wechsel von der Weltwoche zu Ringier erst gestern kommuniziert worden war ("persoenlich.com" berichtete). Welches sind seine Pläne? Was will Ringier erreichen? Und wie denkt die Konkurrenz über diesen "Coup de Théâtre"? Die Details auf "persoenlich.com".
Ringier prüft Lancierung einer neuen Wochenzeitung

Ist es Rache? Am vergangenen Freitag hatte die Basler Mediengruppe bekannt gegeben, sie werde die Jean Frey AG an eine ungenannte Investorengruppe statt wie angekündigt an Ringier verkaufen. Bei Ringier war man erzürnt, sprach von einem Bruch des Vorvertrags und kündigte rechtliche Schritte an. Noch am selben Tag entschied Michael Ringier, die Machbarkeit eines eigenen Projekts abzuklären.

"Eine gewisse Wut könnte ich verstehen", meint Sandra Geiger, Verlagsleiterin der SonntagsZeitung, gegenüber "persoenlich.com". Ihr Kollege bei der NZZ, Tobias Trevisan, hingegen sieht das anders: "Dazu ist Ringier ein zu professionelles Haus. Allein aus Rachegedanken stürzt sich Ringier wohl kaum in ein solches Abenteuer." Weltwoche-Verlagsleiterin Uli Rubner findet den Ausdruck Rache übertrieben. "Eine gewisse Emotionalität war aber sicher mit im Spiel," ergänzt sie. Ringier habe sich lange mit dem Thema einer Wochenzeitung beschäftigt, und jetzt wollten sie es eben probieren. "Das finde ich nachvollziehbar." Und so sieht es auch Projektleiter Rudolf Bächtold: Ringier habe im Kauf der Jean Frey eine Chance gesehen. Nachdem die Übernahme der Jean Frey geplatzt sei, habe man nun den Ehrgeiz, selber etwas auf die Beine zu stellen. "Es geht nicht um Rache", stellt er klar.

Wie das neue Blatt aussehen soll, ist noch nicht restlos klar. Als Ausgangslage dienen jedenfalls die Vorarbeiten, die bei Ringier im Zusammenhang mit der geplanten Übernahme der Weltwoche geleistet wurden. Bächtold zufolge hätte man das Projekt von Roger Köppel mit Modifikationen ausgeführt: "Das Projekt schien uns von der Anmutung her zu nahe beim Magazin des Tages-Anzeigers." Aus diesem Grund wurden gemeinsam mit dem Mediendesigner Kurt Schwerzmann Alternativen geprüft, die jetzt als Basis für das eigene Projekt dienen. Ringier-Konzernsprecher Fridolin Luchsinger gegenüber "persoenlich.com": "Sollte das Projekt umgesetzt werden, wird es sich voraussichtlich am etwas grösseren Zeitschriftenformat orientieren, das zur Zeit unter anderem in England und Frankreich populär ist."

Das von Roger Köppel präsentierte inhaltliche Konzept der Weltwoche hatte Luchsinger zufolge Anklang gefunden. Es sei aber noch zu früh, bezüglich der Positionierung konkreter zu werden, meint Bächtold, der bei Ringier für die neue Position des Weltwoche-Geschäftsführer vorgesehen war und dem in dieser Funktion sowohl der Verlag als auch die Gesamtredaktion unterstellt gewesen wären. "Die Überlegung von Ringier lautete, dass die Weltwoche von den zur Übernahme geplanten Titeln gegenwärtig die grösste Betreuung braucht. Und ich kenne die Jean Frey einfach sehr gut", erklärt Bächtold, der selber 32 Jahre in diesem Unternehmen gearbeitet hat, unter anderem als Chefredaktor der Weltwoche, als deren geschäftsführender Herausgeber und als Jean Frey-Direktionspräsident.

