Ringier Schweiz bröckelt

- Von Klaus J. Stöhlker.

Das einstige Matterhorn der Schweizer Verlagslandschaft, das Haus Ringier, bröckelt wie der gleichnamige Berg unter dem Angriff der Klima-Erwärmung. Daniel Pillard, der neue Verlagschef von Ringier Schweiz, hat "persoenlich.com" ein Interview gegeben, das die Innereien des Ringier-Kerngeschäfts offen legt wie kein anderes Gespräch zuvor. Gleichzeitig hat sich Michael Ringier im Spiegel zur Zukunft seines Konzerns geäussert. Beide Interviews sind wertvoll, weil in diesem Fall 1+1= 3 bedeutet.

Daniel Pillard macht deutlich: "In der herrschenden schwierigen Situation von Ringier helfe ich aber gerne aus." Noch nie hat ein Mitglied des Ringier-Managements extern von "einer schwierigen Situation" gesprochen. Der neue Topmann will auch nur "aushelfen" und lässt damit zu Beginn offen, was nach ihm geschehen soll. Pillard sagt: "Während sechs Monaten wurde in der Geschäftsleitungssitzung kaum einmal über Inhalte gesprochen." Genau so haben wir uns Ringier Schweiz vorgestellt; von medialen Inhalten scheint man in dieser Geschäftsleitung keine Ahnung mehr zu haben. It’s all about figures, wie man in den USA sagt.

Daraus ergibt sich gemäss Pillard: "Der herrschende Zustand hat negative Auswirkungen auf die Mitarbeiter." Genau das wollte jedermann hören, denn es ist die Grundlage dafür, um bei Ringier intern wieder Sicherheit herzustellen. Damit wird auch eine gute Basis geschaffen, um die nächste Forderung Daniel Pillards an seine Mitarbeiter zu erfüllen: "Im September müssen Form und Inhalt des neuen 'Blick’ stehen." Das sind noch gut sechs Wochen. Mit dieser Aussage hat sich Pillard einen Strick um den Hals gelegt. Wird nicht geliefert -- neue Redaktionsleitung, neue Inhalte -- sieht es schwach aus.

Ringier hat gleichentags im Spiegel die Vorgabe gemacht: "Eine Boulevardzeitung muss heute von vorne bis hinten exklusives Material haben." Es sei vorweggenommen, dass dieser verlegerische Appell nicht zu erfüllen ist, besonders nicht in der Schweiz. Als Begründung für seine Forderung gibt Ringier im Spiegel an: "Der Boulevard hat sich lange damit gerettet, die selben Nachrichten nur lauter und bunter zu verpacken." Ich bin ausserordentlich neugierig, wie dies von Kari Lüönd interpretiert wird, der in wenigen Wochen ein Buch über Ringier publizieren wird. Er hatte Zugang zu praktisch allen Akten.

Daniel Pillard sieht dies richtig: "Michael Ringier ist noch immer voller Ideen und Projekte." Genau das halte ich für das Problem des ambitionierten Verlegers, der bei Amtsantritt als begnadeter Journalist vorgestellt wurde, der auch die höheren Weihen der deutschen Medien erhalten habe. Nicht Michael Ringier sollte voller Ideen und Projekte sein, sondern seine gut bezahlten Mitarbeiter, die er aber während Jahren oft ausgrenzte und oft verjagte. Der Verleger hält, wie er im Spiegel sagt, "die Refinanzierung von ordentlichem Journalismus in der Schweiz für schwierig." Nun, Tamedia ist auch kein Weltmeister in ordentlichem Journalismus, hat damit aber offensichtlich weniger Probleme.

Ringier gibt im Minimarkt der Romandie das beste Wochenmagazin der Schweiz, L’Hebdo, und die beste Illustrierte, L’Illustré, heraus. Offensichtlich hatten dort die bekannten Zürcher Medienmacher zu wenig Einfluss, um beide Objekte ihrer Zerstörung zuzuführen. Le Matin ist ausserdem die beste Boulevardzeitung der Schweiz. Der dort sehr erfolgreiche Chefredaktor Peter Rothenbühler wäre damals lieber Chef des Blick geworden, wurde aber in Zürich vergrault.

