Simone Rau im Interview

Journalistinnenpreis - Die Tagi-Journalistin spricht über junge Journalisten.

Dass es keineswegs an talentierten Nachwuchsjournalisten mangelt, beweist Simone Rau. Sie hat den Preis des deutschen Journalistinnenbundes erhalten - für einen hochstehenden Artikel, der während ihres MAZ-Studiums entstand. Wäre diese ausdauernde Recherche auch jetzt möglich, da sie Inlandredaktorin beim "Tages-Anzeiger" ist? Im Interview mit persoenlich.com spricht die 32-Jährige über ihren Artikel und Frauen im Journalismus. Zum Text:

Frau Rau, herzliche Gratulation zum Preis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Diese Auszeichnung bedeutet mir enorm viel. Dies ist einerseits der erste Preis, den ich für meine Arbeit als Journalistin erhalte. Andererseits liegt mir die Geschichte dieser Mutter, die ihre kleine Tochter immer wieder bewusst krank macht, um sie dann – vordergründig fürsorglich – gesund zu pflegen, sehr am Herzen. Ich habe viel Zeit und Energie investiert. Die Recherche, die sich über vier Monate hinzog, brachte mir einige schlaflose Nächte. Dass nun die Jury meinen Text für so gut befunden hat, das freut mich natürlich und bedeutet mir viel.

Ein deutscher Preis ging erstmals an eine Schweizerin. Hat dies bei der Preisvergabe für besondere Aufmerksamkeit gesorgt?

An der Preisverleihung wurde schon betont, dass dieser Preis nun erstmals in die Schweiz geht. Ich kann aber nicht beurteilen, inwiefern dies für die Jury speziell war.

Der Preis wurde vom deutschen Journalistinnenbund vergeben, einem 1987 gegründeten, frauenpolitischen Verein mit rund 500 Mitgliedern. Was sind das für Frauen, die sich dort engagieren?

Die meisten von ihnen sind Journalistinnen. Es gibt aber auch Frauen, die anderweitig publizistisch tätig sind, Verlegerinnen und Autorinnen zum Beispiel.

Was halten Sie von solchen Initiativen zur Frauenförderung?

Ich finde es sinnvoll, dass es solche Initiativen gibt. Das sag ich jetzt nicht nur, weil ich deswegen einen Preis gewonnen habe. Der Journalistinnenbund bietet Frauen die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, ein Netzwerk aufzubauen und wenn immer nötig um Hilfe zu fragen. Zudem bietet er jungen Frauen einjährige Mentoring-Programme an, wie es sie auch in Politik und Wirtschaft gibt. Solch gezielte Förderung kann bestimmt nicht schaden.

Machen Frauen einen anderen Journalismus als Männer?

Ich glaube nicht, dass Frauen grundsätzlich anders schreiben als Männer. Aber sie gehen mit Sicherheit anders an Themen ran, haben eine andere Perspektive. Dadurch kommen ihre Artikel dann wohl doch etwas anders raus, als wenn sie von Männern geschrieben worden wären.

Im Januar wurde Ihr Text im "Magazin" veröffentlicht. Es gab viele Reaktionen, nehme ich an.

Ja, ich hatte noch nie auf einen Text so viele Reaktionen wie auf diesen. Einige hatten noch nie vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom gehört. Andere meldeten sich, weil sie Ähnliches erlebt hatten und dankbar waren, das Erlebte nun besser einordnen zu können.

Wie ist Ihr Text "Krankpflegerin" entstanden?

Die Idee, irgendwann einmal etwas zum Münchhausen-Stellvertretersyndrom zu machen, habe ich über drei Jahre mit mir herumgetragen. Doch ich wusste, dass ich dafür viel Zeit und Energie brauchen würde. Im Rahmen meiner Diplomarbeit am MAZ beschloss ich dann, das Thema anzupacken und trat als erstes mit diversen Kinderschutzgruppen an Schweizer Spitälern in Kontakt. Überall fragte ich die Ärzte, ob sie schon vom Münchhausen-Stellvertretersyndrom gehört hätten, ob sie mir entsprechende Fälle schildern könnten. So wurde ich auf diesen einen Fall aufmerksam, bei dem sogar eine Vormundschaftsbehörde und auch das Gericht involviert waren. Schon bald realisierte ich, mit welcher Tragik diese Geschichte für alle Beteiligten verbunden ist. Tragisch für das Kind natürlich, aber auch für die Mutter, die ganz offensichtlich ein psychisches Problem hat, und für die Ärzte: Sie machten sich zum Teil noch heute Vorwürfe, warum sie die tatsächliche Ursache der Krampfanfälle des Kindes nicht vorher bemerkt haben.

