Spur zur italienischen Mafia erhärtet

Journalistenmord in Slowakei - Die letzte Reportage des ermordeten Jan Kuciak sollte offensichtlich Verbindungen bis in höchste slowakische Regierungsstellen offenlegen. Ringier Axel Springer kündigte an, diese Recherchen weiterzuführen.

Der Doppelmord an einem Journalisten und seiner Verlobten erschüttert die Slowakei. Ein Minister trat am Mittwoch zurück, aus Ärger über Filz und Korruption. Die Hintergründe der Bluttat werden in Mafia-Netzwerken vermutet, die bis nach Italien reichen. Die letzte Reportage des ermordeten Jan Kuciak sollte offensichtlich ein kompliziertes Netzwerk mit Verbindungen bis in höchste slowakische Regierungsstellen offenlegen.

Den unvollständig gebliebenen Text veröffentlichten am Mittwoch slowakische Medien in Zusammenarbeit mit dem Internetportal Aktuality.sk, für das Kuciak gearbeitet hatte.

Der slowakische Kulturminister Marek Madaric, der Filz und Korruption wiederholt angeprangert hatte, erklärte am Mittwoch seinen Rücktritt. «Nach der Ermordung eines Journalisten kann ich mir nicht vorstellen, ruhig weiter Chef dieses Ministeriums zu bleiben, das auch für die Medien zuständig ist», sagte er. Madaric hatte schon länger mögliche Verbindungen zwischen Kriminellen und der Politik angeprangert und den Rücktritt von Innenminister Robert Kalinak gefordert.

Der 27-jährige Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova waren in der Nacht zu Montag in ihrem Haus im Dorf Velka Maca im westslowakischen Bezirk Galanta erschossen aufgefunden worden. Sie waren nach Polizeiangaben durch Schüsse in Kopf und Brust im Stil einer Hinrichtung getötet worden. Innenminister Kalinak liess eine Belohnung von einer Million Euro für Hinweise auf den oder die Täter ausschreiben. Das Geld wurde in dicken Bündeln aus 50er und 100er Euro-Noten präsentiert, die einen ganzen Tisch füllten.

Spur führt zu Ndrangheta

Nach Kuciaks Recherchen hatten sich mutmassliche Mitglieder der kalabrischen Ndrangheta im Osten der Slowakei auf Mehrwertsteuerbetrug sowie Betrügereien um EU-Förderungen spezialisiert. Als daher am Dienstag ein Brand im Steueramt der ostslowakischen Regionalhauptstadt Kosice ausbrach, spekulierten manche Medien, dies könne kein Zufall sein. Offensichtlich brannte aber nur das Dach und es waren keine Dokumente betroffen.

Sollten Kuciaks Recherchen stimmen, wäre es vier italienischen Familien gelungen, Gelder aus staatlichen und EU-Förderungen abzuzweigen und zur Absicherung ihrer Geschäfte Verbindungsleute zu Politikern der sozialdemokratischen Regierungspartei und direkt in das Büro von Regierungschef Robert Fico zu schleusen. Damit hätten sie Zugang zu Staatsgeheimnissen bekommen. Nach Kuciaks Recherchen soll Ficos persönliche Assistentin Maria Troskova früher für italienische Unternehmer gearbeitet haben, die wegen Mafia-Verbindungen im Visier der italienischen Justiz gestanden haben sollen.

Die slowakische Polizei hatte schon am Montag angekündigt, eng mit italienischen Behörden zusammenarbeiten zu wollen. Auch mit der tschechischen Polizei gibt es eine enge Kooperation, weil eine tschechische Journalistin als akut bedroht gilt. Sie hatte mit Kuciak gemeinsam am tschechisch-slowakischen Teil der so genannten Panama-Papers gearbeitet und wie er zu Mafiaverbindungen recherchiert. Neben den Leichen der beiden Ermordeten waren Patronen zurückgelassen worden. Dies wurde als Warnsignal an mögliche weitere Opfer gedeutet.

Newsroom Bratislava

Den unvollständig gebliebenen Text von Kuciak veröffentlichten am Mittwochmorgen mehrere slowakische Medien in Zusammenarbeit mit dem Internetportal aktuality.sk, für das Kuciak gearbeitet hatte. Der Beitrag werde auch in allen Nachrichtenmedien von Ringier Axel Media sowie Medien von Axel Springer und Ringier erscheinen, verkündete der Verlag am Mittwoch. Der Artikel werden gemeinsam mit einem Leitartikel von Peter Bardy, Chefredakteur von aktuality.sk zur Verfügung gestellt. Dadurch soll die Arbeit von Kuciak und seinen Kollegen maximale Aufmerksamkeit erhalten. Darüber hinaus kündigte das Medienhaus, in Bratislava einen Newsroom einzurichten, in dem erfahrene Investigativ-Journalisten die Recherchen von Kuciak weiterführen würden. (sda/dpa/wid)