Herr Büchi, Sie haben einst bei Energy ein Facebook-Verbot verhängt. Was war der Grund?
Wir haben damals festgestellt, dass die meistbesuchten Seiten unserer Mitarbeiter nicht mehr primär Informationsquellen waren, sondern eben Seiten wie Facebook und waren natürlich schockiert. Einige Tage nach dem Verbot wurde bekannt, dass wir bei der Konzessionsausschreibung nicht berücksichtigt wurden. Innerhalb von Minuten organisierten sich auf Facebook verschiedene Gruppen, die für eine Rettung von Energy kämpften. Das Ganze nahm eine für mich noch nie gesehene Eigendynamik an. Auf Initiative unserer Mitarbeiter sind wir auf die Sympathiewelle eingestiegen. Das Verbot war vergessen und eine Strategie geboren. Heute haben wir 50000 Facebook-Fans und gehören zu den grössten Mediensites im deutschsprachigen Europa. Meine Mitarbeiter müssen heute noch schmunzeln, wenn ich von unserer Erfolgsstory mit Facebook erzähle. Ich kann aber leider nicht sagen, dass ich es erfunden hätte... (Büchi schmunzelt)
Beschränken sich die Social-Media-Aktivitäten nur auf Facebook?
Social Media hat sich in den letzten Jahren zu einem Schlagwort entwickelt, unter dem sämtliche Plattformen und soziale Netzwerk zum Austausch von User-generiertem Content und zur Interaktivität zwischen und zu Usern zusammengefasst werden. Facebook ist nur ein Teil davon, zwar im Moment ein relativ wichtiger Teil, aber es gibt auch noch andere Plattformen wie Twitter, Youtube, Netlog, Flickr und andere.
Ihre Zielgruppe, das behaupte ich mal, kennt keine Schallplatten und wächst in einer Zeit auf, in der digitale Technologien selbstverständlich sind. Sie tummeln sich auf Facebook, Youtube, bei iTunes und in Netzwerken wie Myspace. Verliert das UKW-Radio langfristig an Bedeutung?
Auch das Medium Radio wird nicht darum herumkommen sich anzupassen und sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Viele hätten sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen können, dass ein Radio einmal ein Team von Entwickler für mobile Apps und Webapplikationen oder zum Beispiel einen Social-Media-Verantwortlichen beschäftigt. Bei Energy ist das heute so. Der klassische UKW-Kanal wird noch für einige Zeit unser Hauptkanal und auch unsere Haupteinnahmequelle bleiben. Darum herum bauen wir aber mit Hochdruck ein Universum mit Webradios, mobilen Apps, Social Media und Events wie das Energy Stars For Free oder die Energy Fashion Night auf.
Sehen Sie in der Kombination von Web und Radio einen Vorteil, den andere Medien nicht haben?
Beide Kanäle sind schnell, hochaktuell und man kann mit den Hörer und Usern interagieren. Das ist sicherlich ein Vorteil, den andere Medien so nicht haben.
Was motiviert Sie und Ihr Team, mit den Usern in Kontakt zu treten?
Je näher wir an unseren Hörern dran sind, desto mehr wissen wir über die Dinge, die sie bewegen und desto besser können wir diese Erkenntnisse in unser Produkt einfliessen lassen. Wir haben zum Beispiel auch schon redaktionelle Geschichten aufgrund von Eintragungen in Facebook generiert.
Warum würden Sie Energy Zürich als Erfolgsstory im Bezug auf Social Media bezeichnen?
Energy Zürich hat aktuell über 50000 Fans auf Facebook. Kein anderes Medium in der Schweiz kann ähnliche Zahlen vorweisen. Ein Schweizer Privatradio hat durchschnittlich zwischen 500 und 4000 Fans. Überdurchschnittlich erfolgreich sind zum Beispiel Radio 105 mit über 5000 Fans, Radio 32 mit über 6000 oder Radio FM1 mit sogar 18000 Fans. DRS3 hat rund 13500 Freunde. Aber selbst 20 Minuten kommt nur auf knapp über 20000 Fans. Sogar im internationalen Vergleich mit anderen Radiostationen gehören wir zur Spitze. Kein Radio in Deutschland hat mehr Fans als wir. Im deutschsprachigen Raum liegt nur Hitradio Ö3 und FM4 vor uns. Für uns ist es aber auch eine Erfolgsstory, weil wir mit diesen Zahlen einmal mehr unsere Street-Credibility und Markenstärke beweisen.