Doch jetzt geht es um ein neues Projekt. Ein Mann, der den Markt gut kennt, ist Fredy Gsteiger. Er löste Bächtold 1996 als Chefredaktor der Weltwoche ab und führte den Titel bis im vergangenen Sommer. "Wer so etwas macht, ist überaus mutig und publizistisch sehr ambitioniert", glaubt Gsteiger im Bezug auf die Ringier-Pläne. Der Markt im deutschen Sprachraum sei bekanntermassen schon heute sehr hart für Wochentitel. Ausserdem handle es sich nicht um einen Wachstumsmarkt. Ein weiter verschärfter Verdrängungskampf sei deshalb absehbar. "Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Projekt von vornherein chancenlos ist." Als Erfolgsfaktoren nennt Gsteiger: Eine gute Positionierung im Lesermarkt, einen journalistisch sehr gut gemachten Titel und einen genügend langen Atem. Wichtig für die künftige Entwicklung bei den wöchentlich erscheinenden Publikationen sei deshalb, wie gut der neue Ringier-Wochentitel sein werde und wie die bestehenden Mitbewerber auf die neue Herausforderung reagieren. Das sieht auch Fridolin Luchsinger so: "Mit eine ganz wichtige Frage ist die, wie sich die Weltwoche weiter entwickeln wird."

Dass der Ringier-Verlag seine Palette nach oben ergänzen möchte, hat er im Übrigen schon lange signalisiert - nicht zuletzt mit der Absicht, die Jean Frey AG zu kaufen. Gsteiger: "In der französischsprachigen Schweiz ist das mit dem Magazin L'Hébdo gelungen, und es ist auch in der Deutschschweiz möglich." Gerade wenn sich bei der Weltwoche tatsächlich ein Rechtskurs abzeichnen sollte - was zurzeit allerdings noch völlig ungewiss sei -, könnte sich gemäss Gsteiger eine Lücke im progressiv-liberalen Feld auftun.

Die Mittel dürften jedenfalls vorhanden sein: Ringier, das grösste Verlagshaus der Schweiz, verfügt über eine gut gefüllte Kriegskasse, besonders seitdem man sich von wenig profitablen Engagements in Deutschland getrennt hat. Dieses Geld wird man wohl brauchen. Uli Rubner: "Prinzipiell spielt sich der Konkurrenzkampf in einer ersten Phase immer auf dem Personalmarkt ab." Projektleiter Bächtold verursacht dies kein Bauchgrimmen. Schon am frühen Mittwoch Vormittag meint er: "Seit heute morgen bin ich ununterbrochen am Telefon mit Leuten, die sich für das Projekt interessieren." Darunter seien Kollegen, mit denen er schon zusammengearbeitet habe, aber auch sonstige Bekannte aus dem Journalismus. Und auch Fridolin Luchsinger macht sich keine Sorgen. "So einen schlechten Ruf hat Ringier als Arbeitgeber nun auch wieder nicht", meint er lachend. Abgesehen davon lebe eine Zeitschrift, wie sie Ringier vorschwebe, nicht nur von Redaktoren, sondern auch von Autoren. "Und da sehen wir im deutschen Raum interessante Optionen." Mit Klaus Harprecht, einem langjährigen Weltwoche-Mitarbeiter, Schriftsteller sowie ehemaligem Berater von Willi Brandt, habe man bereits Kontakt aufgenommen. "Und dann wird wohl auch manch ein Weltwoche-Journalist nicht mit der jetztigen Entwicklung zufrieden sein."