Vier Monate dauerte Recherche. Sie hatten aber gleichzeitig noch andere Aufgaben.

Ja, ich hatte damals beim "Tages-Anzeiger" gerade vorzeitig vom Volontariat fest in das Inlandressort gewechselt und absolvierte daneben die letzten Monate meiner Diplomausbildung am MAZ. Natürlich hatte ich auf der Redaktion in erster Linie meine Aufgaben im Tagesgeschäft zu erledigen. In der Endphase nahm ich dann eine Woche frei, um alle Interviews zu führen und den Text zu schreiben. Eine zweite Woche bekam ich von der Redaktion im Rahmen meiner MAZ-Ausbildung geschenkt.

Wäre eine solch intensive Recherche auch jetzt möglich, wo Sie nicht mehr am MAZ sind, sondern in einer Festanstellung beim "Tages-Anzeiger"?

Ich bin beim "Tages-Anzeiger" zu 90 Prozent angestellt. Etwas Luft für andere Projekte hab ich also schon. Und ich könnte ja auch Ferien nehmen, wenn ich wieder mal auf eine spannende Geschichte stosse. Grundsätzlich ist es derzeit aber sicher schwieriger für mich, intensive Recherchen zu Themen ausserhalb des Inlandressorts und des "Tages-Anzeigers" zu betreiben.

Welches waren die Schwierigkeiten bei dieser Geschichte?

Das waren zwei Dinge. Erstens, überhaupt an einen Fall zu kommen. Die Ärzte und die Vormundschaftsbehörde unterliegen ja grundsätzlich der Schweigepflicht. Hätten sie nicht mit mir gesprochen, wäre nichts aus der Geschichte geworden. Zweitens, die Phase kurz vor der Abgabe. Da bekam eine der involvierten Personen plötzlich kalte Füsse und wollte die Publikation verhindern.

Auffallend ist der Verzicht auf direkte Rede, die Personen kommen nie selber zu Wort. Warum?

Ich führte Gespräche mit allen involvierten Ärzten und der Vormundschaftsbehörde, doch ich war nie direkt dabei bei diesem Fall. Ich konnte keine Arzt-Behandlungen, geschweige denn die Misshandlungen der Mutter selbst beobachten. Um trotzdem eine Reportage schreiben zu können, war ich daher auf möglichst genaue Schilderungen aller Involvierten angewiesen. Ich entschied mich für diesen Stil, weil die direkte Rede den Umständen nicht gerecht geworden wäre. Und es erschien mir irgendwie passender, weil vielleicht auch lakonischer.

Wie hat sich der "Fall Sara" entwickelt? Haben Sie noch Kontakt zu der beschriebenen Familie?

Zur Familie habe und hatte ich keinen Kontakt, hingegen noch heute zu einigen der involvierten Ärzte. Doch auch sie wissen nicht, wie es dem Kind jetzt geht. Die Familie wechselten nach den aufgedeckten Vorfällen die Ärzte. Man kann nur hoffen, dass das Kind unbeschwert aufwächst. Es besucht mittlerweile die Primarschule.

Wissen Sie, ob die Familie noch in der Schweiz ist?

Man weiss nur, dass die Familie noch in der Gemeinde wohnt, wo sie vorher gewohnt hat.

Warum wollten Sie Judiths und Saras Geschichte öffentlich machen?

