Sämtliche Abendzeitungsprojekte, die in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten gestartet sind, scheiterten. Die meisten davon segneten das Zeitliche, noch bevor überhaupt die erste Ausgabe erschienen war. Trotzdem: Ringier hat bei den Pendlern, die am Abend von der Arbeit heimkehren, ein "bedeutendes Bedürfnis nach einer Abendzeitung" erkannt und die Lancierung einer kostenlosen Abendzeitung anderen Optionen vorgezogen --so etwa 20 Minuten am Morgen mit einem neuen Titel zu konkurrenzieren oder den Blick fortan kostenlos zu vertreiben.
Der Konzern hofft mit heute, einer 32-seitigen Tabloidzeitung, die Elemente einer klassischen Zeitung mit Magazin-Stoffen verbindet, den Einstieg in den lukrativen Gratiszeitungsmarkt zu schaffen, ohne damit den Blick zu schwächen. Dank einer starken Anzeigenkombination verspricht sich Ringier im Gegenteil gar eine Stärkung des kriselnden Boulevardtitels, da die jüngere Leserschaft von heute, die eher ältere des Blick für den Werbemarkt auf optimale Weise ergänzt. Gemeinsam sollen die beiden Titel eine Reichweite von über 23 Prozent aufweisen.
Um vom Potenzial ihres Vorhabens auch die Werbewirtschaft zu überzeugen, präsentierten Ringier-CEO Martin Werfeli und Bernhard Weissberg, neuer heute-Chefredaktor und publizistischer Leiter des Bereichs Zeitungen, am Dienstag im Zürcher Hauptbahnhof ihr jüngsten Kind. Und luden die Gäste dazu ein, Inserate für den neuen Titel zu buchen: Wer in den ersten Monaten Inserate schalten lässt, erhält einen Einführungsrabatt von 20 Prozent, in Kombination mit dem Blick gibt es gar eine Vergünstigung von 40 Prozent.
heute soll noch vor Sommer in den drei grössten Schweizer Metropolen in einer Auflage von 200'000 Exemplaren auf den Markt kommen, 110'000 Exemplare sind für den Raum Zürich/Winterthur vorgesehen, 40'000 für Basel und 50'000 für Bern. Erreichen soll das Blatt laut Weissberg 300'000 Leser, was eine eher vorsichtige Schätzung darstellt. "Ein zweites 20 Minuten werden wir nicht lancieren", sagt Weissberg. Die Bedürfnisse des Pendlers, der von der Arbeit heimkehrt, würden sich grundsätzlich vom jenen am Morgen unterscheiden, wie Voruntersuchungen von Ringier ergeben hätten. Dieser wünscht laut Weissberg in Feierabendstimmung etwas "leicht Konsumierbares" und "Optimistisches" zum Lesen auf seiner Heimreise.
heute wird deshalb keine Komplettzeitung mit durchwegs harten News sein. Vielmehr verbindet es auf 32 Seiten Elemente der klassischen Zeitung mit lockerem Magazin-Stoffen. Wichtiges Element der Tabloid-Zeitung sind die Bilder, denen mehr Platz eingeräumt werden soll als bei vergleichbaren Titeln. Gar eine zweiseitige Fotostrecke mit "positiven" Bildern sieht Weissberg in jeder Ausgabe vor. Strukturiert wird das Blatt nach zwei inhaltlichen Schwerpunkten: Der erste soll tagesaktuelle Geschichten aus dem Inland, Ausland und den Regionen sowie Berichte aus den Bereichen Sport, Wirtschaft und People beinhalten.
Als schwierigste Aufgabe erachtet Weisssberg dabei die Sport-Berichterstattung, da sich das sportliche Geschehen vor allem auf die zweite Tageshälfte konzentriert. Weissberg will diese Lücke mit "analysierender Vorschau" auf die folgenden Sportveranstaltungen sowie mit Personengeschichten aufzufangen versuchen. Er zählt dabei auf die Unterstützung der Blick-Redaktion. Grosses Gewicht erhält das Thema "Wissen" im Blatt: heute will einer jungen Zielgruppe die "Wunderwelt Leben" näher bringen und Hintergrundinfos zum Thema liefern, ohne dabei schulmeisterlich zu wirken.
In einem zweiten Teil der Zeitung will Weissberg einen Ausblick auf den Rest des Tages bieten. heute soll der Leserschaft dabei behilflich sein, den kommenden Abend zu gestalten und damit die News vom Morgen ergänzen. Da "die junge Zielgruppe noch seinen Platz suche", beliefere heute seine Leserschaft mit einem Sammelsurium von Tipps und Hinweisen, so Weissberg. Die Ausgehtipps und Nightlife-Geschichten sollen dabei auch zumindest teilweise regionalisiert sein. Die letzten Seiten von heute sind der Rubrik "Play & Life" vorbehalten. Sie wird Sudokus, Kreuzworträtsel, Spiele, Musikgeschichten und weitere unterhaltende Elemente aufweisen.
Die Produktion von drei Nullnummern hat Ringier mit einer Adhoc-Redaktion bereits in Echtzeit durchgespielt. Mit gutem Ausgang, wie Weissberg sagt. Von Redaktionsschluss bis zur Auslieferung vergingen bloss zwei Stunden. Weissberg: "heute wird die schnellste Zeitung des Landes sein". Auch im Internet will heute stark präsent sein. Weissberg erachtet die Integration des Online-Mediums in den Printtitel "als grosse Chance", da die Vernetzung der beiden Medien von Anfang an konzipiert werden kann. Die Online-Redaktion soll denn auch "mittendrin" in der Printredaktion sitzen.