Nach der Totgeburt der Zürcher Pendlerzeitung Express könnte die Wettbewerbskommission (Weko) bereits in vier Wochen grünes Licht geben zum geplanten Tamedia-Zeitungsdeal. Die Express-Blattmacher sind am Montagmorgen zur Arbeit erschienen. Das Team von rund 40 Angestellten wird bis zum Weko-Entscheid weiterhin das Stadtblatt ZürichExpress herausgeben. Dieses hätte am Montag durch die neue Pendlerzeitung abgelöst werden sollen. Marco Boselli, der als Chefredaktor des Express vorgesehen war, räumte auf Anfrage ein, dass man für die vorläufige Fortführung des ZürichExpress personell überdotiert sei. Beispielsweise könnten die Leute jetzt Ferien abbauen.
Tamedia hatte am Freitag die Lancierung von Express überraschend abgeblasen. Dafür übernimmt der Verlag zusammen mit der Berner Zeitung bis 2006 in Stufen das Pendlerblatt 20 Minuten. Damit wurde die Konkurrenz aufgekauft, der Tamedia mit dem Express den Kampf angesagt hatte. Tamedia kommt so billiger ans Ziel. Offizielle Zahlen gibt es jedoch keine. Wie der Weko-Kommunikationsbeauftragte Patrik Ducrey auf Anfrage sagte, fällt die Weko vier Wochen nach Eingehen des Fusions-Antrags einen summarischen Entscheid. Sollte ein vertieftes Verfahren nötig werden, würde die Weko ihren Entscheid innerhalb von vier Monaten fällen.
Der Medienwissenschaftler Otfried Jarren, Professor für Publizistik der Uni Zürich, rechnet nicht mit einem Nein der Weko zum Tamedia-Deal: Die publizistische Konkurrenz auf dem Platz Zürich sei wohl zu gross, als dass die Fusion mit 20 Minuten Tamedia eine Monopolstellung bringen würde, schätzt er. Ein Fragezeichen macht Jarren hinter die Tamedia-Strategie: Es sei klar, dass Tamedia mit der Express-Ankündigung eine Abwehrstrategie verfolgte und jetzt durch Kauf der Konkurrenz zum Ziel komme. Es bleibe aber die Gefahr bestehen, dass Tamedia mit der Pendlerzeitung seine eigenen Produkte konkurrenziere. Jarren spricht von der Gefahr einer "Selbstkanibalisierung".
Vom Tamedia-Entscheid zeigt sich Jarren wenig überrascht: Wer den Zeitschriftenmarkt der letzten Jahre beobachtet habe, wisse, wie schnell Medienprodukte neu lanciert und wieder eingestampft werden. Diese "stark gestiegene Volatilität" zeige sich jetzt auch im Zeitungsbereich. Für Tamedia ist die Rechnung offenbar aufgegangen. Und wie der Verlag am letzten Freitag versicherte, soll sie auch für das Express-Team aufgehen. Tamedia-CEO Martin Kall versprach allen eine neue Stelle im eigenen Haus und nahm damit den Medienverbänden den Wind aus den Segeln. Diese beschränken sich denn auch auf die Aufforderung an Tamedia, das Versprechen einzuhalten.