Diese Unzufriedenheit war auch für den 57-jährigen Rudolf Bächtold ein Grund, seinen Arbeitgeber nach einer so langen Zeit zu wechseln. In einem am Mittwoch erschienen Interview mit dem Blick sagte er: "Die Jean Frey ist zu klein, um als selbständiger Verlag die notwendigen Verlagsdienstleistungen anbieten zu können. Es ist also absehbar, dass die Titel bald wieder zum Kauf angeboten werden." Gegenüber "persoenlich.com" präzisiert er: "Die Overheadkosten können innerhalb der Jean Frey auf zu wenige Titel verteilt werden. Wir wussten schon seinerzeit, das der Verlag die kritische Grösse zum Überleben nicht hat." Nach seiner Motivation befragt, den wahrscheinlich angenehmen Job des Frankreich-Korrespondenten einer renommierten Zeitung aufzugeben, erklärt er: "Ich verliess die Chefredaktion der Weltwoche 1996 auf eigenen Wunsch. Davor trug ich, seit Beginn meiner Zeit bei Jean Frey, Führungsverantwortung. Ich musste deshalb auftanken." Die Zeit in Frankreich, in der er "journalistische Basisarbeit" geleistet habe, habe er denn auch sehr genossen. "Nach meinem verlängerten 'Sabbatical' bin ich aufgeladen und freue mich auf die neue Herausforderung."

Nicht gerade erfreut, doch einstweilen gelassen, gibt sich die Konkurrenz. Uli Rubner von der Weltwoche: "Das macht mich nicht nervös, das ist einfach mal eine Ankündigung. Und es wäre nicht das erste Mal, dass eine Ankündigung nicht in die Tat umgesetzt wird." Für die Weltwoche bedeute das einstweilen nichts. "Wir wissen noch zu wenig darüber, ob beispielsweise ein Nachrichtenmagazin oder ein Hintergrundmagazin geplant ist." Erst daraus könne sie ableiten, wie stark die Weltwoche betroffen sei. Auch Sandra Geiger von der SonntagsZeitung gibt sich vorderhand gelassen. Man müsse zwischen Sonntags- und Wochentiteln unterscheiden. "Ein neuer Wochentitel stört mich weniger als ein Sonntagstitel." Andere Produkte müssten sich da wohl mehr Sorgen machen. Jedenfalls würde sie das Projekt an der Stelle von Ringier aber reiflich prüfen. Mit dieser Einschätzung stimmt Tobias Trevisan, dessen Verlag am 17. März die NZZ am Sonntag einführen wird, überein: "Ob der Markt für eine weitere Publikation vorhanden ist, muss wirklich gut geprüft werden. Für mich ist nicht offensichtlich, ob da neben der Weltwoche eine klaffende Marktlücke besteht." Ringier sei aber sicher ein sehr kompetentes Unternehmen, das die nötigen Abklärungen wohl seriös durchführen werde.

Dazu gehört auch die Frage, inwieweit Ringier mit einem neuen Wochentitel allenfalls das Wasser seines SonntagsBlick abgräbt. Hierzu Fridolin Luchsinger: "Zur Zeit glauben wir nicht an eine Kannibalisierung mit dem SonntagsBlick." Der Titel, der sich ja klar als Boulevardtitel positioniere, stehe vor allem im Wettbewerb mit der SonntagsZeitung und eventuell in Zukunft auch mit der NZZ am Sonntag. "Natürlich würden wir mit einem neuen Wochentitel zumindest im Anzeigenbereich in den gleichen Gewässern wie unter anderem auch Facts fischen. Ich glaube aber nicht, dass das im Hinblick auf den SoBli zum Problem werden könnte."

Wohlgemerkt: Entschieden ist gegenwärtig noch nichts. Bächtolds Aufgabe besteht einstweilen in der Prüfung einer Lancierung. Der definitive Beschluss über das Projekt soll bis in drei Monaten möglich sein. Ein ambitiöses Ziel? "Heute kann es sich kein Verlag mehr leisten, monate- oder gar jahrelang über einem Projekt zu brüten", ist Luchsinger überzeugt. Drei Monate sollten für eine seriöse Überprüfung reichen. Das habe Ringier mit dimanche.ch bewiesen: Im August projektiert, erschien die Westschweizer Sonntagszeitung erstmals im Dezember. "Falls ein positiver Entscheid gefällt würde, würde es sicherlich September, bis wir auf den Markt gehen könnten."

Es sei denn, Ringier habe mit einer nicht ernst gemeinten Ankündigung lediglich Unruhe stiften und dadurch die Position der Weltwoche schwächen wollen - doch das glaubt kaum jemand.


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