Seit der Winterthurer Regionalsender Radio Stadtfilter vor einigen Monaten seine Konzession erhalten hat, trägt ein ehrenamtliches Team um den Journalismusstudent Sven Epting für die Sendung "Verzell!" Interviews von bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten zusammen. Unter anderem waren bereits Märchentante Trudi Gerster und Denis Simonet, der Präsident der Piratenpartei zu hören. Am letzten Sonntag wäre die 37. Sendung über den Äther gegangen.
Als Gast: alt Bundesrat und SVP-Vizepräsident Christoph Blocher. Epting traf den Politiker in einer Beiz in Zürich und befragte ihn zum Thema Samichlaus. Das Gespräch, in dem Blocher frisch und frei aus seinem Privatleben plauderte etwa erzählte, wie er seine Frau kennen gelernt hat oder dass er jeweils als Samichlaus für seine Enkelkinder amtet hätte am Sonntagnachmittag ausgestrahlt werden sollen.
Doch wie die Zeitung "Der Landbote" in ihrer Mittwochsausgabe berichtet, kam es dazu nicht: Nachdem die drei Macher der Sendung im Vorfeld mehrmals auf ihren interessanten Interviewpartner aufmerksam gemacht hatten, schaltete sich die feste Redaktion des Senders ein. Nach Anhörung der Interviewsequenzen, entschied man sich gegen eine Ausstrahlung. Man habe in der Vergangenheit schon einmal Probleme gehabt wegen zu undifferenzierten Sendeinhalten, erklärte Redaktionsmitglied Dominik Dusek gegenüber "persoenlich.com".
Damals sei es um die Deutschen in der Schweiz gegangen und man sei mit harscher Kritik konfrontiert worden. Deshalb: "Wenn wir einen Politiker auftreten lassen, müssen seine Aussagen auch kritisch, also politisch, hinterfragt werden. Das gilt insbesondere für Blocher. Dafür bietet das Gefäss 'Verzell!' aber nicht den richtigen Rahmen." Es handle sich aber keineswegs um Zensur, betonte Dusek. Es sei einzig eine Frage des angemessenen Formats.
Das sehen die Sendungsmacher anders: "In der Sendung geht es um Unterhaltung, ohne jegliche Wertung", sagte Epting gegenüber "persoenlich.com". "Wir reden mit den Leuten übers Leben, mehr nicht. Blocher erzählt in dem Interview Dinge über sein Privatleben, die man so noch nicht gehört hat." Als Reaktion auf den Entscheid der Redaktion, hat das "Verzell!"-Team beschlossen, die Zusammenarbeit mit Stadtfilter zu beenden und die Sendung einzustellen.
"Wir fühlen uns von der Redaktion nicht mehr getragen", sagt Epting enttäuscht, betont allerdings, dass man im Guten auseinander gegangen sei. Doch den Vorwurf, dass die Sendung zu unkritisch und unausgewogen geworden wäre, lässt er nicht gelten: "Die Objektivität ist nur schon dadurch gegeben, dass sich die Hörer per Telefon einschalten können."
Im Internet-Gästebuch von Radio Stadtfilter finden sich etliche positive wie negative Reaktionen. Inzwischen pflichten viele Dusek bei, der im Interview mit dem "Landboten" meinte: "Blocher ist, weil er sich über viele Jahre exponiert hat, oft in Richtung Rassismus oder Nationalismus, selber schuld daran, dass bei seinen Auftritten immer viel Subtext mitschwingt. Wenn er von Kindheit und Samichlaus erzählt, erzählt er auch von seinem reaktionären Familienbild." (ads)