Denken Sie, dass alle Medien eine konsequente Social Media Strategie einschlagen sollten?
Für Medien drängt es sich eine integrierte Social Media Strategie gerade zu auf. Für die Medien, die bereits eine Social-Media-Strategie verfolgen, ist dies im Moment sicherlich ein Marktvorteil gegenüber den Usern, aber auch im Werbemarkt gegenüber den Kunden.
Was ist der grösste Fehler, den man mit Communities machen kann?
Communities, in welcher Form auch immer, sind ein fragiles Gut. Viele Fehler, die im Zusammenhang mit Communities gemacht werden, entstehen meistens aus dem Druck die Communities zu kommerzialisieren. Da ist grösste Vorsicht geboten. Communities lassen sich auch nicht kontrollieren. Anhand von aktuellen Beispielen wie zum Beispiel Apple, sieht man auch zu was Communities fähig sind, wenn einmal etwas nicht nach Wunsch läuft. Solche Erfahrungen haben auch schon andere Unternehmen machen müssen.
Sie treten zurzeit in ganz Europa als Facebook-Experte auf. Wie ist das Feedback?
Das Interesse im Moment ist sehr gross. Das freut uns natürlich. Man ist erstaunt, wie ein Schweizer Privatradio zu solchen Social Media-Erfolgen kam und will mehr darüber wissen. Leider können wir aber jeweils kein Geheimrezept preisgeben, sondern lediglich von unseren Erfahrungen und den Schlüssen daraus erzählen. Und was in anderen Bereichen gilt, ist auch bei Social Media der Fall: Auch hier kommt der Erfolg nicht ohne Fleiss.
Was sind wesentliche Herausforderungen, mit denen Ihre Redaktoren im Social Web zu kämpfen haben?
Man muss Social-Media-Aktivitäten in die Prozesse des Unternehmens integrieren. Das erfordert in vielen Bereichen ein Umdenken und kann im Ansatz mit der Integration des Webs vor ein paar Jahren verglichen werden. Unsere Mitarbeiter müssen bei ihrer Arbeit den Social-Media-Kanal in ihre Überlegungen mit einbeziehen.
Schulen Sie Ihre Mitarbeiter im Umgang mit den neuen sozialen Medien?
Unsere Aktivitäten haben sich aus dem Team entwickelt. Das ist das Beste, was einem Unternehmen passieren kann. Eine klassische Schulung gibt es nicht. Wir lernen dauernd dazu und geben das dann intern weiter. Zudem profitieren wir von den Erfahrungen anderer Energy-Stationen im Ausland. Diese Woche treffen sich zum Beispiel Social-Media-Verantwortliche der Energy-Stationen aus verschiedenen Ländern zu einem Workshop in Zürich.
Wie stark wird heute Radio Energy über das Web gehört?
Unsere Zahlen sind grossartig und die Nutzung unseres Portals nimmt stetig zu. Da bei den Webradios im Moment jedoch noch eine einheitliche Messmethode fehlt, überbieten sich die Webradiobetreiber gegenseitig mit schwindelerregenden Zahlen. Wir arbeiten im Moment zusammen mit anderen Marktleadern daran, dass wir beim Streaming bald eine verlässliche Messmethode haben.
Welche Rolle spielen Applikationen für mobile Kommunikationsmittel wie das iPhone?
Eine sehr wichtige Rolle. Gemäss einer aktuellen Studie aus Grossbritannien sind bereits auf über 20 Prozent aller Smartphones mindestens eine Radio-App installiert. Die Entwicklung ist rasant. Unsere Energy Radio-App wurde insgesamt bereits über 600000 Mal gedownloadet, davon 300000 Mal fürs iPhone. Das sind für uns alles Hörer, die unser Angebot auf einem zusätzlichen Kanal nutzen können.
Nimmt die UKW-Reichweite durch den Web-Radio-Konsum ab?
Man muss zwischen der effektiven und der ausgewiesenen UKW-Reichweite unterscheiden. Seit der Einführung von Energy Radio vor über 2 Jahren, unserem Portal mit über 20 verschiedenen Channels nimmt die Nutzung unseres Channels von Monat zu Monat im hohen einstelligen Prozentbereich stetig zu. Web-Radio ist auf dem Vormarsch. Gleichzeitig nimmt auch die Nutzung unseres UKW-Senders übers Internet zu. Da haben wir noch das Problem, dass mit der aktuellen Messmethode von Publicadata diese Hörer nicht erfasst werden können. Jeder Hörer von Energy Zürich übers Internet ist damit ein UKW-Hörer weniger. Das gleiche gilt für Hörer, die uns über Köpfhörer oder über Apps hören. Das Problem ist aber erkannt und die Forschung ist gefordert, da schnell Lösungen zu präsentieren.
