Herr Blum, Sie leben jetzt in Köln. Hat sich Ihr Bild der Schweizer Medien verändert, seit Sie im Ausland leben?
Deutschland ist der Schweiz geografisch und kulturell relativ nah. Deswegen betrachte ich die Schweizer Medienszene nicht wie von einem anderen Planeten aus. Aber es gibt Unterschiede: Die deutschen Medien legen ihren Fokus auf ganz andere Probleme als die schweizerischen oder beurteilen die gleichen Probleme oft etwas anders.
Beispielsweise?
Die ganze Eurokrise wird in Deutschland aus einer Innensicht heraus kommentiert, während die Schweizer Medien das Debakel vom Balkon aus betrachten. Die Frage über die Funktionsfähigkeit der eigenen Regierung ist in Deutschland ein Dauerthema, in der Schweiz fokussiert sich deren Zukunft auf einen einzigen Tag, an welchem der Bundesrat neu gewählt wird.
Hat sich die Berichterstattung aufgrund des Internets verändert?
Ja, denn wir haben mit dem Internet einen neuen Verteilkanal. Dies ermöglicht Interaktionen, die es bis anhin gar nicht gab. Dies zu beobachten, ist faszinierend und wird die Medienwelt langfristig verändern.
An Ihrem Abschiedssymposium an der Universität Bern behauptete der langjährige Journalist Richard Aschinger, dass die Schweizer Elite keine Zeitung mehr lese. Teilen Sie diese Erfahrung?
Die Behauptung von Richard Aschinger stimmt teilweise. Die politische oder ökonomische Elite lässt sich Presseausschnitte über das eigene Unternehmen oder die eigene Behörde vorlegen und liest vor allem diese. Dadurch entsteht eine selektive Wahrnehmung der Realität. Die Elite ist aber durch die verschiedensten Netzwerke miteinander verbunden, wodurch sie gezwungen ist, über aktuelle Themen Bescheid zu wissen. Dies wiederum zwingt die Elite im weitesten Sinne (also nicht nur die obersten Verantwortlichen, sondern auch junge Aufsteiger in Banken, Industrie und Verwaltung, Lehrer, Professoren, Journalisten, Kulturschaffende), Zeitungen zu lesen, weil sie vor allem dort Analysen, Hintergründe und Kommentare findet.
Beschönigen Sie nicht ein bisschen?
Es gibt zweifelsohne einen eklatanten Rückgang der Zeitungsnutzung und dieser wird sich sicher weiter fortsetzen. Die Ursache sind vor allem junge Leute und solche, die wegen unzureichender Bildung Lesen zu anstrengend finden und audiovisuelle Medien oder solche mit Kurzfutter vorziehen. Lesen werden allerdings auch in Zukunft viele Leute aber wohl eher auf dem iPad als auf Papier.
Hat die Zeitung in Deutschland und der Schweiz die gleiche Bedeutung?
Im Gegensatz zu den südlichen Ländern, wo das Fernsehen dominiert, sind Deutsche und Schweizer immer noch eher ein Volk von Zeitungslesern; die Schweizer sogar noch mehr als die Deutschen. Die fanatischsten Zeitungsleser finden sich aber in den skandinavischen Ländern.
Wenden wir uns den aktuellen Problemen zu: In der Schweiz streiten sich momentan die SRG und die Verleger über Onlinewerbung im Internet. Wie ist Ihr Standpunkt?
Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass die Internetnutzung weiter zunehmen wird. Darum verlangen die Nutzer von ihren Anbietern, dass sie im Internet präsent sind. Realistischerweise kann man heute keinem Medium oder Unternehmen einen Internetauftritt verbieten. Bis in die Achtzigerjahre haben die Verleger Zeitungen und Zeitschriften produziert, während sich die SRG auf Radio und Fernsehen beschränkte. Dies hat sich aber radikal geändert. Mittlerweile betreiben auch die Verleger Radio- und Fernsehsender und verfügen zusätzlich über eigene Onlineportale. Heute ist jedes Medienhaus in den verschiedensten Sparten tätig, was auch sinnvoll ist. Die Frage ist nur, wie die Aufgaben verteilt werden.
Die SRG hat den Vorteil, dass sie über Gebührengelder verfügt.
Ja, dies schliesst aber die Internetpräsenz der SRG nicht aus. Diese sollte sich indessen auch im Netz auf den Service-public-Bereich beschränken, der aber noch zu definieren wäre. Es gibt interessante Zusammenarbeitsmodelle, die bereits im Medienheft vorgeschlagen wurden. Eine mögliche Lösung wäre ein gemeinsamer Onlineauftritt von SRG und Verlegern, wobei die SRG den nationalen, die Verleger den regionalen Bereich abdecken würden. Dies wäre ein möglicher Ansatz, den es weiterzuverfolgen gilt.
Gibt es überhaupt eine Lösung in dieser verhärteten Situation?
