Ruft Journalisten zum Protest

SSM - Fordert Widerstand gegen "Weltwoche"-Umfrage.

Am Mittwochmorgen versendete das Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM) ein E-Mail an alle Redaktionen der Deutschschweiz (vgl. Abbildung unten). Darin fordern sie die Berufskollegen auf, gegen eine von der "Weltwoche" lancierte Umfrage über die Parteizugehörigkeit von Journalisten zu protestieren (vgl. Abbildung unten).

Brief an alle Journalisten vom Schweizer Syndikat Medienschaffender

Umfrage von Andreas Kunz, Redaktor der Weltwoche

Bei SRF sieht man den Aufruf des SSM positiv. Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation, sagt: "Wir haben grosses Verständnis dafür, dass der SSM die Mitglieder auf ihre verfassungsmässigen Rechte als Bürgerinnen und Bürger hinweist." Was will SSM mit dieser ungewöhnlich heftigen Reaktion bewirken? "persoenlich.com" hat beim Zentralsekretär Stephan Ruppen nachgefragt:

Herr Ruppen, das SSM hat zur Umfrage der "Weltwoche" einen Brief an alle Journalisten geschrieben. Wie kam es dazu?

Anlass ist eine fragwürdige Umfrage der Weltwoche bei Journalisten von SRF/SRG, in welcher tendenziös nach der Zugehörigkeit zu politischen Organisationen gefragt wird. Dazu ist folgendes zu sagen: Wir meinen, dass die Journalisten in der SRG wie jene in anderen Medienhäusern grundsätzlich nach den Professionalitätskriterien arbeiten. Also sauberen Journalismus liefern. Die Weltwoche will diesen Journalismus diskreditieren, indem sie ihm Gesinnungstäterschaft unterstellt. Das ist falsch. Gerade bei der SRG gibt es via Konzession zusätzlich die Auflage des "politisch tendenzfreien Unternehmens". Und mit klaren internen Richtlinien wird der politische Spielraum der Mitarbeitenden - im Interesse der journalistischen Professionalität - eingeschränkt.

Welche Absicht steht dahinter?

Der Brief, der von allen drei Mediengewerkschaften zusammen abgeschickt worden ist, hat das Ziel, die Journalisten aus allen Redaktionen auf eine Haltung der Weltwoche aufmerksam zu machen, die wir ablehnen. Es geht um die Frage von Professionalität und persönlicher politischer Haltung. Es geht uns keineswegs um die Verteidigung von politisch gefärbtem Journalismus - im Gegenteil. Es geht uns um die Verteidigung von professionellem distanziertem Journalismus. Wir meinen, die Weltwoche versucht, andere Journalisten politisch mit Etikettierungen zu diskreditieren, auch wenn sie hochprofessionelle Arbeit leisten.

Ihr Apell ist ziemlich vage formuliert: Die Journalisten sollen die Aktion der Weltwoche "hinterfragen und allenfalls dagegen protestieren". Was meinen Sie damit?

Unsere Position als SSM ist klar. Aber die Journalistinnen und Journalisten können die Situation selbst beurteilen und ihre Folgerungen daraus ziehen. Natürlich freut uns, wenn Journalisten gegenüber der "Weltwoche" Stellung beziehen. Aber wir müssen die Journalisten nicht mit Bekenntnis-Aufrufen bevormunden.

Warum haben Sie ihn nicht nur an die betroffenen SF-Info-Journalisten, sondern an Ihren gesamten Medienverteiler, also an alle Deutschschweizer Redaktionen, geschickt?

Es geht um eine Grundsatzfrage, die irgendeinmal alle betrifft. Erstens: Die "Weltwoche" diffamiert seit einiger Zeit sozusagen alle Journalisten ausserhalb ihrer Redaktion als "linke Mainstream-Journalisten". Diese falsche Etikettierung und Ausgrenzung von Journalisten hat System. Zweitens: Grundsätzlich ist die Ausübung von politischen Rechten verfassungsmässig garantiert und ein Recht für alle, auch für Journalisten. Aber die Professionalität des Berufes verlangt, die persönliche Meinung und persönliches politisches Engagement hinter den Journalistenberuf zu stellen. Das wird auch so gemacht. Aber die Weltwoche mit ihrem engen politischen Horizont spricht den anderen Journalisten diese Professionalität ab. Drittens: Mit der Befragung von ausgewählten Journalisten bei der SRG nach deren aktuellem oder vergangenem politischen Engagement wird auch ein Stück weit die Privatsphäre geritzt. Das Anrecht auf diese Privatsphäre betrifft alle Journalisten.

Im Brief fragen Sie ausserdem, warum die "Weltwoche" Transparenz fordert, wenn gleichzeitig ihre eigenen finanziellen Hintergründe offen sind. Können Sie diesen Zusammenhang erklären?

Es gilt zu differenzieren zwischen Transparenz, Professionalitäts-Regeln und Schnüffelei in der Privatsphäre. Und wir sagen: Merkwürdig, wenn der Ruf nach totaler Transparenz von der Weltwoche kommt, welche selbst ihre finanziellen Hintergründe zumindest für uns nie richtig erklären konnte.

Haben Sie bereits Reaktionen auf den Brief bekommen?

Bisher einzelne sehr positive. Und mehrere Hinweise, dass der SVP-Politiker Maximilian Reimann seine Bekanntheit ja zuerst auch beim Schweizer Fernsehen als Redaktor erlangt hatte, bevor er in die Politik wechselte. Aber der Brief ist erst am Mittwochmorgen per Mail versendet worden.

Handelt es um eine Einzelaktion oder haben Sie noch weitere Massnahmen geplant?

Die Thematik ist wichtig. Vorerst ist es eine spontane Reaktion. Aber eine Debatte über Haltung, Meinung und Neutralität im Journalismus kann sicher nicht schaden. Wir bleiben am Ball und sind für Debatten offen. Vorerst wichtig ist uns aber, diese Diffamierung von Journalisten durch die "Weltwoche" zu stoppen.

Mehr über die Umfrage der "Weltwoche" lesen Sie im Interview mit Andreas Kunz.

Interview: Edith Hollenstein