20.02.2015

Blick

Serie "Erfolgreiche Frauen" mit Nina Merli und Barbara Lienhard

"Als Chef muss man 100 oder mindestens 80 Prozent arbeiten": Dass das nicht stimmt, beweisen Nina Merli und Barbara Lienhard. Die beiden sind zu je 50 Prozent angestellt und leiten gemeinsam das 13-köpfige Lifestyle-Ressort der Blick-Gruppe. In einer weiteren Folge unserer Serie "Erfolgreiche Frauen" erklären die beiden Chefinnen, warum es hilft, dass Ringier einen Teil der Kita-Kosten zahlt und worauf es ankommt, wenn man sich über längere Zeit eine Stelle teilen will.
Blick: Serie "Erfolgreiche Frauen" mit Nina Merli und Barbara Lienhard

Frau Lienhard und Frau Merli, wenn Sie abends einschlafen: Sind Ihre letzten Gedanken bei der Arbeit oder bei der Familie?
Barbara Lienhard (rechts im Bild): An meinen Arbeitstagen beim Job. Beim Zähneputzen höre ich immer den Newssender von SRF und überlege mir, ob vielleicht eine Geschichte für den nächsten Tag dabei ist. Wenn ich nicht arbeite, konzentriere ich mich auf meine Familie. Meine Mails checke ich natürlich trotzdem, und bin auch immer für meine Stellenpartnerin erreichbar.

Nina Merli: Bei mir ist es ähnlich. Ich versuche, Beruf und Familie so gut wie möglich zu trennen. Bevor ich das Büro verlasse, versuche ich den nächsten Arbeitstag bereits in groben Zügen zu planen. So kann ich abends abschalten, mich der Familie widmen – und auch besser schlafen.

Wie teilen Sie sich die Ressortleitung auf?
BL: Wir sind beide je in einem 50-Prozent-Pensum angestellt. Ich arbeite jeweils Montag und Dienstag und jeden zweiten Mittwoch.

NM: Ich arbeite Donnerstag und Freitag und jeden zweiten Mittwoch. Diese Arbeitsteilung hat sich bewährt, denn bei der Tagespresse macht es keinen Sinn, nur einen halben Tag anwesend zu sein.

Haben Sie sich gemeinsam auf diese Stelle beworben?
BL: Als die Leitung des Lifestyle-Ressorts Ende 2012 frei wurde, war ich die stellvertretende Ressortleiterin - und frisch schwanger. Das Angebot von Ringier, die Ressortleitung zu übernehmen, brachte mich in eine schwierige Situation: Auf einer Seite die spannende Herausforderung und ein Karriereschritt im Job, auf der anderen Seite die Aussicht, bald ein Kind zu bekommen. Ich kenne Nina schon länger und erzählte ihr von meinem Dilemma. Im Gespräch kamen wir auf die Idee, uns gemeinsam um die Ressortleitung zu bewerben.

NM: Wir waren unsicher, ob unsere Idee auf Anklang stossen würde, doch wir sagten uns: Wir können es ja einfach versuchen.

BL: Bei Ringier ging unsere Bewerbung dann aber erstaunlich schnell und problemlos durch die verschiedenen Instanzen.

Welcher Chefredaktor ermöglichte dies?
BL: Alle drei Chefredaktoren gemeinsam, also Rolf Cavalli, Peter Röthlisberger und Ralph Grosse-Bley. Ralph Grosse-Bleys Unterstützung erstaunt am meisten, denn er galt als ziemlich machoid (lacht). Sogar unter testosterongesteuerter Führung wurde unser Modell durchgewinkt und war nie bestritten.

Was ist wichtig, wenn man sich eine Stelle teilt?
NM: Wir können uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen. An meinen freien Tagen, also an denjenigen Tagen, an denen ich nicht arbeite, überlasse ich die Verantwortung voll und ganz Barbara.

BL: Transparenz und häufige Kommunikation sind sehr wichtig. Wir müssen und gegenseitig oft und regelmässig auf den aktuellen Stand bringen.

NM: Das ist heutzutage mit der digitalen Kommunikation und Tools wie google.docs etc. keine grosse Sache. Sehr wichtig ist auch, dass man die Aufgaben wirklich gemeinsam bewältigen will. Sobald sich eine von uns beiden etwas mehr engagieren und sozusagen der "Chef-Chef" des Teams sein wollte, würde dieses Modell nicht mehr funktionieren. Im Jobsharing muss man zusammenhalten, sich auf keinen Fall gegenseitig ausspielen oder anschwärzen. Nur wer am gleichen Strick zieht, kommt weiter.

Welche Vorteile hat dieses Modell für den Arbeitgeber?
BL: Ringier profitiert davon, dass zwei Personen mitdenken und Themeninputs einbringen.

NM: Auch das Netzwerk ist grösser, denn jede von uns hat im Laufe ihrer Karriere viele – und auch unterschiedliche - Kontakte geknüpft.

