Sendekritik von Medienprofis

"Schawinski" - Bigi, Rothenbühler, Girsberger etc. zum 1. Talk auf SF.

Schon im Vorfeld wurde viel über Roger Schawinskis Comeback beim Schweizer Fernsehen diskutiert. Gestern Abend spät war es endlich soweit: In "Schawinski" diskutierte Roschee mit dem Privatbankier und NZZ-Verwaltungsratspräsidenten Konrad Hummler (siehe auch: persoenlich.com). Was Medienprofis am ersten Talk gefiel und was nicht, erörtern sie auf persoenlich.com:

Hugo Bigi, Interviewer TalkTäglich

"Aufsässig, hartnäckig, schlagfertig, schnell, mit den Zahlenbeispielen nicht so genau: Roger Schawinski war wie ein frisch-renovierter Tischventilator, der den etwas hilflosen Privatbankier auf einen schwindelerregenden Hummlerflug manövrierte. Was für die Zuschauer dabei übrig blieb, war die Einsicht, dass die Banker immer gewinnen, auch wenn die Kunden alles verlieren. Sagte Schawinski."

Esther Girsberger, Publizistin und Dozentin

"Was haben wir nun von Konrad Hummler, dem redegewandten und unkonventionellen Bankier, erfahren? Dass er zur Abgeltungssteuer, zum Bankengeheimnis, zum Auflagenschwund der Zeitungen, zur 68er-Generation einiges zu sagen hätte. Nur blieb es bei den Vermutungen, weil Roger Schawinski den Gast dauernd unterbrach. Praktisch keine einzige Frage durfte wirklich beantwortet werden, kaum setzte der Ostschweizer an, sprang Schawinski zur nächsten Frage oder zum nächsten Thema. Natürlich muss man zu dieser späten Sendestunde aufrütteln, aber bitte nicht auf diese Art! Verwirrung statt Aufklärung. Schawinski war gut vorbereitet, warum also lässt er nicht etwas mehr Tiefgang zu? Bieder wirkten die Einblendungen von Zeitungsartikeln. Von den vielen hummlerschen Bonmots hat Schawinski ohnehin schon genug gebracht. Kurzum: Verbesserungspotenzial vorhanden!"

"Was haben wir nun von Konrad Hummler, dem redegewandten und unkonventionellen Bankier, erfahren? Dass er zur Abgeltungssteuer, zum Bankengeheimnis, zum Auflagenschwund der Zeitungen, zur 68er-Generation einiges zu sagen hätte. Nur blieb es bei den Vermutungen, weil Roger Schawinski den Gast dauernd unterbrach. Praktisch keine einzige Frage durfte wirklich beantwortet werden, kaum setzte der Ostschweizer an, sprang Schawinski zur nächsten Frage oder zum nächsten Thema. Natürlich muss man zu dieser späten Sendestunde aufrütteln, aber bitte nicht auf diese Art! Verwirrung statt Aufklärung. Schawinski war gut vorbereitet, warum also lässt er nicht etwas mehr Tiefgang zu? Bieder wirkten die Einblendungen von Zeitungsartikeln. Von den vielen hummlerschen Bonmots hat Schawinski ohnehin schon genug gebracht. Kurzum: Verbesserungspotenzial vorhanden!"

Peter Rothenbühler, Direktionsmitglied Edipresse

"Schön, auch mal Schawinski nervös am Bildschirm zu erleben. Er ist fast explodiert in den ersten Sekunden, der Arme. Aber verdammt gut sieht er aus, immer noch. Meine Frau behauptet, es sei Botox, ich schwöre, es ist alles Natur. Wow, hat der Gas gegeben, um jaaa nicht alt auszusehen. Ich habe ihn schon beim Jogging erlebt. Wenn alle anhielten, rannte er weiter. Schawi bietet nicht ein Gespräch, nein, er bietet einen Fight, und every body loves a fight, das ist gut so. Wer zu ihm in den Ring steigt, muss verdammt stark sein. Ich prophezeie : bald wird man von Politikern nicht mehr erwarten, dass sie arenatauglich sind, sie müssen schawinskitauglich werden. Blitzschnell zurückschlagen, kurz und bündig argumentieren, nie beleidigt sein, und vielleicht manchmal den Spiess umdrehen, das muss der Gast können. Schawi ist nun mal der Muhamed Ali der Talkmaster, The Mouth, er tänzelt und grinst wie ein Kind, wenn er seine rethorischen Haken richtig platziert hat. Wie eine Wespe hat er den braven Hummler gestern gepiekt. Gut, gerne hätte man dem Banker etwas länger zugehört, vielleicht auch erwartet, dass er zu einem Thema befragt würde, wo Schawi nix weiss, z.B. Johann Sebastian Bach, der grossen Passion Hummlers. Ich freue mich teuflich auf den ersten Gast, der ihn niederhackt in den ersten fünf Minuten oder einfach ins Leere laufen lässt. Das wird geil ! Und deshalb wird die Sendung ein Erfolg. Spannung liegt in der Luft. Und die zu erzeugen ist die grosse Kunst des Talkmasters. Langweiler gibt es genug. Mein Fazit : sehr gut, aber vielleicht mal 30 Sekunden länger zuhören, gell Schawi."

