Streichelzoo statt Schlagabtausch: Der mit Spannung erwartete Auftritt von Fifa-Präsident Sepp Blatter am Montagabend in der SF-Sendung "Schawinski" vermochte viele von Blatters Kritiker nicht wirklich zu überzeugen.
Hier wird härter gekämpft: Zwei Zwergziegen im Zürcher Zoo, unweit des Fifa-Hauptsitz. (Bild: Keystone)
Roger Schawinski habe es an Hartnäckigkeit gefehlt, er habe auch nicht nachgehakt und zuwenig nachdrücklich konkrete Antworten eingefordert, wird bemängelt. Auffallend jedenfalls ist: Bei anderen Gästen, etwa bei SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli vor einer Woche oder bei GLP-Parteipräsident Martin Bäumle, agierte Schawinski weitaus schärfer.
Zu wenig kritisches Nachhaken
Besonders unzufrieden ist Christian Engeli, Mediensprecher von Solidar Suisse. Solidar Suisse und die Zürcher Werbeagentur Spinas Civil Voices hatten an Ostern eine virale Kampagne lanciert, um Druck auf die Fifa und Sepp Blatter zu machen (persoenlich.com berichtete). Was Engeli durch die Sendung "Schawinski" erfahren habe, sei enttäuschend gewesen. "Das war ein Streichelzoo. Wir durften 30 langweilige Minuten lang zwei netten alten Männern zuhören, die bemüht waren, alle kritischen Fragen möglichst schnell und einvernehmlich beiseite zu schieben. Männerfreundschaften sind etwas Schönes - für dieses Sendeformat und für die Person Sepp Blatter aber völlig fehl am Platz", sagt Engeli auf Anfrage von persoenlich.com. Er weist auf die breitangelegte Aktion von Solidar hin, bei der im Vorfeld über 3600 Personen Roger Schawinski per Mail aufgefordert hätten, sechs kritische Fragen zur WM 2014 zu stellen. Doch offenbar sei dieser Appell nicht gehört worden. Engeli zeigt sich ernüchtert: "Schawinski ist aber in Ehrfurcht vor dem grossen Sepp erstarrt und hat offensichtlich sämtlichen kritischen Text vergessen. Anders ist nicht zu erklären, weshalb der sonst gewiefte Journalist nie nachgehakt hat, wenn Blätter elegant PR für die eigene Person betrieben hat, statt zu den im Raum stehenden Vorwürfen Stellung zu beziehen."
Auch Matthias Freuler, Creative Director bei Spinas Civil Voices, welche den Viral-Spot mit dem tanzenden Sepp Blatter konzipiert hat, findet keine positiven Worte zur Schawinski-Sendung: "Da sassen zwei ältere, wesensverwandte Machtmenschen zusammen und plauderten sich in bester Laune durch die 30 Sendeminuten. Die Fragen waren zwar gut und zum Teil auch recht giftig, aber leider gab sich Schawinski mit den Antworten viel zu schnell zufrieden. Der Pitbull aus den guten, alten Doppelpunkt-Zeiten war gestern kaum mehr zu erkennen", so Freuler. Dabei hätte er gerne auf die eine oder andere Frage eine konkrete Antwort gehabt. Zum Beispiel hätte es ihn interessiert, "ob es denn für die Fifa okay sei, dass für die WM 2014 über 150'000 Brasilianer aus ihren Behausungen vertrieben werden müssen".
Blatter und Schawinski mit Sendung zufrieden
Weniger kritisch sind die Hauptdarsteller der Sendung mit ihrer eigenen Leistung. Die Tatsache, dass Sepp Blatter über Twitter die aktuellste "Schawinski"-Sendung verlinkte, zeigt, dass der Fifa-Boss mehr als zufrieden ist mit seinem Auftritt: "I had a good interview with M. Schawinski on SF1 yesterday, some interesting topics were discussed", liess er seine 253787 Follower wissen.
Gastgeber Roger Schawinski selber kann mit den Vorwürfen nichts anfangen: "Es war das erste grosse Interview von Sepp Blatter seit längerem. Konkretere Antworten zu heiklen Vorwürfen sind von ihm kaum zu haben, etwa in Bezug auf seine Beziehungen zu Bin Hammamm. Das wusste ich bereits im Voraus", sagt er gegenüber persoenlich.com. Und er fügt an: "Dann wirft Blatter auch gezielt Nebelgranaten. Etwa, wenn er mir sagt, es werde gefährlich für mich, wenn ich das Thema der WM-Vergabe von Katar aufbringe. Obwohl ich nachhakte war damit klar, dass er sich zu dieser heiklen Frage schlicht nicht äussern will. Das ist ihm aus nachvollziehbaren Gründen zu heiss." Mit Blick auf den ganzen 30-Minuten-Talk, der am Montag einen Marktanteil von 18,1 erreichte, sagt der bekannte Talkmaster: "Ich glaube das Gespräch war sehr informativ, ohne dass es durch zu viele Details der äusserst komplexen Zusammenhänge unverständlich wurde."
Schawinski ist sehr stolz auf seinen Gast
Schawinski erklärt zudem, er habe sich sehr intensiv vorbereitet und lange recherchiert. "Dies war absolut notwendig. Denn Sepp Blatter ist natürlich mit allen Wassern gewaschen. Etwa, wenn ich ihn frage, ob es bei einem so grossen Unternehmen wie der Fifa noch tragbar sei, dass er Einzelunterschrift habe und er entrüstet antwortet, das sei falsch. Im nächsten Satz fügt er dann aber hinzu, dass er seine Einzelunterschrift noch nie missbraucht habe. "Da muss man sich als Interviewer warm anziehen".
Auf die Frage, ob er Sepp Blatter für das Gespräch angefragt habe oder ob es auf Wunsch des Fifa-Präsidenten selber oder seinen Kommunikationschef Walter de Gregorio zustande kam, antwortet Schawinski: "Es war nicht einfach, Sepp Blatter davon zu überzeugen, zu mir zu kommen. Aber schliesslich habe ich es geschafft, und bin sehr stolz darauf. Vielleicht ist dies nicht mein letztes Interview mit Sepp Blatter, vor allem dann nicht, wenn er 2015 nochmals als Fifa-Präsident kandidiert, wie er in meiner Sendung Achtung Primeur zum ersten Mal angedeutet hat."
Text: Edith Hollenstein