NM: Unsere Arbeit hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Onlinejournalismus hat wahnsinnig viel Tempo in unsere Branche gebracht, was durchaus spannend ist. Aber während man früher viel mehr Zeit für einen Artikel hatte, steht man heute enorm unter Zeitdruck. Ein Teilzeitpensum brennt einen mit Sicherheit nicht so schnell aus. Ausserdem kommen einem die wirklich guten Ideen oft, wenn man nicht vor dem Bildschirm sitzt und einen "freien Kopf" hat. Man ist frischer und weniger ausgepowert, als wenn man permanent am Limit läuft.

Auch Männern würde Jobsharing gut tun.
NM: Klar. Wäre es gesellschaftlich akzeptierter, könnten sich viele Männer auch so organisieren.

Hilft Ihnen Ringier dabei, Familie und Beruf zu vereinbaren?
NM: Es ist löblich, dass sich Ringier je nach Einkommen an den Kita-Kosten beteiligt. Das ist eine grosszügige und hilfreiche Geste.

BL: Man spürt, dass Ringier ein Familienbetrieb ist. Ich denke, bei uns ist generell mehr möglich als in einem börsenkotierten Unternehmen.

Inwiefern gibt es in Ihrem eigenen Team Mitarbeiter, die eine Stelle auf zwei Personen verteilen?
BL: Unser Team umfasst 13 Mitarbeiter. Abgesehen von einem einzigen Mitarbeiter sind alle kinderlos und arbeiten entweder 100 Prozent oder reduziert. Eine 50:50-Aufteilung gibt es nicht. Natürlich würden wir ein solches Jobsharing unterstützen.

Im Journalismus arbeitet man sehr schnell und viel, muss abends oft länger bleiben. Wie vereinbaren Sie dies mit der Familie?
NM: Im Lifestyle-Ressort arbeiten wir nicht ganz so unter Zeitdruck wie andere Ressorts, da wir nicht so stark an die Tagesaktualität gebunden sind. Wir können gut im Voraus planen und es kommt – abgesehen von Abendanlässen, die ja ebenfalls planbar sind – selten zu spontanen Überstunden am Abend.

Auch das Blick-Politik-Ressort hat eine Doppelführung. Ihr Modell ist also auch für Männer möglich?
BL: Beim Politik-Ressort ist es anders aufgeteilt. Dort arbeiten Matthias Halbeis (im Newsroom in Zürich) und Joel Widmer (im Bundeshaus-Büro in Bern) je 80 Prozent und teilen sich die Führung.

Arbeiten Sie also genau deshalb, aufgrund der besseren Planbarkeit, im Lifestyle-Ressort? Oder anders gefragt: Verzichten Sie bewusst auf eine Karriere im News, Polit- oder Wirtschaftsressort, weil es dort viel hektischer zu und her geht? Sie, Frau Merli, waren ja vorher bei "Facts", "Annabelle" und Newsnetz: Ist Lifestyle beim "Blick" kein Abstieg?
NM: Nein, überhaupt nicht. Eine Ressortleitung im Newsroom, wo man ein Team führt, das gleich mehrere Titel ("Blick", "Blick am Abend", "Sobli", blick.ch und blickamabend.ch) bedient, ist eine Herausforderung. Ich hätte das Jobsharing übrigens auch ohne Kind angenommen.

… auch wenn es nur die Leitung des Lifestyle-Ressort ist.
NM: Ja, auch wenn es "nur" Lifestyle“ ist. "Lifestyle" beinhaltet ja nicht nur Mode und Beauty, sondern auch Gesundheit, Ernährung oder Wissen. Bei anderen Titeln heisst das Ressort "Leben" oder "Gesellschaft" – das Themenspektrum ist das gleiche. Wenn andere bei "Lifestyle" die Nase rümpfen oder als journalistisch minderwertig empfinden, ist mir das egal. Die US-Ausgabe von "Vanity Fair" ist ein klassisches "Lifestlye-Magazin" und hat immer hervorragende Artikel.

Sie, Frau Lienhard, schreiben über Valentinstagsgeschenke oder Sextipps à la "Fifty Shades of Grey".
BL: Ich habe ein unverkrampftes Verhältnis zur Unterhaltung. Unsere Geschichten sollen die oft harten Themen aus den aktuellen News ergänzen und guten Lesestoff bieten.

Sie beiden machen nicht den Eindruck, stark gestresst zu sein. Sind Sie tatsächlich vollständig zufrieden mit der momentanen Situation?
NM: Ja, ich bin sehr zufrieden. 
BL: Dem kann ich mich nur anschliessen. 
 

Was wollen Sie noch erreichen?
NM: "Nachhaltigkeit" wird für mich immer wichtiger. Ob dies nun deshalb in den Vordergrund tritt, weil ich ein Kind habe, selber älter werde oder weil das Thema momentan sowieso en vogue ist, weiss ich nicht. Doch ich stelle bei mir fest, dass ich gerne etwas machen würde, das nachhaltig eine Veränderung bringt.

BL: Langfristig würde ich gerne wieder mehr Reportagen und längere Artikel schreiben.
 
Interview: Edith Hollenstein; Bild: Ringier

 



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