Die Situation ist momentan wirklich stark blockiert. Ich glaube auch nicht, dass man rasch einen vernünftigen Kompromiss findet. Meines Erachtens müsste der Bundesrat eine Expertenkommission einsetzen, die nach möglichen Lösungsvorschlägen sucht, die anschliessend zu diskutieren wären.
Wie konsumieren Sie die Medien?
Als ich noch in der Schweiz lebte, hatte ich viele Zeitungen abonniert. Dies hat sich geändert; ich beschränke mich auf wenige Schweizer Zeitungen und kaufe mir fast täglich deutsche. Im Internet konsumiere ich vor allem die Webseiten der "Süddeutschen Zeitung", des "Spiegels", von Newsnetz und der "NZZ". Gleichzeitig schaue ich selektiv Fernsehen.
Benötigen Sie neben Tagesanzeiger.ch überhaupt noch die gedruckte "Tagi"-Ausgabe?
Ich habe mein "Tages-Anzeiger"-Abo wegen der hohen Transportkosten gekündigt und nur noch die "NZZ" und die "Basellandschaftliche Zeitung" abonniert. Deswegen bin ich froh, dass man mittlerweile mit dem iPad die Printausgaben auch im Original lesen kann. Diese unterscheiden sich doch wesentlich vom Internetauftritt der Zeitungen, da diese von zwei verschiedenen Redaktionen hergestellt werden.
Sie sind immer noch Präsident der UBI, der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen der Schweiz. Was beschäftigt Sie?
Vor Kurzem haben wir die Beschwerde eines bekannten Genfers Anwalts gutgeheissen, der die Interessen von Hannibal Gaddafi vertrat. In einer Sendung des welschen Fernsehens wurde er von einem Genfer Staatsrat als "Landesverräter" tituliert. Dieser Anwalt hat sich zu Recht dagegen beschwert, dass er zu diesem Vorwurf keine Stellung nehmen konnte.
Apropos Gaddafi. Fanden Sie es richtig, dass man die Bilder seines Todes veröffentlicht hat?
Ich wäre bei der Veröffentlichung dieser Bilder sicherlich zurückhaltender gewesen. Ich habe mich sehr enerviert, dass beispielsweise in der Hausmitteilung des "Spiegels" nicht nur der tote Gaddafi gezeigt wurde, sondern auch eine Reporterin, die wie eine Grosswildjägerin neben der Leiche posierte. Auch Verbrecher und Tyrannen haben Anspruch auf Menschenwürde.
Sie haben verschiedene Funktionen in Ihrem Leben gehabt: Sie waren freisinniger Kantonsparlamentarier in Baselland, später Mitglied der Chefredaktion des "Tages- Anzeigers" und schliesslich 20 Jahren Medienprofessor an der Universität Bern. Was war am spannendsten?
Jeder Zeitabschnitt hatte etwas Spannendes. In meinem "dritten Leben" als Medienprofessor an der Universität Bern konnte ich Hunderte von jungen Publizistikwissenschaftlern, oft angehende Journalisten, ausbilden helfen und die Medienszene erforschen. Auch das war spannend. Doch am Anfang war ich nicht sicher, ob der Wechsel vom Journalismus an die Universität nicht eine Dummheit war?
Warum?
Ich musste das Institut für Medienwissenschaft fast von null neu aufbauen, doch es fehlten die Ressourcen. Das kleine Team konnte daher diesen Mangel nur durch einen überdurchschnittlichen, selbstausbeuterischen Einsatz wettmachen. Rückblickend gesehen war es aber eine sehr wertvolle und wichtige Erfahrung, die ich heute überhaupt nicht missen möchte. Eines meiner Hauptanliegen war immer auch die Qualitätssicherung in den Medien.
Ist sie überhaupt möglich?
Ganz bestimmt. Es müssen aber verschiedene Elemente zusammenwirken, nämlich erstens die gute Ausbildung der Medienschaffenden, zweitens die permanente ethische Reflexion, drittens redaktionsinterne Qualitätssicherungsmechanismen wie Sendekritik und Blattkritik und viertens Institutionen der Medienkritik, zu denen Medienjournalismus, medienkritische Organisationen, Beschwerdeinstanzen wie Ombudsleute, Presserat, UBI sowie die wissenschaftliche Forschung gehören.
Aber verludert durch die enorme Geschwindigkeit, in denen die Medien heute berichten, nicht auch deren Qualität?
Die Gefahr besteht. Doch immer, wenn sich die Medien verändern, müssen sich neue Routinen ausbilden, die sicherstellen, dass auch unter neuen Bedingungen professionell gearbeitet wird. Für die "Filmwochenschau", vor 70 Jahren das einzige einigermassen aktuelle Medium mit bewegten Bildern, hatte man eine Woche Zeit. Für die "Tagesschau" müssen wenige Stunden genügen. Jedes neue Medium braucht wieder neue Qualitätsstandards und neue Routinen.
Das ganze Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der Dezember-Ausgabe von "persoenlich"-Heft.