Ich sah es als meine Aufgabe an, den Leuten zu sagen: Hey, dieses Münchhausen-Syndrom gibt es! Ich wollte eine Art Öffentlichkeitsarbeit leisten. Denn ich begegnete bei meiner Recherche vielen Leuten, die nicht wussten, dass es dieses Syndrom gibt, darunter auch Ärzte. Ich dachte mir: Je mehr darüber geschrieben wird, desto bekannter wird es. Und im besten Fall können andere Fälle sogar früher aufgedeckt werden. Auch wenn das nach einem hehren Ziel klingt.

Wie kam es zur Veröffentlichung im "Magazin"?

Ich merkte rasch, dass das, was die Ärzte mir erzählen, mehr hergibt als ein Hintergrund-Artikel beim Tagi. Ich brauchte mehr Platz. Daher fragte ich beim "Magazin" an, bei Finn Canonica und Martin Beglinger. Die beiden waren von Beginn weg interessiert und sagten: Mach das für uns. So konnte ich so viel schreiben, wie ich wollte, das war eine grosse Chance für mich.

Sie stiessen also rasch auf offene Ohren. Doch generell heisst es, dass es für junge Journalisten schwieriger wird, eine Plattform zu bekommen, wo sie ihre publizistischen Talente beweisen können. Was sagen Sie dazu?

Es ist sicher schwieriger geworden, in den Journalismus hineinzukommen. Früher brauchte es nicht ein Studium, zwei, drei Praktika und dann noch ein Langzeit-Volontariat, bis man eine Stelle als Redaktorin bekam. Ältere Journalisten sagten mir, dass früher etwas Glück und Talent reichte. Heute müssen Berufseinsteiger oft Umwege machen, bis sie am Ziel sind. So war es jedenfalls bei mir. Und irgendwann öffnet sich dann immer irgendwie ein Türchen: Während meines Volontariats wurde im Inland eine Stelle frei, und mein jetziger Chef bot sie mir an – ein Glücksfall.

Wie hoch war das Honorar?

Dazu möchte ich mich nicht näher äussern. Für eine Diplomarbeit am MAZ war es aber auf jeden Fall grosszügig. Und dank einem Nachdruck des Artikels im "Süddeutschen Zeitung Magazin" kam noch ein zweites Honorar dazu.

Die Rahmenbedingungen für Journalisten haben sich in den letzten Jahren stark verändert, viele klagen darüber. Gibt es auch positive Entwicklungen?

Positiv ist, dass sich neue Berufsfelder eröffnen. Junge Journalisten lernen heute nicht nur zu texten, sondern auch Videos zu drehen, sie zu vertonen. Sie können dann beispielsweise einfacher von einer Zeitung zum Fernsehen wechseln. Oder umgekehrt. Und wir haben das Internet zum Recherchieren, das macht vieles einfacher.

Sie sind seit einem Jahr Inlandredaktorin beim "Tages-Anzeiger". Eine Traumstelle?

Auf jeden Fall. Die Themen sind spannend und für viele Bereiche unseres Alltags relevant. Anfangs war es nicht ganz einfach, meinen Platz in diesem doch recht anspruchsvollen Ressort zu finden. Aber jetzt - nach einem Jahr – fühle ich mich immer sicherer und wohler.

Wollen Sie allenfalls wieder zurück zum Schweizer Fernsehen?

Momentan ist Print das Richtige für mich und genau das, was ich machen will. Doch Fernsehen interessiert mich nach wie vor, und ich will nicht ausschliessen, dass die Arbeit als TV-Journalistin irgendwann wieder ein Thema für mich wird. Doch momentan kann ich meine Fähigkeiten im Printjournalismus ideal einbringen. Und sowieso würde ich das Schreiben wohl vermissen, wenn ich zum Fernsehen wechselte.

Und längerfristig?

Generell will ich einfach eine möglichst gute Inlandredaktorin werden und möglichst viele spannende Geschichten machen, über die man spricht. Und dabei auch Themen beackern, die sonst im Inland-Teil eher vergessen gehen. Alles andere lasse ich auf mich zukommen. Träume gibt’s schon.

Was machen Sie mit der Urkunde und den 1‘000 Euro Preisgeld?

Mir und meinem Freund ein schönes Abendessen leisten. Und was Nettes zum Anziehen dazu.

Interview: Edith Hollenstein