Herr Röthlisberger, "Blick am Abend" wird am 2. Juni ein Jahr alt. Gibt es am Geburtstag auch etwas zu feiern?
Wir sind sehr glücklich, wie alles gelaufen ist. Wenn man in dieser schwierigen Zeit eine Zeitung lanciert und sämtliche Vorgaben erreicht oder übertrifft, kann man nur stolz sein. Im Leser- und Werbemarkt zeigt die Kurve nach oben -- und das feiern wir.
Wie hat sich die Abendzeitung im ersten Jahr verändert?
Mitte März haben wir beschlossen, den News- Teil zu stärken. Wir haben unter anderem eine zusätzliche Schweiz-Seite eingeführt. Ausland und Wirtschaft erhalten auch mehr Platz. Mit dieser feinen Anpassung wollten wir neben dem eher jüngeren heute-Publikum auch die übrigen Pendler besser erreichen und von diesen ernst genommen werden.
Was meinen Sie genau mit "ernst genommen werden"?
Wir wollen als Zeitung und nicht als Ausgehmagazin wahrgenommen werden. Wir stellen bereits fest, dass unsere Leser älter geworden sind. Auch die Banker nehmen auf dem Weg vom Paradeplatz zum Hauptbahnhof einen "Blick am Abend" mit. Das Blatt muss also auch deren Bedürfnis nach mehr Wirtschaftsnews abdecken. In diesem Bereich haben wir auch einen grossen Vorteil, denn gerade börsenrelevante Geschichten müssen jeweils am Morgen kommuniziert werden. Im Gegensatz zu den anderen Tageszeitungen können wir diese Infos den Lesern dann bereits noch am gleichen Tag als Erste in die Hand drücken. So werden wir ernst genommen.
Redaktionsschluss bei Blick am Abend ist um 13.30 Uhr. Spielt sich in der Nacht und am Morgen wirklich genug ab, um den Informationsvorsprung gegenüber den anderen Zeitungen ausspielen zu können?
Amerika und Asien gehören thematisch uns. Das kam uns zum Beispiel bei der Wahl Obamas zugute, als wir 18 Extraseiten zum Thema produzierten. Die Schweiz hingegen beginnt erst um 9 Uhr zu ticken. Zwischen 10 und 12 Uhr zieht das Geschehen dann stark an. Diese Zeitspanne ist für uns extrem wichtig. Wenn wir um 11.30 Uhr Abschluss hätten, wäre die Zeitung etwa ein Drittel so lesenswert. So ist sie hingegen noch am nächsten Morgen zu zwei Dritteln relevant.
Aber es ist doch nichts so alt, wie die Zeitung von gestern?
Offenbar gilt dieses Sprichwort für viele unserer Geschichten nicht. Wir haben festgestellt, dass Berichte, die wir bereits am Vorabend publizierten, am nächsten Tag trotzdem im "20 Minuten" oder "News" zu finden sind. Das ist eigentlich der Beweis, dass auf der Welt sehr viel Entscheidendes vor 13.30 Uhr passiert.
Mit der "Steinbrück"-Schlagzeile vom "hässlichen Deutschen" hat "Blick am Abend" hohe Wellen geschlagen. Wie wichtig sind solche Geschichten für die Zeitung?
Auf die "Steinbrück-Geschichte" sind wir noch immer stolz -- alle grossen deutschen Zeitungen haben uns zitiert. Plus RTL "Nachtjournal" und Beckmann. Solche Auftritte sind Gold wert für das Image einer Zeitung. Wir wollen eine freche Zeitung sein, und wir haben auch den Ruf, etwas verspielter daherzukommen als die Konkurrenz. Aber der Grat ist schmal und darf nicht verlassen werden. Wir versuchen immer vorauszuahnen, was der Leser sich zu einer Geschichte wohl denkt, und wollen dann eine Geschichte entsprechend erzählen. Wenn wir zum Beispiel Hakan Yakin mit einem Präservativ auf der Titelseite abbilden und titeln "Schau Haki, das ist ein Pariser", schreiben wir, was die Mehrheit der Leser mutmasslich über die ungewollte Schwangerschaft bereits gedacht hat, bevor sie unsere Zeitung in den Händen hält.
Sie werden also weiter provozieren?
Wenn man einmal begriffen hat, wie der Mechanismus funktioniert, und wir die Leser damit überraschen können, ist es schon reizvoll, es wieder zu probieren.
