Sat.1 Schweiz-Chef Christian Gartmann zum Springer-Deal

- Der Einstieg von Axel Springer ins Fernsehgeschäft krempelt den deutschen TV-Markt um. Doch welche Auswirkungen hat der Milliarden-Deal hier in der Schweiz? Der Medienriese Springer übernimmt eine Hälfte von Sat.1 Schweiz, die andere bleibt im Besitz von Ringier. Gegenüber "persoenlich.com" erklärt Christian Gartmann, Geschäftsführer für die Schweiz der ProSiebenSat.1-Gruppe, welche Konsequenzen der Eigentümerwechsel für sein Unternehmen hat. Das Interview:

Herr Gartmann, der deutsche Grossverlag Springer löst den Financier Haim Saban als Eigentümer von ProSiebenSat.1 ab. Welche Auswirkungen hat die Neustrukturierung der Eigentumsverhältnisse auf Sat.1 Schweiz?

Im ersten Moment ändert sich für Sat.1 Schweiz wohl nichts. Wir erhalten einen neuen Hauptaktionär, der dem Schweizer Markt nahe steht und der sicherlich Verständnis für die speziellen Begebenheiten des Landes aufbringt. Hinter der Verschmelzung der beiden grossen Unternehmen steht ein langfristiges Interesse der Beteiligten an der Investition.

Springer wird Ihnen wohl stärker auf die Finger schauen als Saban.

Nein, das kann man so vermutlich nicht sagen. Auch der Medienprofi Saban zeigte ein sehr grosses Interesse an Sat.1 Schweiz und dem speziellen, kapillaren Markt, in dem wir uns bewegen. Er wollte von mir sehr genau wissen, was in der Schweiz abgeht, wo die Chancen und wo die Gefahren sind. Die Schweiz mag gegenüber dem deutschen Markt als klein erscheinen, dennoch betreiben wir hier ein recht einträgliches Geschäft. Das weiss und schätzt nicht nur ein Haim Saban.

Inwiefern wird sich der Einstieg von Springer auf das Programm Ihres Senders auswirken?

Das muss sich erst zeigen. Heute sind wir mit allen unseren Schweizer Sendungen sehr erfolgreich und mit Ausnahme der Fussballberichterstattung verdienen wir auch mit allen Formaten Geld. Der Investorengruppe um Saban war dies ebenso klar, wie dem Springer Verlag. Solange uns also die Schweiz Programme machen lässt, werden wir uns vermutlich so weiter entwickeln wie bisher. Sollten die sich Repressionen im RTVG weiter verschlimmern oder unsere (neue) Gruppe andere Schwerpunkte setzen wollen, werden wir uns auch darauf einstellen können. Ich werte den Wechsel in den Eigentumsverhältnissen im Übrigen als positiv, da damit auch neue Ideen ins Unternehmen eingebracht werden.

Sat.1 Schweiz wird nun je zu einer Hälfte Springer und Ringier gehören. Könnte diese Zusammenarbeit nicht zu Konflikten zwischen den Verlagshäusern führen?

Das würde mich erstaunen. So weit ich weiss kommen Springer und Ringier sehr gut miteinander aus. Die beiden Medienhäuser sind schon seit längerem eng mit einander verbunden. Aber Ihre Frage zur publizistischen Ausrichtung müssen Sie wohl an die Verlagshäuser selber richten.

Man spricht davon, dass in Deutschland durch das Zusammengehen von Springer und ProSiebenSat.1 Synergien genutzt werden können. Inwiefern werden auch Sie dies zu spüren bekommen?

Wir sind der grösste, nichtstaatliche Fernsehanbieter der Schweiz. Dennoch sind wir sehr schlank aufgestellt. Dank unserer erfolgreichen Kooperation mit Ringier gelingt es uns aber, laufend neue Projekte und TV-Formate zu entwickeln. Zum anderen ist die Fernseh-Werbung geschäftlich die Butter auf dem Brot. In Sat.1 Schweiz ergänzen wir die Werbung sehr erfolgreich mit den Schweizer Programmgefässen. Und solange das Gesetz uns dies hier in der Schweiz auch künftig machen lässt, werden wir unsere Strategie wohl weiterverfolgen wie bisher.

Im Verwaltungsrat von Sat.1 Schweiz sitzt auch Roger Schawinski ein. Welchen Einfluss hat seine Teilnahme am Programm?

Roger Schawinskis Einfluss hat sich für uns sehr positiv ausgewirkt. Er ist ein sehr kreativer Mensch, der nicht nur sehr viel Flair fürs Programm mitbringt, sondern auch unternehmerisch denkt. Als Teamplayer baut er auf unser lokales Know-how, stellt aber auch sehr kritische Fragen und bringt sich selber ein. Ein Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit ist die Eins-zu Eins-Adaption der deutschen Comedy-Sendung "Genial daneben" ins Schweizerdeutsche. Die Idee stammt von Schawinski und sie überzeugt nicht nur TV-Insider: Die allererste Riege der Schweizer Comedians will an diesem Projekt mitwirken.

Sie betonen stets die Erfolge Ihres Senders. Warum wird dann Sat.1 Schweiz nicht stärker ausgebaut?

Wir betreiben Fernsehen wie ein Handwerk. Jeden Tag machen wir unsere Rechnung. Was nicht rentiert, kommt nicht ins Programm. Die einzelnen TV-Formate behandeln wir erst dann im Verwaltungsrat, wenn wir sie finanzieren können. Denn im TV-Bereich kann man vor allem eines sehr einfach: Geld verbrennen. Unsere Schweizer Programm-Arbeit ist wohl kein Höllengeschäft, aber sie zeigt doch, dass man das Fernsehgeschäft auch in der Schweiz durchaus erfolgreich betreiben kann. Sat.1 Schweiz ist der einzige sprachregionale Sender, der eine genügende Reichweite aufweist, um für ein Mehrheitsprogramm geeignet zu sein. Und mit Ringier haben wir den grössten Schweizer Fernsehproduzenten als Partner im Haus. Das ist eine sehr kreative Mischung.