Schweizer Radio und Fernsehen (SRF)
«Lange galt die 2G-Regel als Tabu, als nicht mehrheitsfähig in der Schweiz. Obwohl alle Nachbarländer ihre Massnahmen verschärften, Österreich sogar einen Lockdown beschloss, hielt man in der Schweiz am Sonderweg fest. (…) Fraglich ist, ob der Tabubruch mit der 2G-Regel jetzt nicht zu spät kommt. So spät, dass sogar Teilschliessungen wieder ein Thema werden. Zu lange galt das Motto ‹Abwarten und Beobachten›. (…) Der Bundesrat hat vorsorglich zwei Varianten in die Vernehmlassung geschickt, in der Hoffnung, dass sie nicht nötig sein werden. Und doch: Die Frage dürfte nicht sein, ob eine der beiden Varianten umgesetzt wird, sondern welche.»
«Mitte Dezember (…) entscheidet der Bundesrat, welche der neuen Massnahmen, die er heute Freitag vorgeschlagen hat, tatsächlich umgesetzt werden. Bis dahin dürfte zwar klarer sein, wie sein Massnahmenpaket von letzter Woche wirkt. Die jüngste Entwicklung lässt aber wenig Hoffnung zu, dass es die fünfte Ansteckungswelle so schnell wie nötig brechen kann. (…) Sollten die Fallzahlen nicht bald deutlich zurückgehen, kommen die neuen Massnahmen für die Spitäler zu spät. Dann wird es gefährlich an Weihnachten. (…) Das Risiko einer Eskalation wäre kleiner, wenn der Bundesrat die nun vorgeschlagenen Massnahmen sofort beschlossen hätte. Grossflächig 2-G mit Maske oder Test, obligatorisches Homeoffice, Einschränkungen für Ungeimpfte auch im Privaten.»
«Die Massnahmen (…) zeigen, wie fahrlässig die Politik seit Ausbruch der Pandemie mit unserer Freiheit umgegangen ist. Nie hätte es so weit kommen dürfen, dass wir keinen Handlungsspielraum mehr haben. (…) Handlungsspielraum hätten wir hier und heute, wenn die Behörden rechtzeitig für den Ausbau der Intensivpflegekapazitäten gesorgt hätten. Handlungsspielraum hätten wir jetzt, wenn wir mit den Auffrischimpfungen für die gesamte Bevölkerung schon durch wären, anstatt damit jetzt anzufangen. Wenn wir allen Bürgern bereits nach fünf Monaten einen Booster hätten anbieten können, statt bürokratisch auf der Sechs-Monate-Spanne zu beharren. Handlungsspielraum hätten wir, wenn es für alle Bürger leicht erreichbare, kostenlose und zuverlässige Testmöglichkeiten gäbe. (…) Handlungsspielraum hätten wir jetzt, wenn wir unsere Kinder, die derzeit aus den Schulen das Virus in die Familien tragen, längst geimpft hätten. (…) Handlungsspielraum hätten wir jetzt, wenn wir Bürger die einfachsten Regeln befolgt hätten: Kontakte einschränken, Abstand halten und Maske tragen. Die Verfassung verspricht uns die Freiheit; für den dafür notwendigen Handlungsspielraum sind wir als Gesellschaft – und damit auch jeder Bürger als Individuum – verantwortlich. Dass der Bundesrat der drohenden Triage auf den Intensivstationen (…) nichts anderes mehr entgegenzusetzen weiss als weitere massive Einschränkungen, zeigt letztlich, wie unverantwortlich er mit der Freiheit seiner Bürger umgegangen ist.»
«Viel Spielraum hat der Bundesrat nicht mehr. Wenn das Virus weiterhin so grassiert, die Hospitalisationen steigen und steigen, muss er handeln. Sonst ist die Überlastung der Spitäler nur eine Frage der Zeit. Die wissenschaftliche Taskforce hat schon vor zweieinhalb Wochen davor gewarnt. Doch die Politik zögerte lange. (…) Und nun also, als angedachter nächster Schritt, die 2G-Regel mit Maskenpflicht. Eine Massnahme, von der es noch vor einem Monat hiess, sie werde wohl nicht nötig werden (Alain Berset) und würde von der Bevölkerung vermutlich nicht akzeptiert (Karin Keller-Sutter). (…) Klüger werden ist erlaubt, gar erwünscht – gerade in dieser Pandemie. (…) Daher ist es zu begrüssen, dass der Bundesrat jetzt sagt, welche nächsten Schritte er ins Auge fasst. Immerhin wissen wir nun, was auf uns zukommen könnte.»
«Der Bundesrat setzt endlich auf eine breite 2G-Regel und stellt sogar einen Teil-Lockdown zur Diskussion. (…) Es ist offensichtlich: Der Schweizer Weg ist – einmal mehr – gescheitert. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Überlastung der Spitäler über die Festtage mit beiden (vom Bundesrat vorgeschlagenen, die Red.) Varianten verhindert werden kann. (…) Die neuen Massnahmen des Bundesrats werden wohl erst in einer Woche in Kraft treten. Das wäre zu spät für die Weihnachtstage. (…) Andere Länder haben die Notbremse gezogen. (…) In der Schweiz aber werden sich die gefürchteten Triagen in den Spitälern nicht abwenden lassen. Die Taskforce des Bundes warnt, dass bis Weihnachten mit 400 Covid-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivpflegestationen zu rechnen sei, falls der aktuelle Trend nicht gebrochen werde. Und Weihnachten ist nicht heute, aber doch schon in zwei Wochen.» (sda/cbe)