Zur Distribution: Ab August gibt es den Blick am Abend auch in Luzern, Zug und St. Gallen. Welches Ziel wird mit dieser Expansion verfolgt?
Unser Ziel sind 500 000 Leser. Mit den neuen Gebieten kommen zu den bisherigen circa täglich 250 000 abgesetzten Exemplaren auf einen Schlag zu Beginn weitere 50 000 Exemplare dazu. Multipliziert man diese kumulierten 300 000 Exemplare mit den circa 1,6 bis 1,7 Lesern pro Exemplar, welche wir zurzeit etwa erreichen, sind wir auf Augenhöhe mit unserem Ziel.
Wie schätzen Sie den Gratiszeitungsmarkt in der Schweiz ein? Ist der Zenit bereits überschritten?
Das glaube ich nicht. Gratiszeitungen waren die Sieger der letzten WEMF-Erhebung. Gerade im Vergleich mit den Bezahlzeitungen. Wenn man jetzt noch nicht glaubt, dass Gratiszeitungen funktionieren, weiss ich nicht, was man noch für Zahlen vorlegen muss.
Nun ja, in letzter Zeit wurden mehr grosse Gratiszeitungen eingestellt als lanciert. Zum Beispiel gibt es das Konkurrenzblatt ".ch" nicht mehr. Profitiert "Blick am Abend"?
Ja. Seit ".ch" nicht mehr erscheint, setzen wir täglich etwa 20 000 Exemplare mehr ab.
Dann freuen Sie sich also über die Einstellung von ".ch"?
Nein, überhaupt nicht. Es ist immer schlimm, wenn ein solches Experiment misslingt. Ich zweifelte zwar von Anfang am Erfolg von ".ch", aber wenn fast 70 Mitarbeiter ihren Job verlieren, kann das niemanden freuen.
Der Chefredaktor von ".ch" sagte, dass die Leser die Zeitung nicht vermissen werden, mit der Leserbindung von abonnierten Zeitungen lasse sich das nicht vergleichen. Heisst das, jede Gratiszeitung ist austauschbar?
Die Marke ist extrem wichtig. Ein Chefredaktor muss an seine Marke glauben, sonst geht sie unter. Der Leser ist mündig und entscheidet, was er lesen will und was nicht. Man muss ihn mit Marke und Inhalt überzeugen.
Ringier hat die Gratiszeitung "cash" eingestellt. Spüren Sie den Druck, dass Ihnen das gleiche Schicksal drohen könnte, wenn der "Blick am Abend" nicht bald Gewinn bringt?
Es muss das Ziel der ganzen Redaktion sein, die Zeitung so gut zu machen, dass sie rentabel werden kann. Wir geniessen momentan viel Unterstützung im Haus. Logischerweise muss die Geschäftsleitung aber stets überprüfen, ob wir uns wirtschaftlich noch auf Kurs befinden.
Im Februar startet der Newsroom. Was ändert sich konkret für den "Blick am Abend"?
Wir ziehen mit den andern Blick-Redaktionen in denselben Raum. Wir legen einige Ressorts zusammen und bedienen uns daraus für die einzelnen Kanäle. Dies bringt einerseits viele Vorteile, aber auch die Gefahr, dass der Charakter der einzelnen Produkte verloren geht. Dies beim "Blick am Abend" zu verhindern, ist dann mein Job.
Ist in der Redaktion eine gewisse Angst spürbar, dass die Identität im Verbund verloren geht?
Ich spüre keine Abwehrhaltung im Team. Gerade unsere teils sehr jungen Journalisten haben dank dem Newsroom auch die einmalige Chance, auf einen Schlag für grosse Titel wie "Blick" oder "SonntagsBlick" zu schreiben und sich so zu etablieren.
Abschlussfrage: Was würden Sie uns gerne erzählen, wenn wir uns anlässlich des nächsten Geburtstages des "Blick am Abend" wieder unterhalten würden?
Dass der "Blick am Abend" in St. Gallen, Zug und Luzern ein voller Erfolg ist, dass wir die Wirtschaftskrise ohne grossen Schaden überstanden haben und dass wir die Öffentlichkeit bei der Beglaubigung im Herbst mit unglaublich guten Leserzahlen überraschen konnten.
(Interview: Corinne Bauer, Stefan Wyss)
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