Patrik Müller, Chefredaktor Der Sonntag

"Der richtige Talker, der falsche Gast. Beim Schweizer Fernsehen werden wohl etliche Moderatoren aufatmen: Auch der "beste Interviewer der Schweiz" (O-Ton Rudolf Matter) ist nur ein Mensch, auch er ist vor einer solchen Sendung etwas aufgeregt. Roger Schawinski schaffte es, in 27 Minuten mehr Fragen zu stellen als ein "Arena"-Moderator in 90 Minuten. Wahrscheinlich waren es sogar mehr Fragen als Antworten. Aber das lag auch am Gast: Konrad Hummler war weniger pointiert und weniger frech als kürzlich im "Doppelpunkt" auf Radio 1. Zudem war ein halbe Stunde zu kurz für so viele und komplexe Themen wie Bankgeheimnis, Vietnam-Demonstrationen und NZZ. Die Attraktion war in der ersten Sendung der Moderator, nicht der Gast, oder wie es ein Twitterer formulierte: Nach "ECO" kam "EGO". Was nicht schlecht ist. Allen, die sich darüber ärgern, dass Schawinski seine Gäste nicht ausreden lässt, sei geraten: Schaut "Sternstunde Philosophie". Ich finds gut, dass das SF nun einen richtig schnellen, kontroversen und relevanten Talk im Programm hat. Nun müssten nur noch die richtigen Gäste kommen."

"Der richtige Talker, der falsche Gast. Beim Schweizer Fernsehen werden wohl etliche Moderatoren aufatmen: Auch der "beste Interviewer der Schweiz" (O-Ton Rudolf Matter) ist nur ein Mensch, auch er ist vor einer solchen Sendung etwas aufgeregt. Roger Schawinski schaffte es, in 27 Minuten mehr Fragen zu stellen als ein "Arena"-Moderator in 90 Minuten. Wahrscheinlich waren es sogar mehr Fragen als Antworten. Aber das lag auch am Gast: Konrad Hummler war weniger pointiert und weniger frech als kürzlich im "Doppelpunkt" auf Radio 1. Zudem war ein halbe Stunde zu kurz für so viele und komplexe Themen wie Bankgeheimnis, Vietnam-Demonstrationen und NZZ. Die Attraktion war in der ersten Sendung der Moderator, nicht der Gast, oder wie es ein Twitterer formulierte: Nach "ECO" kam "EGO". Was nicht schlecht ist. Allen, die sich darüber ärgern, dass Schawinski seine Gäste nicht ausreden lässt, sei geraten: Schaut "Sternstunde Philosophie". Ich finds gut, dass das SF nun einen richtig schnellen, kontroversen und relevanten Talk im Programm hat. Nun müssten nur noch die richtigen Gäste kommen."

Nick Lüthi, Redaktor Medienwoche

Wer die Latte so hoch legt, wie dies das Schweizer Fernsehen im Vorfeld der ersten Sendung von "Schawinski" getan hat ("der beste Talker der Schweiz", "energiegeladener Polit-Talk"), kann nur scheitern. Der Auftakt zum neuen Format ist denn auch gründlich missglückt. Roger Schawinski wirkte nervös, unsouverän und fahrig. Mit seinen Fragen vermochte er Konrad Hummler nie auch nur ansatzweise aus der Reserve zu locken. Wer zudem den Talk mit Hummler vom 29. Mai auf Radio 1 im Ohr hatte, erlebte ein Déjà-vu mit einem über weite Strecken identischen Gesprächsverlauf. Das zeigt: Hummler war der falsche Gast für die Auftaktsendung. Auch weil sich das Gespräch mit einem Banker schnell in einer Fachdiskussion verliert. Schawinski ist gut, wenn es menschelt. Mit Hummler war das nicht der Fall. Völlig missraten sind zudem die Multimedia-Elemente: Sie bieten dem Zuschauer keinen Mehrwert und lenken nur vom Gespräch ab. Das iPad als Trigger für die Videoeinspieler fällt in die Kategorie Product placement, wie auch das Logo der Sendung mit dem Ausschaltknopf von Apple-Computern. In dem Sinn war es ein gelungener Start: "Schawinski" kann nur besser werden."