Inwiefern macht Werbung in Social Media Sinn?
Sicherlich. Es gibt klassische Werbung auf Social Media und integrierter Kommunikation in Social Media-Kanälen. Für beide Fälle gibt es bereits einige schöne Erfolgstories. Wir integrieren Kunden in unsere Crossmedia-Kampagnen. Immer mehr Kunden wollen Social Media in ihrem Kommunikationsmix und wir können in diesem Bereich verschiedene individuelle Integrationsformen und aber auch Dienstleistungen anbieten.
Wie gestaltet sich die Markenführung?
Social Media ist einfach ein weiterer Kanal für die Markenführung. Wir können uns mit unseren Social Media-Aktivitäten im Markt positionieren, mit bestehenden Hörern interagieren und neue Hörer ansprechen. All das führt zur Stärkung der Marke Energy.
Immer mehr Unternehmen stellen sogenannte Social Media Manager ein. Energy auch?
Social Media kann nicht von der Assistentin oder vom nicht ausgelasteten Marketingleiter zwischendurch erledigt werden. Wenn ein Unternehmen Social Media betreiben will, dann richtig. Dazu braucht es eine Strategie, klare Zuständigkeiten, Knowhow und entsprechende Ressourcen. Wir haben bei Energy eine Person, die dafür verantwortlich ist und werden diesen Bereich in den kommenden Monaten sicherlich auch noch ausbauen.
Wohin könnte die Reise mit Blick auf Social Media gehen? Haben Sie eine Vision?
Solche Prognosen sind immer schwer und von einem, der vor gar nicht allzu langer Zeit in seinem eigenen Unternehmen Social Media verbieten wollte, vielleicht auch nicht ganz aussagekräftig. Ich bin der Meinung, dass Social Media rasant eine weiter zunehmende Bedeutung erhält und fester und wichtiger Bestandteil in jeder Marketingkommunikation wird. In der Schweiz sind zurzeit etwas mehr rund 2.2 Mio. Personen bei Facebook registriert. Das ist ein riesiges Potential. Die grossen Unternehmen haben das erkannt. Sie haben bemerkt, dass ihr Unternehmen bzw. ihre Produkte mit Social Media im Umfeld des Kunden erlebbarer gemacht werden können und zur Kundengewinnung und -bindung beitragen kann.
Sprechen wir kurz noch über die Entwicklung von Energy Zürich. Muss Energy Zürich wegen des kleineren Konzessionsgebietes einen herben Rückgang in den nächsten Radiozahlen befürchten?
Nein, überhaupt nicht. Die Radiozahlen werden diese Woche veröffentlicht und bieten einiges an Sprengstoff. Wir mussten in der Nacht auf den 1. Januar 2010 diverse Sender abstellen und haben seit dem 1. Januar 2010 das kleinere Konzessionsgebiet. Unsere Mitbewerber verkündeten im Vorfeld, dass wir 30 bis 40 Prozent unserer Hörer verlieren. Fakt ist aber, dass wir knapp 6 Monate später kaum verloren haben und in der werberelevanten Zielgruppe trotz des kleineren Sendegebiets zusammen mit Radio 24 zu den führenden Schweizer Privatradios gehören. Damit hat niemand gerechnet und das ist ein grosser Erfolg für uns. Und gleichzeitig kommen andere Sender in Zürich, die seit dem 1. Januar 2010 das grosse Konzessionsgebiet haben, nicht vom Fleck. Das wird frustrierend sein.
Auf was führen Sie das zurück?
An der Basis jedes Erfolges steht ein gutes Produkt. Wir verfolgen seit Jahren eine klare Strategie. Die Konzessionsgeschichte hat uns gestärkt. Wir arbeiten konsequent an unserem Produkt, wagen uns an neue Projekte wie zum Beispiel Social Media und entwickeln uns so stetig weiter. Der Erfolg zeigt sich auch in Bern. Da sind wir seit Lancierung von Energy Bern Anfangs April die klare Nummer 1 im Markt.
Interview: Christian Lüscher
Erfolgreich im Web: Energy-Chef Dani Büchi setzt konsequent auf Social Media.