Wem gehört das Internet? Dies fragen sich mitunter sogar NZZ-Leserbriefschreiber. Sie verfolgen mit vielen anderen Medienkonsumenten den Diskurs zwischen Verlegern und der SRG. Darf die SRG ihren Audio- und Videocontent ins Internet erweitern, auch über einen ohnehin nicht definierbaren Zusatz- nutzen hinaus?
Keinesfalls, meinen einige Verleger laut und klar, wo immer sie auftreten. Die weit gehend gebührenfinanzierte SRG, so monieren Verleger, mache den Marketspace für die Verleger kaputt, belege zukunftsträchtige Geschäftsfelder, verfälsche den Wettbewerb noch stärker. Hintergrund dieser Haltung ist immer wieder die schiere Grösse der SRG, ist die Schieflage einiger verlegerischer Geschäftsmodelle, ist der generell rückläufige Anzeigemarkt der letzten Jahre.
Marketspace wird immer enger
In der Sache liegen die Verleger mit vielen Argumenten richtig. Fett aufgestellte Player wie die SRG, durchflossen von doppelspurigem Schalten und Walten, charakterisiert durch einen äusserst geringen Produktivitätsgewinn und geschätzten Sponsoringeinnahmen von über 50 Millionen im Jahr 2005, machen den Medienmarktplatz Schweiz und nun auch noch den Marketspace noch enger. Dennoch ist die Kritik der Verleger gegenüber der SRG gleich dreifach unnötig, unnütz und uncool:
-- Unnötig, weil die Schweizer Verleger bereit sind, sich der SRG zu fügen und für einige bescheidene Subventionsmillionen den RTVG-Deal zu akzeptieren. Die SRG darf künftig noch mehr und kann das Werbe- und Sponsoringverbot im übrigen publizistischen Angebot gelassen hinnehmen. Die Verleger dürfen auch etwas, nämlich einige ihrer seit jeher schwächelnden elektronischen Verlagsprodukte einer schwarzen Null zuführen. Die Verleger handeln altruistisch, nehmen gar wenig und geben so viel.
-- Unnütz, weil Internetmedien nun definitiv nach anderen Gesetzmässigkeiten funktionieren. Das Internet ist das mäandrierende Mediensystem der Offensive, der Kreation, des konvergenten Geschäftsmodells. Im Internet greifen Vorwärtsstrategien, Kooperationsmodelle und der Geist der kreativen Kühnheit. Die Verlierer dagegen zeigen rund um den Globus die gleichen Symptome: Abschottung, Abwehr, Verbote
-- Uncool, weil eine der digitalen Gesetzmässigkeiten besagt: Wer die Inhalte hat und die Distribution, der hat den Segen und hat das Sagen. Wenn es um Content im Internet geht, hat die SRG, was gegenwärtig eigentlich alle haben müssten und haben möchten: Aktualität und Qualität, Glaubwürdigkeit und Professionalität, Inhalte und Services, in den zukunftsträchtigen Formaten Audio und Video. Diese bringen in den zunehmend crossmedialen und mobilen Content-Märkten künftig noch mehr Interaktion, Transaktion und damit Business.
Dennoch bleiben den Verlegern enorme Potenziale und Chancen im Marketspace, im virtuellen Geschäftsfeld: Die SRG baut ihren Service public bekanntlich vor allem dort aus, wo er risiko- und diskursfrei zu realisieren ist. Das Risiko beispielsweise, jüngeren und jungen Zielgruppen jenen Return zu bieten, den diese via Zwangsgebühren jährlich berappen, geht die SRG nicht ein.
Die Chancen, offensichtlichste Zielgruppen-schwächen der SRG mit innovativen, konvergenten Medienangeboten zu kontern, werden von den Verlegern kaum genutzt. Dabei ist das Marktpotenzial augenfällig, wie der Blick in die deutsche Medienlandschaft zeigt. Im Marketspace, dem Medienmarkt der Zukunft, sind konvergente Modelle, sind bahnbrechende Kooperationen und Angebote zwischen Verlegern das Gebot der Stunde.
Rolf Bollmann ist eine Ikone
Das Modell 20 Minuten hat den Damm eingerissen, Rolf Bollmann grüsst bereits als Ikone: Die Zukunft-Schweiz-Zielgruppen werden ihre affinen Medien im Lauf der kommenden zehn Jahre so oder so bekommen. Multimedial, konvergent, mobil. Die Frage ist heute bloss noch, von wem? Von neuen Teilnehmern am Medienmarkt, die dank der sinkenden Kosten durch die forschreitende Digitalisierung immer mehr Optionen erhalten? Von deutschen, TV-basierten Networks? Oder etwa doch von CH-Verlegern, die im Print und in elektronischen Medien ihre Marktmacht endlich fokussiert ausspielen? Die eigenen Heimmärkte zu beleben, wird den Schweizer Verlegern nur gelingen, wenn sie die SRG mit überregionalen Geschäftsmodellen und vernetzten Innovationen herausfordern, statt weiterhin mit regionalen Alleingängen und viel zu vielen gleichen Quellen, gleichen Ideen und gleichen elektronischen Medien aufzutreten.
Eine Phalanx der Verleger, im Verbund etwa mit neuen, vielseitig und innovativ wachsenden Teilnehmern am Medienmarkt wie etwa der Scout24-Gruppe, Tilllate.com oder der Goldbach-Media-Gruppe, brächte den Mediennutzern künftig weit mehr als das heutige Schalten und Walten mit und gegen und neben SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Die Phalanx der Verleger ist in der Lage, das andere Mediennetzwerk der Schweiz zu bauen, auf den Grundlagen dieser einmalig chancenreichen digitalen Revolution. Mediennutzer werden dereinst in Scharen umsteigen. Deren Potenzial gegen den Mut der Verleger.