Patrick Rohr, Kommunikationsexperte und Moderator

"Das Positive vorweg: Roger Schawinski schien mir sehr gut vorbereitet und hervorragend dokumentiert. Dadurch gelang es ihm, seinen Gast immer wieder mit früheren Aussagen zu konfrontieren und dabei auch Widersprüche aufzuzeigen. Das sorgte für Spannung, als Zuschauer fragte man sich: Was hat "Schawi" wohl noch für Trümpfe in der Hand, welchen spielt er als nächsten? Hervorragende Recherche, gutes Faktenwissen - und die Fakten im richtigen Moment aufgetischt: So bleibt ein Gespräch lebendig, das hat mir an der ersten Ausgabe von "Schawinski" sehr gefallen. Doch dann stellte sich mir noch eine andere Frage - und die blieb leider bis am Schluss der Sendung unbeantwortet: Was wollte Schawinski mit diesem Gespräch, was war sein Ziel? Mir ist vom Premieren-Duell geblieben: Herr Hummler macht unnütze Finanzprognosen, und Herr Hummler lässt die "NZZ" in Schönheit sterben. Oder habe ich da etwas verpasst? Wollte uns Roger Schawinski etwas anderes vermitteln, ein differenziertes Bild dieses schillernden Privatbankiers? Dann scheint mir das vor allem in der zweiten Hälfte des Gesprächs nicht gelungen. Schien "Schawi" in den ersten knapp zehn Minuten an seinem Gast noch wirklich interessiert zu sein, feuerte er im zweiten Teil vor allem eine Salve von Thesen ab. Und während sich Konrad Hummler redlich Mühe gab, diese Thesen zu kontern, schien Schawinski - wie oft in seinen Interviews, wenn er in Fahrt gerät - sich für die Antworten gar nicht mehr zu interessieren, seine Meinung längst gemacht. Schade, denn so blieb es mir als Zuschauer unmöglich, mir ein eigenes Bild von Konrad Hummler zu machen. Oder war das möglicherweise gar nicht das Ziel? Ging es in der Sendung schlicht darum, den Gast zu demontieren? Dann frage ich mich: Wozu soll denn jemand in diese Sendung? Als Kanonenfutter für Selbstdarsteller "Schawis" Salven? Nein, dafür wäre die Sendezeit zu schade. Und Roger Schawinskis grosses Talent verschenkt! Er kann nämlich zuhören, wenn er will, er kann sich wirklich interessieren, er kann einordnen statt urteilen. Macht er das in Zukunft vermehrt, dann hat "Schawinski" über einen grossen Unterhaltungswert hinaus auch noch grossen Informationsgehalt - und dann kann "Schawinski" eine richtig feine Sache werden."

"Das Positive vorweg: Roger Schawinski schien mir sehr gut vorbereitet und hervorragend dokumentiert. Dadurch gelang es ihm, seinen Gast immer wieder mit früheren Aussagen zu konfrontieren und dabei auch Widersprüche aufzuzeigen. Das sorgte für Spannung, als Zuschauer fragte man sich: Was hat "Schawi" wohl noch für Trümpfe in der Hand, welchen spielt er als nächsten? Hervorragende Recherche, gutes Faktenwissen - und die Fakten im richtigen Moment aufgetischt: So bleibt ein Gespräch lebendig, das hat mir an der ersten Ausgabe von "Schawinski" sehr gefallen. Doch dann stellte sich mir noch eine andere Frage - und die blieb leider bis am Schluss der Sendung unbeantwortet: Was wollte Schawinski mit diesem Gespräch, was war sein Ziel? Mir ist vom Premieren-Duell geblieben: Herr Hummler macht unnütze Finanzprognosen, und Herr Hummler lässt die "NZZ" in Schönheit sterben. Oder habe ich da etwas verpasst? Wollte uns Roger Schawinski etwas anderes vermitteln, ein differenziertes Bild dieses schillernden Privatbankiers? Dann scheint mir das vor allem in der zweiten Hälfte des Gesprächs nicht gelungen. Schien "Schawi" in den ersten knapp zehn Minuten an seinem Gast noch wirklich interessiert zu sein, feuerte er im zweiten Teil vor allem eine Salve von Thesen ab. Und während sich Konrad Hummler redlich Mühe gab, diese Thesen zu kontern, schien Schawinski - wie oft in seinen Interviews, wenn er in Fahrt gerät - sich für die Antworten gar nicht mehr zu interessieren, seine Meinung längst gemacht. Schade, denn so blieb es mir als Zuschauer unmöglich, mir ein eigenes Bild von Konrad Hummler zu machen. Oder war das möglicherweise gar nicht das Ziel? Ging es in der Sendung schlicht darum, den Gast zu demontieren? Dann frage ich mich: Wozu soll denn jemand in diese Sendung? Als Kanonenfutter für Selbstdarsteller "Schawis" Salven? Nein, dafür wäre die Sendezeit zu schade. Und Roger Schawinskis grosses Talent verschenkt! Er kann nämlich zuhören, wenn er will, er kann sich wirklich interessieren, er kann einordnen statt urteilen. Macht er das in Zukunft vermehrt, dann hat "Schawinski" über einen grossen Unterhaltungswert hinaus auch noch grossen Informationsgehalt - und dann kann "Schawinski" eine richtig feine Sache werden."

Umfrage: Christine Schnyder