Daniel Pillards Interview ist eine Bankrott-Erklärung für Ringier Schweiz. Wäre Ringier an der Börse, müssten die Aktien sofort sinken. So aber ist ein Sonnyboy an der Spitze, dem nach vielen Verlegerjahren offenbar noch immer nicht klar ist, dass er sehr gute Leute braucht, um gute Zeitungen zu machen. Die kann man nicht einfach irgendwo im Dutzend kaufen, wie Michael Ringier dies mit deutschen Journalisten versuchte, die bald wieder -- auch unter Hinterlassung von Kollateralschäden -- abgehen mussten. Ergo: Wer in einem Grossbürgerhaushalt aufgewachsen ist und (zu) früh mit einem gebrauchten Rolls bedacht wurde, und sein ganzes Leben in dieser Welt verbracht hat, ist mutmasslich nicht die Idealbesetzung als Verleger in stürmischer Zeit.

Doch Pillard solls retten. Er sucht die Lösung für den Blick, übrigens wie Fulvio Pelli für die FDP, bei "urbanen, jungen und weiblichen Schweizern" als Leser. Wenn die beiden Herren mit diesem sehr ähnlichen Modell nur keinen Schiffbruch erleiden. Pillard will auch den "sozial angehauchten Boulevard" des Blick und SoBli weiterführen. Hat sich bei Ringier noch niemand gefragt, was "sozial angehaucht" eigentlich bedeutet? Es bedeutet keine echte Haltung, sondern eine vorgetäuschte.

Merke: Wenn alte Männer den Fortschritt suchen (oder den Sprung aus der Falle), suchen sie Schönes und Überraschendes, aber auf keinen Fall etwas, das sie aus dem Gleichgewicht bringen darf. Das bestätigt auch Michael Ringier im Spiegel-Interview. Über seine Zusammenarbeit mit Gerhard Schröder lässt er wissen: "Es funktioniert wunderbar mit ihm; wir haben es spannend zusammen." Hier liegt der Schlüssel zu Michael Ringiers Selbstverständnis als Mensch und Verleger: Alles muss wunderbar und spannend sein. Es darf auch Spass machen, aber auf keinen Fall darf jemand wirklich ernste Fragen stellen. Das ist nicht wunderbar, und spannend nur als Negativum.

Michael Ringier drückt sich nicht vor einer Antwort, wenn es um die Zukunft geht. Er sagt: "Als Aufsichtsrat von Springer hätte ich einmal im Jahr mit einem Chefredaktor essen dürfen; der hätte nett zugehört und dann doch gemacht, was er für richtig hält." Dies im Gegensatz zur Schweiz, "wo wir jeden Tag intensiv über Journalismus diskutieren." Was soll das heissen? Hat Michael täglich Lust zur Einsprache bewiesen? Hat er Empfehlungen abgegeben, die in der Schweiz befolgt werden, in Deutschland nicht? Wäre dies der Fall, liesse sich die Entmutigung seiner guten Journalisten ebenso erklären wie eine Antwort auf die ewige Frage: Wie viel Einfluss nimmt ein Verleger auf die Redaktion? Hier offensichtlich viel. Oder zu viel?

Als seinen grössten Fehler gesteht er, Gratiszeitungen nicht wirklich ernst genommen zu haben. Deshalb blieb Sascha Wigdorowits, damals noch bei Ringier, auf seinem fertigen Projekt für Ringier sitzen, durfte auf meine Empfehlung hin 20 Minuten einführen, und macht nun den -- riskanten -- Start einer eigenen Gratiszeitung. Weil Michael Ringier es verschlief, verdient die Nachbarfamilie Coninx.

Ringier Schweiz bröckelt, das macht Daniel Pillard deutlich. Der ganze Verlag bröckelt wie die Schweizer Alpen. Gelegentliche Ausverkäufe sind nur die Anfänge grösserer Abbrüche, die wir erwarten dürfen.

(Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsarbeit in Zollikon/Zürich)